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Auf zu neuen Ufern

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Patrick Papendorf schließt schon mal die Tür der Diakoniestation. Hier hat er viele Jahre lang gewirkt. © Wisker

Rabenau . Fast zwei Jahrzehnte lang war Patrick Papendorf das Gesicht der Jugendarbeit in Rabenau. Zum Jahresende verlässt er das Lumdatal und bricht auf zu neuen Ufern. Ab dem kommenden Jahr wird er als Dekanatsjugendreferent im Dekanat Büdinger Land tätig sein.

Für den 50-Jährigen - »noch 50, ich werde demnächst 51« - waren es immerhin 18 Jahre. Die Rabenau verlässt er mit einem »weinenden Auge«, erzählt er im Gespräch mit dem Gießener Anzeiger. Haben sich doch über die Jahre hinweg viele Kontakte entwickelt, sind Freundschaften entstanden, die noch heute Bestand haben.

2003 kam er in die Rabenau, kirchliche Jugendarbeit hat den ausgebildeten Diakon im gemeindepädagogischen Dienst - so die ganz offizielle Bezeichnung - schon in seiner Heimatgemeinde Villingen begleitet. Bei Pfarrer Hartmut Lemp habe er zum Beispiel die Sommerfreizeiten unter dem Motto »Der Weg ist das Ziel« schätzen gelernt. Diese Erfahrung hat er mitgebracht, sie in seine Arbeit einfließen lassen - mit Erfolg. »Jedes Jahr fanden mindestens zwei Jugend Freizeiten, Skifreizeiten und mindestens zwei Konfirmandenfreizeiten statt. Wenn man das mal hochrechnet auf die Jahre - dann sind das tausende Jugendliche denen ich in den Jahren begegnet bin. Was mich besonders freut, dass zu vielen - heute jungen Erwachsenen - noch Kontakt besteht und Freundschaften entstanden sind. Was für ein Geschenk für mich.«

Doch es gab noch mehr, dass Papendorf anpackte, ins Leben rief. »Ich bin nicht unbedingt ein Musiker, aber ich spiele Gitarre«, Papendorf nimmt sich selbst eher zurück, legt den Fokus lieber auf die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen als in der Öffentlichkeit zu stehen. Trotzdem hat die Gitarre einiges mit seiner Rabenauer Zeit zu tun. Über die Musik hat er die jungen Menschen erreicht. »Manche spielen heute noch in einer Band.«, Und da sei auch mal Punk oder Rock in der Kirche gespielt worden. Nicht nur das: Gemeinsam mit den Jugendlichen ist auf dem Gelände des Gemeindehauses in der Gießener Straße die Scheune zu einem Probenraum ausgebaut worden. Auch beim Ausbau des Treffpunkts im Hauptgebäude der Diakoniestation 2013 haben die jungen Leute tatkräftig mitangepackt. »Alle Arbeiten über vier Monate wurden von Jugendlichen und mir ausgeführt. Wände entfernt, Fliesen in der Küche, Decken, Tapeten, Laminatböden - da können sie sich vorstellen, dass mein Herz an diesen Räumen hängt«, schwingt ein bisschen Wehmut mit.

Als er angefangen habe, sei ja nichts dagewesen, jeder neue Schritt ein Risiko. Papendorf lässt den Blick durch den Raum schweifen, lächelt. »Da ist schon toll geworden hier.« Genau wie mit der Musik hat er auch auf diesem Weg junge Menschen erreicht. »Viele haben sich nach der Schule hier getroffen.« Alle habe er sicher nicht erreichen können, aber Zwang ist auch nicht sein Ding. »Jugendarbeit passiert oft im Verborgenen, die eigentliche Jugendarbeit sieht man meist nicht.«

Der scheidende Gemeindepädagoge kommt noch einmal auf die Freizeiten zu sprechen. Man ist einfach losgefahren, das grobe Ziel war klar. Von dort aus haben die Jugendliche geschaut, was sie gerne sehen wollten, wohin die Reise weiter gehen sollte.

»Einmal waren wir in Irland. Da ist uns der Bus liegengeblieben. Unser Pech: In dem Ort war gerade ein Pferderennen, alle Zimmer ausgebucht.« Die irische Gastfreundschaft bescherte der Reisegruppe eine bis heute gern erinnerte Erfahrung. Ein Ire - »Peter hieß er« - erbarmte sich, bot den »Gestrandeten« seinen Garten zum Campen an . Nicht nur das: »Er hat uns erklärt, er lasse die Haustür offen, damit wir die Toilette benutzen können. Das muss man sich mal vorstellen. Der kannte uns doch gar nicht.«

Sicher war nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Als Patrick Papendorf seine Stelle in Rabenau antrat, teilten sich Gemeinde und Dekanat die Stelle. Ein Blick zurück: 2003 haben die evangelischen Kirchengemeinden der Rabenau zusammen mit der Gemeinde Rabenau einen Gemeindepädagogen und Jugendpfleger für die Rabenau eingestellt. »Es war für beide Seiten eine Lösung, die finanziell machbar war und die es ihnen ermöglichte, den Auftrag Jugendarbeit zu leisten, zu erfüllen«, so Jörg Gabriel, Pfarrer und stellvertretender Dekan im Dekanat Grünberg.

Doch seit 2009 habe sich die Gemeinde Rabenau langsam, aber beständig aus der gemeinsam verantworteten Jugendarbeit verabschiedet. Schon damals war die Kommune finanziell nicht auf Rosen gebettet, es musste gespart werden. So schaut man, wo das geht und kürzte den kommunalen Anteil an der gemeinsam geschaffenen Gemeindepädagogenstelle auf nur noch ein 25 Prozent Beteiligung. »Im Hintergrund stand sicher bei manchen Gemeindevertretern der Gedanke, Jugendarbeit auf dem Dorf könne sicher auch der Verein gut leisten, und dass wesentlich günstiger, nämlich ehrenamtlich für fast umsonst«, mutmaßt Gabriel. Ende 2017 kündigte die Gemeinde Rabenau die Zusammenarbeit mit dem Dekanat und den Kirchengemeinden ganz auf und verwies wiederum auf die knappen Finanzen. Die Jugendzentren sollten künftig von den Ortsvorstehern im Auge behalten werden. Papendorf könne gerne von Zeit zu Zeit vorbeischauen, beschied man diesem. »Doch so enfach ist das nicht, so funktioniert das nicht«, erklärt Papendorf. Offiziell war er nun nicht mehr zuständig, da nutzte auch ein »Vorbeischauen« nichts.

Jörg Gabriel findet auch im Nachhinein noch klare Worte: »Kein Hinweis darauf, dass die evangelische Kirche in der Rabenau sehr viel Einsatz mitgebracht hatte, indem die Kirche die Verantwortung für eine Arbeitsstelle übernahm, indem sie ein Jugendhaus zur Verfügung stellte sowie einen Jugendbus finanzierte.« Es sei aber den Kirchengemeinden mit Hilfe des evangelischen Dekanates Grünberg gelungen, die Arbeitsstelle zu sichern, so dass Papendorf weiterbeschäftigt werden konnte. Sein Arbeitsbereich verlagerte sich in das Gebiet des Dekants Grünberg, einzig der Arbeitsplatz im Jugendhaus verblieb in der Rabenau.

In der jüngsten Sitzung der Rabenauer Gemeindevertretung stand das Thema Jugendarbeit wieder auf der Agenda (der Anzeiger berichtete). Gibt es einen Rat, den Patrick Papendorf einem möglicherweise neuen Jugendpfleger geben würde? Der 50-Jährige überlegt kurz. Einen Rat an sich habe er nicht. »Er soll seine Arbeit machen und sich nicht von der Politik ›treiben‹ lassen. Er soll schauen, was gut für die Jugendlichen ist und nicht, was Politiker gerne in der Presse lesen wollen.«

Die in über fast zwei Jahrzehnten in Rabenau entstandenen Kontakte und Freundschaften will er auf jeden Fall weiterpflegen. Ein Blick zurück im Bösen kommt ihm trotz aller Widrigkeiten nicht in den Sinn: »Für mich waren es viele schöne Jahre in der Rabenau mit vielen tollen Menschen, Kolleginnen und Kollegen.«

In einem Gottesdienst am 30. Januar 2022 ab 19. Uhr in der evangelischen Kirche Londorf wird Patrick Papendorf offiziell verabschiedet.

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