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Aus den Augen, nicht aus dem Sinn

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Dieser Eisvogel ziert Krafts Haus. Foto: Schu © Schu

Der Grüninger Achim Kraft erschafft dank seiner großen Kreativität wunderschöne Holzskulpturen. Dass er im Erwachsenenalter erblindete, hindert ihn keineswegs daran.

Pohlheim. »Eine Erblindung im Erwachsenenalter ist sehr einschneidend. Als erstes verliert man den Job, dann verlieren viele den Ehepartner, das ganze Umfeld bleibt weg, so wie es bei mir auch war, mit denen, die so in meinem Alter waren«, das sagt Achim Kraft aus Grüningen im Gespräch mit dem Gießener Anzeiger. Der ehemalige Landschaftsgärtner verlor 1998 - seine Tochter war damals gerade ein Jahr alt - durch Diabetische Retinopathie sein Augenlicht.

Zu diesem Zeitpunkt war der in Gießen geborene Kraft 29 Jahre alt und bei der Justus-Liebig-Universität Gießen als Garten- und Landschaftsgestalter für die Parkanlagen rund um das Schloss Rauischholzhausen zuständig.

Nach zwei Jahren - es war im September 2000 - hat er mit einer blindentechnischen Grundausbildung und anschließender Umschulung im Blindeninstitut Würzburg begonnen. Dazu gehörte auch das Erlernen der Braille-Punktschrift (Blindenschrift) und lebenspraktischer Fertigkeiten. Auch das Arbeiten am Computer mit Einweisung etwa in Outlook, Word und Excel war Bestandteil. Dem folgte beim Berufsförderungswerk Würzburg die Ausbildung zum Telekommunikationsoperator. Danach konnte Kraft seinen Dienst bei der Universität Gießen fortsetzen und arbeitete von nun an bis zu seiner Berentung im Jahre 2015 in der Telefonzentrale. Nicht nur telefonieren, sondern im Internet auch für Bedienstete recherchieren, das gehörte zu seinen Aufgaben. Alles, was man auf dem Bildschirm sehen kann, bekam er über Sprachausgabe.

Über viele Jahre hinweg hatte der Grüninger Blindenführhunde. Gerne erinnert er sich an Joda, einen Labrador, der in Berlin ausgebildet wurde. Mit ihm war er in Hamburg, Nordhorn, Köln, Aachen, Augsburg, Nürnberg, München und in vielen anderen Städten unterwegs. Er ist froh, dass er im Herbst dieses Jahres wieder einen Blindenführhund bekommt.

In all den Jahren kam bei Achim Kraft nie Langeweile auf. In den vergangenen zehn Jahren organisierte er in einem Gießener Restaurant »Dark Dinner« - Essen in absoluter Dunkelheit wie für Sehbehinderte. Mit dieser Veranstaltung hat er ein wenig mehr Sensibilität für die Probleme sehbehinderter Menschen hervorgerufen. Dies fand einmal im Monat sonntags statt, später kam die gleiche Veranstaltung freitags in Fulda hinzu.

Seit vielen Jahren besucht er mehrmals jährlich auch die Ricarda-Huch-Schule in Gießen, immer die 6. Klasse. Dabei informiert er die Schülerinnen und Schüler, wie es sich mit der Blindenführung, Sprachausgabe und der Blindheit verhält. Leider ging in Corona-Zeiten nichts, wie er bedauerte, doch wie es derzeit aussieht, soll er weitermachen. Für Achim Kraft ist dies eine sehr große Anerkennung, dass die Schule ihn weiter haben möchte.

Fehlende Sensibilität

Auch von fehlender Sensibilität und negativer Erfahrung mit seiner Blindheit blieb Achim Kraft nicht verschont. So wurde ihm, der von seinem Blindenhund begleitet wurde, 2014 einmal der Eintritt in eine Gaststätte am Berliner Platz in Gießen mit der Begründung untersagt, dass Hunde drinnen nicht erwünscht seien. Das hatte damals bundesweit hohe Wellen geschlagen.

Ein einschneidendes Erlebnis hatte Achim Kraft, der als Landschaftsgestalter schon immer mit Holz und Bäumen zu tun gehabt hat, als ihm seine Frau vor zwei Jahren zum Geburtstag eine Holzlampe schenkte. Die Person, die die Lampe hergestellt hatte, hatte auch bei dem 2021 bezogenen neu erbauten Wohnhaus sämtliche Elektroarbeiten samt Licht entworfen, geplant und eingebaut. Inspiriert durch das Präsent kam ihm der Gedanke, derartige Lampen und Skulpturen aus Holz selbst herzustellen. Mit einem Stück Eiche, das eigentlich für Brennholz vorgesehen war und ein bisschen außergewöhnlich aussah, fing er an, zu schnitzen und zu feilen, hat probiert und so seine ersten Schritte in der Herstellung von Skulpturen gemacht.

In seiner Werkstatt fühlt er sich wohl, da kann er sich Tag für Tag im wahrsten Sinne des Wortes »austoben« und ist manchmal bis spät abends da. Sein künstlerisches Werken ist für ihn im Prinzip wie Arbeit. Achim Kraft sprüht förmlich vor künstlerischen Ideen. Alles, was er nicht zum Verbrennen braucht, wird zu Lampen oder Skulpturen verarbeitet. Verschiedene Holzarten wie Kastanie, Eiche, Erle oder Ahorn lagern bereits in seiner Werkstatt und warten teils noch darauf, dass sie vollkommen ausgetrocknet sind. Ideen scheinen ihm nicht auszugehen. Auch für Achim Kraft ist es stets ein Erlebnis, wie aus einem ganz normalen Stück Holz irgendetwas wird. Seine Kunst ist außergewöhnlich, er formt und stellt Kunstwerke her, die er selbst nie sehen wird. Die Werke des Pohlheimer Künstlers werden auch zum Kauf angeboten. Ehefrau Astrid Nestler hat ihn schon für verschiedene Märkte angemeldet, wie beispielsweise im Kloster Eberbach im Dezember dieses Jahres. So richtig aufmerksam geworden auf Achim Kraft ist die Bevölkerung unlängst bei der zweitägigen Veranstaltung »Pohlheim macht auf«, als die Besucherinnen und Besucher durch seine Werkstatt geführt wurden. Wer wollte, bekam eine Schwarzbrille auf, sodass er auch »erblindet« war.

Ziel dieser Aktion war der Abbau von Barrieren, das Erlebnis und die Möglichkeiten einer anderen Wirklichkeit und das Erfahren, Ertasten und Wahrnehmen mit den Händen, den Ohren und der Nase. Achim Kraft spendete eine Skulptur, die versteigert wurde und deren Erlös für die 1225-Jahr-Feier von Grüningen im Jahr 2024 bestimmt ist.

Gefährlich wird das Arbeiten mit Maschinen, vor allem dann, wenn man nichts sieht. Auch das hat Achim Kraft schon am eigenen Leib gespürt. Davongetragene Merkmale sind zwei Finger, die er nicht mehr bewegen kann, seit er sie unter einem 16-Tonner-Holzspalter hatte. Dies passiert jedoch auch Sehenden. Wenn er in seiner Werkstatt arbeitet, ist er vollkommen fokussiert und am liebsten alleine, dann wird er nicht abgelenkt.

Übrigens: Sein Kaminholz macht er ebenfalls selber, mit allen Geräten, die dazugehören, wie Motorsäge oder Axt. Zusammen mit seinem Nachbarn hat er zuletzt 60 Raummeter Holz verarbeitet, darüber hinaus haben beide auch das Pflaster in und vor der Werkstatt verlegt.

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Astrid Nestler ist die Frau an Achim Krafts Seite. Nur bei der Arbeit ist er lieber ungestört. Foto: Schu © Schu
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Achim Kraft (r.) öffnete beim Event »Pohlheim macht auf« seine Werkstatt. Die Besucher konnten mittels Schwarzbrille erleben, was es bedeutet, bei der Arbeit nichts zu sehen. Foto: Schu © Schu

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