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Aus für Truplast in Lang-Göns

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Der Stammsitz der Firma Truplast in Lang-Göns wird zum 31. Oktober geschlossen. 79 Mitarbeiter verlieren ihren Job. Foto: Rieger © Rieger

Seit 1974 gibt es das Unternehmen Truplast in Lang-Göns. Zum 31. Oktober ist Schluss, 79 Mitarbeitern wurde gekündigt.

Langgöns. (imr). Erst 2019 hatte das Unternehmen Truplast Kunststofftechnik GmbH expandiert und das Gebäude einer benachbarten Firma übernommen. Jetzt gibt Truplast überraschend den Lang-Gönser Heimatstandort auf. Alle 79 Mitarbeiter in Produktion und Verwaltung verlieren ihre Stelle.

Ende Juli hatte die Belegschaft in einer Betriebsversammlung erfahren, dass die Unternehmensleitung das Werk zum 31. Oktober aufgibt. Dies bestätigte Robert Richard Karsch, Assistent der Geschäftsführung, dem Gießener Anzeiger: »Die Entscheidung, das Stammhaus zu schließen, ist uns sehr schwergefallen, aber uns blieb keine andere Wahl.«

Truplast produziert Schlauchsysteme für Staubsauger und hat Kunden in aller Welt. Das Unternehmen wurde 1974 in der Kerngemeinde Lang-Göns »Am Wingert« gegründet. Es unterhält weitere Standorte in Thüringen und in Ungarn, die weitergeführt werden, sowie eine Unternehmensbeteiligung in Hongkong. Heute gehört das Unternehmen Kindern des verstorbenen langjährigen Geschäftsführers Georg Linhart.

Karsch begründete die Schließung damit, dass Aufträge mehrerer großer Kunden auslaufen oder beendet würden. Die Produktion von Staubsaugern mit Schläuchen gehe zurück - zugunsten von Saugrobotern, die ohne Schläuche auskommen. Das Unternehmen habe die Umsatzausfälle auf einem »heiß umkämpften« Markt nicht kompensieren können. Darüber hinaus verwies Karsch auf die »sprunghaft gestiegenen Fixkosten, hier insbesondere die Beschaffungskosten für Rohstoffe und Granulate, die Personalkosten und die Energiekosten«. Vor diesem Hintergrund sei eine wettbewerbsfähige Produktion am Standort Lang-Göns nicht mehr möglich.

Im Lagebericht von Truplast zum Abschluss des Geschäftsjahrs 2020 hieß es noch, die geschäftlichen Aktivitäten hätten sich »besser entwickelt als erwartet«, es gebe »positive Tendenzen« und das Jahr sei unter Berücksichtigung der Pandemie »gut« verlaufen. Im genannten Berichtsjahr seien auch »umfangreiche Rationalisierungsmaßnahmen in Angriff genommen« worden.

»Nicht genug Umsatzvolumen«

Das Ausmaß der aktuellen Entwicklungen sei im vergangenen Jahr noch nicht absehbar gewesen, erläuterte Karsch. »Wir hatten auf eine Erholung des Marktes nach der Pandemie gehofft. Stattdessen führte die hohe Inflation zu einer Kaufzurückhaltung bei Verbrauchern, die dafür sorgt, dass selbst Aufträge mit auskömmlichen Preisen einfach nicht genug Umsatzvolumen generieren, um die Fixkosten zu erwirtschaften.« Laut Karsch sind »alle negativen Effekte seit gut einem Jahr« aufgetreten und wirkten »sich sehr negativ auf die Wirtschaftlichkeit des Betriebs in Lang-Göns aus«.

Was mit den Betriebsräumen und den Maschinen geschieht, sei noch offen: »Dafür ist es noch zu früh. Wir müssen den Zustand der Gebäude von Fachleuten zunächst inspizieren lassen, nachdem die alten Anlagen und Einrichtungen demontiert sind, um danach zu entscheiden, wie insbesondere die Gebäude und die Halle genutzt werden können«, berichtete der Assistent der Geschäftsführung.

Einen Sozialplan gibt es nicht. Ein Mitarbeiter, der anonym bleiben möchte, berichtete, dass mit einer Reduzierung gerechnet worden sei, »aber nicht mit der völligen Schließung des Stammwerks. Als die Bombe bei der Betriebsversammlung platzte, waren wir schockiert und wie gelähmt. Noch am selben Tag lagen die Kündigungen für die Mitarbeiter abholbereit«.

Viele Kollegen hätten jahrzehntelang für Truplast gearbeitet. Abfindungen seien von der Geschäftsführung nicht vorgesehen: »Da werden Menschen um Jahresgehälter gebracht«, kritisierte der Mitarbeiter. Einen Betriebsrat habe es bei dem Unternehmen nie gegeben. Zum Glück sei der Markt noch »relativ gut«, einige Mitarbeiter hätten bereits Vorstellungsgespräche in anderen Betrieben gehabt. »Wir hoffen alle, dass wir in Firmen im Ort oder in der Region unterkommen.«

Bürgermeister Marius Reusch (CDU) zeigte sich von den Plänen der Geschäftsführung sehr betroffen: »Diese Schließung ist ein Schlag für die Gewerbelandschaft in Langgöns, insbesondere für die Beschäftigten von Truplast, das ein alteingesessenes, bewährtes Unternehmen war.« Die Nachricht sei für ihn angesichts der Erweiterung 2019 sehr überraschend gewesen. »Die Zeichen standen auf Standortsicherung, Truplast war ein wichtiger Arbeitgeber im Ort. Es hängen an dieser Schließung nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch deren Familien, regionale Zulieferer und andere ortsansässige Strukturen«, betonte Reusch. Wenn es zutreffe, was er zur Art und Weise, wie die Mitarbeiter über die Schließung informiert wurden, gehört habe, sei dieses Vorgehen »mehr als enttäuschend«.

Nachfolgenutzung des Geländes

Die Gemeinde wolle nun gerne als Vermittler auftreten, um den Gekündigten zu helfen, ortsnah Arbeitsplätze zu finden. Als zweites müsse man Gespräche führen, um die Fläche, auf der Truplast bislang ansässig war, wieder einer guten Nutzung zuzuführen, »damit sich interessante Unternehmen ansiedeln«.

»Wir sind bestürzt über die angekündigte Schließung des Produktionsstandorts von Truplast«, erklärte Robin Mastronardi, Gewerkschaftssekretär der DGB-Region Mittelhessen aus Gießen. Klar sei, dass eine solche Schließung in »Gutsherrenmanier« mit starken Gewerkschaften und einem Betriebsrat nicht möglich gewesen wäre. »Leider haben wir in dieser Angelegenheit keine Handlungsoptionen, da sich der Betrieb und die Belegschaft der gewerkschaftlichen Organisation und letztlich dem Aufbau betrieblicher Mitbestimmungsstrukturen entzogen hat«, bedauerte er.

»Die Schließung in Lang-Göns zeigt, wie wichtig Betriebsräte und Gewerkschaften nicht nur für Arbeitnehmer sind, sondern für unsere gesamte Region«, betonte der Gewerkschaftssekretär. An vielen Stellen hätten Betriebsräte, wie kürzlich bei RHI Magnesita in Mainzlar (der Anzeiger berichtete), ursprünglich beabsichtigte Betriebsschließungen abwenden können. »Mainzlar zeigt, wie es gehen kann und wie einflussreich Betriebsräte sind, um Arbeitsplätze und regionale Kaufkraft zu sichern und unsere Region auch in Krisenzeiten zu stabilisieren. Mitbestimmung hält die Region zusammen.«

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