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Automaten als Alternative?

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Kreis Gießen . »Fleischsalat und Pfefferbeißer sind momentan die Renner«, sagt Louisa Stein. Gemeinsam mit Schwester Leonie kümmert sich die 24-Jährige um den Automaten, der seit wenigen Wochen an der Gottlieb-Daimler-Straße in Lich steht. Weil das traditionsreiche Licher Metzgergeschäft von Vater Andreas Stein ebenso wie viele andere Fleischereien unter Personalmangel leidet, entschied man sich für einen Verkaufsautomaten.

Für die Landmetzgerei Kielbassa in Grünberg-Lardenbach ist das gegenwärtig noch kein Thema. Metzgermeister Hans-Georg Kielbassa, der mit seiner Frau Beate noch eine Filiale in Laubach betreibt, hat derzeit (noch) keine Schwierigkeiten, Personal zu finden.

»Das ist leider die Ausnahme«, erläutert Obermeister Jan Zimmermann. »Fast alle Mitglieder unserer Fleischer-Innung Mittelhessen-West klagen zum Teil über existenzbedrohende Probleme bei der Mitarbeitersuche«.

Nicht nur Auszubildende im Metzgerhandwerk würden dringend gesucht, vor allem hinter der Theke fehle es fast überall an Personal.

Ein guter Name reicht offensichtlich nicht aus: Selbst ein alt-eingesessenes Fachgeschäft wie die Metzgerei Stein, deren Spezialitäten weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt sind, findet kein Verkaufspersonal.

Sogar den lukrativen Pavillon in den Marktlauben beim Gießener Wochenmarkt musste man vorläufig schließen, um sich samstags auf das Stammgeschäft in der Licher Bahnhofstraße konzentrieren zu können.

»Wir suchen händeringend Mitarbeiterinnen, doch trotz angenehmer Arbeitszeiten und guter Bezahlung gestaltet sich das schwierig«, schildert Senior-Chefin Rosi Stein. »Da blieb uns nichts anderes übrig, als auch am Montag den ganzen Tag zu schließen. Immerhin können wir dann auch etwas durchschnaufen, denn der Partyservice zieht nach der Lockerung der Corona-Auflagen jetzt wieder deutlich an. Und da sind wir mit unserem Catering meistens am Wochenende gefragt«, versucht sie der Situiation auch etwas Gutes abzugewinnen.

Rund um die Uhr im Einsatz

Der Selbstbedienungsautomat, der 24 Stunden am Tag frische Wurstwaren bereit hält, werde gut angenommen, so Louisa Stein. Man überlege bereits, weitere Automaten anzuschaffen.

»Immer mehr Metzgereien aus unserer Innung haben einen oder mehrere Verkaufsautomaten. Vor allem im Sommer, mit Grillgut bestückt, laufen diese Automaten sehr gut.«, weiß auch Obermeister Zimmermann.

Massive Probleme beim Nachwuchs

»Allerdings gibt es nicht nur im Fleischerhandwerk ein massives Nachwuchsproblem«, meint Zimmermann.

Doch warum landen auf der Beliebtheitsskala der angehenden Azubis Fleischerei-Fachverkäuferinnen regelmäßig auf den letzten Plätzen? »Leider hat die Branche noch ein sehr negatives Image. Der Metzger oder die Metzgerin und die klassischen Fleischerei-Fachverkäuferinnen sind von der Wahrnehmung her recht altmodisch geprägt. Junge Menschen werden zudem durch den Trend, sich vegan oder vegetarisch zu ernähren, schon früh geprägt«, erläutert der Obermeister. Zum Einen fehle es schlicht an Nachwuchs, zum Anderen würden auch viele Mitarbeiter abgeworben. Nicht unbedingt von anderen Metzgereien, sondern vor allem auch aus anderen Branchen.

»Wir müssen uns frühzeitig an die Schulen wenden und das Handwerk generell wieder mehr bei den jungen Menschen ins Gespräch bringen«, sieht Zimmermann eine Chance für die Zukunft.

Handwerk in Gefahr

In diesem Zusammenhang kritisiert er auch die Ausrichtung des Unterrichts: »Viele berufsvorbereitende Tage an den Schulen legen den Fokus zu sehr auf das Studieren. Wenn der Trend so weiter geht, wird das Handwerk irgendwann aussterben.«

Früher sah das noch anders aus: Der umtriebige Bierbrauer und Pferdehändler Jakob Stein hatte 1904 die Idee, nicht weit entfernt vom Licher Hauptbahnhof und der neuen »Bimmelstation« einen Gasthof zu errichten. Schon sehr schnell kam zum normalen Ausschank auch eine kleine Fleischerei für den Hausgebrauch hinzu, die sich unaufhaltsam weiter vergrößerte. Seit fünf Generationen gibt es die Metzgerei, immer mit Meistern aus der Familie Stein,

Louisa Stein hat kürzlich mit Mutter Jutta das Sortiment im Automaten um Grillspezialitäten erweitert. »Wer dann spontan grillen möchte, kann auch abends und am Wochenende unsere Grillspezialitäten besorgen.«

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Jan Zimmermann © privat

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