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»Bei Finanzen kenne ich mich aus«

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Von: Volker Böhm

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Am ersten Arbeitstag ist der Schreibtisch noch Akten-frei: Frank Ide hat sich für das neue Amt als hauptamtlicher Kreisbeigeordneter dafür entschieden, seine Unterlagen digital und nicht auf Papier zu bekommen. Foto: Böhm © Böhm

Frank Ide war 18 Jahre Bürgermeister in Grünberg und ist seit Montag hauptamtlicher Kreisbeigeordneter. Ab Mittwoch ist er für drei Tage der Chef der Kreisverwaltung.

Kreis Gießen. Elche in verschiedenen Formen - das fällt dem Besucher auf, der das Büro von Frank Ide in der Kreisverwaltung betritt. Kleinere Figuren auf dem Schreibtisch, zwei größere auf dem Sideboard, ein Bild an der Wand. Was hat sich ansonsten im Büro geändert mit dem Wechsel von Hans-Peter Stock zu Frank Ide? »Nix«, antwortet der Grünberger, der am 1. Januar sein neues Amt als hauptamtlicher Kreisbeigeordneter angetreten hat. Der erste Arbeitstag am Montag begann mit einem kleinen Rundgang durch die Kreisverwaltung. In der Personalabteilung erhielt er die Chipkarte für den Zugang zum Gebäude, später von einem Mitarbeiter der IT den Umschlag mit den Passwörtern, so dass er Zugriff aufs System und die E-Mails hat. Auf der Homepage des Landkreises ist der personelle Wechsel auch bereits vollzogen.

Mit welchem Gefühl sind Sie heute Morgen hierhergekommen?

Ich war neugierig. Eher das als aufgeregt. Aber es ist etwas Besonderes, schließlich habe ich noch nicht so oft die Arbeitsstelle gewechselt.

Haben Sie schon erste Termine oder ist es eine ruhige Woche?

Es ist ein ruhiger Start ohne Außentermine. Meine Kollegen Christopher Lipp und Christian Zuckermann haben Urlaub, Landrätin Anita Schneider ab Mittwoch ebenfalls. Ich habe schon gewitzelt: »Mutig, dass ihr mir drei Tage lang alles überlasst.«

Ende September 2021 haben Sie die Bürgermeisterwahl in Grünberg knapp gegen Marcel Schlosser (CDU) verloren. Wie lange haben Sie gebraucht, um diese Niederlage nach 18 Jahren im Amt zu verarbeiten?

Das hat schon bis zum Ende meiner Amtszeit Ende Januar 2022 gedauert. Ich hätte gerne noch sechs Jahre gemacht. Aber im Nachhinein ist es gut, wie es gekommen ist. Dass sich die Chance hier aufgetan hat, ist auch schön.

Wie war der Plan? Was wollten Sie tun nach der Niederlage?

Ich hatte erstmal nichts und wollte in der Auszeit entscheiden, ob ich noch etwas Neues machen wollte oder ob ich als Pensionär daheim bleibe. In 18 Jahren bleibt auch zuhause viel liegen und man hat zu tun. Aber nach ein paar Monaten habe ich mir schon gedacht, dass es nicht mein Ding ist, morgens um 11 Uhr schon vor dem Fernseher zu sitzen.

Wann haben Sie erfahren, dass Hans-Peter Stock aufhören will?

Im November 2021. FW-Vorsitzender Kurt Hillgärtner hat zu mir gesagt: »Das ist doch optimal für Dich, Frank. Du bist ja jetzt frei.« Aber ich brauchte Bedenkzeit und habe mich dann im Mai 2022 entschieden. Ich bin schon vor sechs Jahren wegen der Nachfolge gefragt worden, als der damalige Erste Kreisbeigeordnete Dirk Oßwald aufgehört hat. Aber damals wollte ich lieber Bürgermeister bleiben.

Sie sind unter anderem zuständig für Finanzen, Soziales und Senioren, Kinder- und Jugendhilfe, das Flüchtlingswesen und das Gesundheitsamt. Was qualifiziert Sie für das Amt?

In 18 Jahren als Bürgermeister bekommt man einen sehr intensiven Einblick in die Verwaltung. Seit 2006 gehöre ich dem Kreistag an und habe über viele Themen mitentschieden. Ich bin jemand, der vermitteln kann. Beim Kreis ist schließlich alles ein bisschen politischer als es in Grünberg war.

Vermitteln innerhalb des Kreisausschusses oder zwischen Kreis und den Bürgermeistern?

Beides. Ich habe von den ehemaligen Kollegen viel positive Resonanz bekommen, dass nun die kommunale Sichtweise beim Landkreis einziehen würde.

Bei welchem Ihrer Aufgabengebiete sind Sie im Thema, bei welchen müssen Sie sich einlesen und informieren lassen?

Bei Finanzen kenne ich mich aus. Mit dem Gesundheitsamt hatte man als Bürgermeister nur wegen Corona zu tun. Die Kinderbetreuung war auch in Grünberg eines meiner Steckenpferde. Da gibt es regelmäßige Kontakte zur Frage, wo noch Plätze geschaffen werden können. Mit dem Jugendamt hat man als Bürgermeister kaum zu tun, höchstens, wenn man erfährt, dass ein Kind wegen des Verdachts der Kindeswohlgefährdung aus der Familie geholt werden musste. Und beim Bereich Soziales mit Themen wie Bürgergeld und Wohngeld werde ich die meisten Fragen haben.

Von der Zahl der Arbeitsstunden wird es wohl kein Unterschied zum Dasein als Bürgermeister sein, oder?

Die 18 Jahre in Grünberg waren ein Hamsterrad, 60/70 Stunden die Woche waren normal. Ich habe nie länger als zwei Wochen am Stück Urlaub gemacht. Hier werde ich sicher weniger Abend- und Wochenendtermine haben. Als Bürgermeister hat man kein freies Wochenende. Hier nimmt meistens die Landrätin Termine wahr wie die Verleihung von Landesehrenbriefen oder ein Grußwort bei einem Vereinsjubiläum.

Was ist das wichtigste Projekt im ersten Jahr?

Die Unterbringung der Flüchtlinge. Die zehn neuen Laumann-Gemeinschaftsunterkünfte für 300 Personen sind aufgestellt. Die ersten sind vor Weihnachten bezogen worden, andere werde in diesen Tagen eingerichtet. Zuletzt hat das Regierungspräsidium uns rund 50 Menschen pro Woche zugewiesen. Mal sehen, wie es weitergeht. Das andere große Projekt ist das neue Wohngeld, wo mit sehr vielen Anträgen zu rechnen ist.

Wie ist der Zeitplan für den Bau der fünf festen Häuser für Flüchtlinge in Allendorf, Lich, Hungen und Pohlheim?

Das dauert sicher bis zum zweiten Quartal dieses Jahres, bis sie aufgestellt sind.

Gibt es noch ausreichend Plätze oder erhält der Kreis weitere Angebote für Immobilien, die als Gemeinschaftsunterkünfte geeignet sind?

Die Wohnungsbörse, bei der Menschen privat Zimmer zur Verfügung gestellt haben, lief sehr gut. Das war eine tolle Sache. Aber da kommt nicht mehr viel. Der Fachdienst Migration hat ausgerechnet, dass der bestehende Platz nur bis Februar reicht. Deshalb wurde vor vier Wochen die Parole ausgegeben, alle Immobilienangebote nochmal zu prüfen, auch solche, wo umgebaut oder renoviert werden müsste. Dadurch könnten wohl weitere 100 Plätze generiert werden. Wir lassen alle Mietverträge über den Winter weiterlaufen, weil ich das Risiko nicht eingehen möchte. Wir wollen auch weiterhin keine Sporthalle, keine Turnhalle, kein Bürgerhaus belegen müssen.

Themenwechsel: Wie steht der Landkreis finanziell da?

Die vergangenen Jahre ist gut gewirtschaftet worden und es gibt Rücklagen, das ist ein großer Vorteil. Deshalb konnte man die Kreisumlage senken und deshalb haben wir drei Millionen Euro im sogenannten Kreisausgleichsstock, um damit finanzschwache Kommunen unterstützen zu können. Wenn es aber positiver läuft als geplant und der Kreis sechs oder sieben Millionen Euro Überschuss hat, dann könnte der Kreisausgleichsstock auch fünf oder sechs Millionen Euro enthalten. Wir hoffen, dass das Regierungspräsidium den Haushalt und den Ausgleichsstock genehmigt. Aktuell gibt es zwar ein Defizit im Haushalt, aber das kann durch die Rücklagen ausgeglichen werden. In den nächsten Jahren werden die Schulden steigen, zum Beispiel wegen der Investitionen in neue Schulgebäude. Aber das sind langfristige Schulden und es werden Werte geschaffen. Aber dennoch steigen die Ausgaben durch Abschreibungen und Zinsen.

Und in der Konsequenz wird die Kreisumlage wieder erhöht?

Es ist wahrscheinlicher, dass die Kreisumlage innerhalb der nächsten zwei Jahre angehoben wird, als dass sie nochmal gesenkt wird.

Wie ist das Klima in der Koalition mit CDU und Grünen?

Wir arbeiten gut miteinander. Jeder versucht, seine Themen in den Vordergrund zu bringen, aber da muss man manchmal auch Kompromisse machen. Ich mache gerne Kompromisse, bevor etwas auf der Strecke bleibt. Viele Vorschläge sind ja gar nicht verkehrt, unabhängig davon, von wem sie kommen. Und bevor man aus rein politischer Sicht »Nein« sagt, versucht man einen Kompromiss. Das ist für mich nicht als kleinster gemeinsamer Nenner negativ besetzt.

Wie ist das Klima im hauptamtlichen Kreisausschuss mit Landrätin Schneider, dem Ersten Kreisbeigeordneten Lipp und dem hauptamtlichen Beigeordneten Zuckermann?

Auch da stehen die politischen Seiten manchmal gegeneinander. Ich hoffe, dass ich da auch vermitteln kann. Es geht nicht darum, wer seine Themen am besten verkauft hat und bei der nächsten Wahl 1,5 Prozent mehr bekommt. Stattdessen müssen wir zusammenarbeiten und das Beste für den Landkreis Gießen erreichen.

Frank Ide ist 60 Jahre alt. Nach dem Abitur an der Theo-Koch-Schule absolvierte er seine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Sparkasse Grünberg. Nach einigen Jahren wechselte er 1989 zur Sparkasse Gießen und absolvierte berufsbegleitend ein Studium zum Betriebswirt. 1991 ging er zurück zur Sparkasse Grünberg, wo er für das Wertpapiergeschäft zuständig war. Von 2004 bis 2022 war Ide Bürgermeister in Grünberg. Zuvor hatte er zehn Jahre das Amt des Stadtbrandinspektors inne - als Nachfolger seines Vaters Ernst-Ludwig. Der 60-Jährige gehört weiterhin der Einsatzabteilung der Grünberger Feuerwehr an. Er hat einen Sohn. Zu den Hobbys zählen Hund Mika - ein neunjähriger Mix aus Golden Retriever, Labrador und Australian Shepherd -, Fotografie, Fahrradfahren und Kegeln. (vb)

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