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»Bei manchen Sachen sind wir raus«

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Annemarie Stein, Eva Berck und Gaby Rehnelt (v. l.) sind gerne offline - und möchten das auch bleiben. © Mosel

Für ältere Menschen ist ein Leben ohne Internet keine Besonderheit. Wie kommen sie zurecht und was denken sie über die junge Generation? Drei Seniorinnen aus Stadt und Kreis Gießen erzählen.

Gießen. Neulich hat Annemarie Stein einen alten Liebesbrief aus der Schublade gezogen. Die Erinnerung an frühere Zeiten war sofort wieder präsent. Die 84-Jährige schildert die unerwartete Konfrontation mit ihrer eigenen Vergangenheit als durchaus berührend. Auch weil sie sich sicher ist, dass Momente wie dieser heutzutage selten sind. Denn die junge Generation schreibt kaum noch Briefe. Nachrichten werden stattdessen ins Smartphone getippt oder aufgenommen und direkt verschickt. In 15, 30 oder 50 Jahren wird wohl niemand sein olles Gerät von anno dazumal aus dem Wohnzimmerschrank holen und sich die WhatsApp-Nachrichten aus 2022 als ergreifende Lektüre zu Gemüte führen. Annemarie Stein hatte damals natürlich kein Smartphone - und sie hat auch heute keins. Ihr internetloses Schicksal ist allerdings - anders als meines - nicht nur temporär gewählt. Generell würde die Seniorin hier wohl kaum von einem Schicksal sprechen, denn sie kommt auch ohne die digitale Vernetzung wunderbar zurecht. Eva Berck (89) und Gaby Rehnelt (83) haben ebenfalls keinen Zugriff aufs World Wide Web - und wollen den auch gar nicht.

»Ich werde oft belächelt«, sagt Annemarie Stein über ihre digitale Ablehnung. Auch mir geht es in meinem Bekanntenkreis so, seitdem ich mein Smartphone am Aschermittwoch ausgeschaltet habe. An die irritierten Blicke, wenn ich mein abgegriffenes Nokia von 1999 aus der Tasche hole, habe ich mich inzwischen gewöhnt. »Ich hatte ja auch ganz lange so ein altes Handy«, kommentiert etwa eine andere Mutter auf dem Spielplatz. Aus ihren Worten klingt so etwas wie Anerkennung. Oder war es Mitleid? Beides halte ich für möglich. Neuerdings wittern die Empfänger meiner SMS außerdem ständig Aggressionsprobleme. Dabei schreie ich meine Kurznachrichten überhaupt nicht, das Ersatz-Handy aus dem vergangenen Jahrtausend kennt nur einfach keine Kleinbuchstaben. Dieser Interpretationsansatz scheint allerdings weit weg. Wut ist der naheliegendere Grund, warum ich plötzlich alles groß schreibe. Missverständnisse sind quasi vorprogrammiert.

Gaby Rehnelt weiß um das Gefühl, sich »wie ein Fossil« vorzukommen. »Aber dann bin ich eben eins«, meint die Rentnerin schulterzuckend. Ziemlich gut erinnert sich die 83-Jährige noch an ihre Kindheit und damit an ihre Tante, die sich damals partout nicht traute, ans Telefon zu gehen. »So fühle ich mich heute mit dem Internet.« Damit möchte die Seniorin nämlich »lieber nichts« zu tun haben. »Bei manchen Sachen sind wir raus«, macht Rehnelt deutlich. Insbesondere auf gesellschaftliche und kulturelle Veranstaltungen trifft dieser Satz für sie zu. Das Problem: Meist ist bei Ankündigungen lediglich der Hinweis auf eine Internetseite angegeben. Wer offline ist, erhält keine weiteren Informationen oder muss erst einmal eine Telefonnummer recherchieren - allerdings ebenfalls über analoge Methoden. Das kommt auch Eva Berck bekannt vor. Für einen Impftermin habe sie »ewig herumtelefoniert«, dabei sei die Vergabe über das Online-Portal sehr unkompliziert gewesen, wie letztlich ihr Sohn berichtete.

Gespräche am Bankschalter fehlen

Der Anteil der Smartphone-Besitzer in Deutschland beläuft sich bei den über 70-Jährigen nach aktuellen Statistiken auf rund 68 Prozent. Wirklich selten ist das internetlose Leben in dieser Altersgruppe damit nicht. In der Corona-Pandemie wird der Zugang zur digitalen Welt aber oftmals geradezu vorausgesetzt. WarnApp hier, LucaApp da, Impfzertifikat per QR-Code noch dazu. Und wer all dies nicht vorweisen kann oder will, muss eben mit Papier Vorlieb nehmen. Ihren Impfpass hat Gaby Rehnelt zum Beispiel immer dabei. Für mich ersetzt normalweise das stets griffbereite Smartphone das gelbe Heftchen. Und so wurde aus dem spontanen Essengehen neulich nichts - denn ich hatte meinen Impfpass zu Hause vergessen.

Und auch die Bankgeschäfte sind nicht mehr nach einem Fingerabdruckscan erledigt. Für die drei Seniorinnen wäre Online-Banking ohnehin »zu gefährlich«, wie Annemarie Stein sagt. Und Gaby Rehnelt ergänzt: »Am Bankschalter führt man Gespräche, die würden dann auch wegfallen.« Gerade für ältere Menschen ist das selbstredend ein wichtiger Punkt., zumal nicht zuletzt die Corona-Pandemie für zunehmende Isolation gesorgt hat.

Für Eva Berck steht fest, dass sie »nicht dazugehören möchte«, also zu der Gruppe, die ständig online ist. »Wir haben uns in diese Sache verrannt«, findet sie. Und zwar nicht ohne Risiken und Folgen: »Alle sind vernetzt, alles ist im Internet abrufbar. Das kostet Zeit, Strom und produziert Technikmüll.« Wenn die 89-Jährige in der Stadt unterwegs ist oder Bus fährt, kann sie nur mit dem Kopf schütteln. Dort sieht sie junge Menschen, die im Gehen auf Mobilgeräte starren oder ihr Smartphone wie eine heiße Scheibe Toast vor dem Mund balancieren, um eine vermeintlich wichtige Sprachnachricht aufzunehmen. »›Ich bin hier, wo bist du?‹ - wen interessiert das?«, fragt sich auch Gaby Rehnelt. »Das ist so eine Pseudoart zu zeigen, dass man nicht alleine ist.« Dabei seien diese Leute genau das.

Menschen, die auf Handys starren

Berck erkennt im Verhalten der jüngeren Generation einen eklatanten Widerspruch. So wollten die Internetnutzer zwar »die ganze Welt zusammenbringen«, seien aber ausschließlich auf ihre Monitore fixiert und schotteten sich so immer weiter ab. »Kein Mensch guckt aus dem Fenster, alle schauen auf ihre Tablets oder Handys«, ist der 89-Jährigen aufgefallen. Gaby Rehnelt greift dieses Bild auf und meint: »Das Leben zieht an den jungen Leuten förmlich vorbei - und sie merken es nicht.«

Langeweile ist den analogen Seniorinnen fremd. Annemarie Stein geht zum Beispiel zum Pilates, in die Lesegruppe oder sie trifft sich mit anderen im Frauenkulturzentrum. »Technik brauche ich jedenfalls nicht«, stellt sie fest. Dabei besitzt die 84-Jährige sogar einen Laptop, nutzt diesen allerdings »als Schreibmaschine«. Als ich den drei Frauen erzähle, dass mir während meines Offline-Experiments vor allem das Streamen von Filmen, Serien und Musik fehlt, wirft das Fragen auf. »Warum sollte man das machen?«, zeigt sich Gaby Rehnelt nach meiner Erklärung amüsiert. »Im Fernsehen läuft doch auch schon nichts Gutes.«

Annemarie Stein, Eva Berck und Gaby Rehnelt werden sich ganz sicher keinen Internetzugang mehr legen lassen. Auch wenn es »ab und zu schon Probleme« gebe. Im Fall der Fälle sind da noch die Kinder und Enkel, die helfen können. Was die gesellschaftliche Teilhabe betrifft, hoffen die drei Frauen trotz der schnell voranschreitenden Digitalisierung, nicht komplett außen vor zu bleiben. Was schließlich immer geht, ist der Griff zum Telefonhörer und: miteinander sprechen. Ganz ohne den Umweg über Online-Chats. Oder eben Briefe schreiben, die länger halten und greifbarer sind als jedes Smartphone.

Am Aschermittwoch habe ich mein Smartphone ausgeschaltet, um bis Ostern im privaten Bereich offline zu bleiben. Die Hälfte dieser sieben Wochen ist geschafft. (Jasmin Mosel)

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