Bewährungsstrafe für Gehilfen der Gonterskirchener Bluttat

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GONTERSKIRCHEN - (ww). Nach zweieinhalb Jahren und drei Prozessen endet die Geschichte um eine Gräueltat in Gonterskirchen vor dem Gießener Landgericht. Hier wurde ein 31-jähriger Deutscher mit marokkanischen Wurzeln zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt, weil er den bereits zu langen Haftstrafen verurteilten Haupttätern am Tatabend geholfen hatte.

Vier Belgier, ebenfalls marokkanischen Ursprungs, hatten im November 2017 den 57 Jahre alten Drogenkurier Norbert S. so mit Schlägen malträtiert, dass dieser starb. Die damals 59-jährige Lebensgefährtin des Opfers sollte durch ein Feuer ums Leben kommen. Die Spanierin war zwar gefesselt, konnte sich allerdings mithilfe zweier beherzter Nachbarn in letzter Minute durch ein Fenster retten.

Sie musste sich zuvor eine Stunde lang die Schmerzensschreie ihres Lebensgefährten anhören, ging am Dienstag aus einer Aussage eines als Zeugen benannten Ermittlers vor, der die Frau vernommen hatte. Staatsanwalt Thomas Hauburger sprach vom "blanken Horror" im Ferienhaus. Den jetzt glimpflich Verurteilten erwartet im Juni ein weiterer Prozess in Frankfurt. Dann geht es um eine Pizzeria in Friedrichsdorf, die im Mittelpunkt von Drogengeschäften steht.

Nach den Feststellungen der fünften Großen Strafkammer des Landgerichts unter der Vorsitzenden Regine Enders-Kunze war das 57-jährige Opfer Ende 2016 nach Spanien einbestellt worden. Der Drogenkurier hatte Marihuana im Wert von 250 000 Euro in seinem Wohnmobil transportieren sollen. Doch wie seine Lebensgefährtin als Komplizin später zu Protokoll gab, sei Norbert S. in Spanien überfallen und der Drogen beraubt worden.

Dem belgischen Auftraggeber schmeckte dieser Verlust nicht. Er bestellte Norbert S. und seine Partnerin nach Granada ein und stellte ihnen ein Ultimatum, Ware oder Gegenwert wieder zu besorgen. Bei diesem Gespräch war nach Aussage der Frau auch der jetzt Verurteilte anwesend.

Da Norbert S. sich weiterhin nicht rührte, beschloss der Belgier, mit drei angeheuerten "Einbruchspezialisten" Ende November 2017 Selbstjustiz zu üben. Dabei kamen der 31-Jährige, sein Bruder und ein Cousin ins Spiel, die das Quartett in der Pizzeria empfingen und ihnen Obdach gewährten. Zunächst wurde gemeinsam am Vortag der Tat das Anwesen in Gonterskirchen ausgekundschaftet.

Deal protokolliert

Der Angeklagte zeigte sich am Dienstag voll geständig, nachdem ein Deal von seiner Verteidigung und der Staatsanwaltschaft protokolliert worden war, an den sich auch das Gericht hielt. Er sollte sich wie sein Bruder unter anderem der Beihilfe zum versuchten Raub sowie der Körperverletzung mit Todesfolge schuldig bekennen und erhalte wie dieser eine zweijährige Bewährungsstrafe. So kam es auch. Zudem wurde ihm auferlegt, 3000 Euro an die Geschädigte zu zahlen. Sie ließ sich als Nebenklägerin von ihrer Rechtsanwältin vertreten. Die Frau habe Brandwunden wie auch schlimme seelische Verletzungen davongetragen und befinde sich weiterhin in Behandlung. Sie habe alles verloren, auch das Haus, und müsse permanent therapiert werden.

Zum Tatzeitpunkt war der bisher unbescholtene 31-Jährige gar nicht vor Ort, sondern wurde von einem Haupttäter telefonisch - dies ging aus Verbindungsdaten hervor - darüber informiert, dass das "Herz von Norbert S. stehen geblieben" sei. Später gaben aber der Cousin des Verurteilten und einer der Hauptangeklagten an, dass der 31-Jährige am Telefon geraten habe, auch die Frau verschwinden zu lassen. Daraufhin habe man an einer Tankstelle in der Nähe fünf Liter Benzin geholt, im Haus verschüttet und angezündet. Die Vorsitzende Richterin erklärte jedoch, dass diese Vorwürfe nicht bewiesen werden konnten. Sie hätten eine ungleich höher zu bestrafende Mittäterschaft bedeutet. Doch selbst Staatsanwalt Hauburger ging von Schutzbehauptungen aus.

Die Haupttäter hatten in Vernehmungen davon gesprochen, dass der Abend eskaliert und die Tötung nicht gewollt gewesen sei. Es sei nur darum gegangen, Verwertbares mitzunehmen, um den Verlust zu verringern.

An dem Tatabend waren die Männer mit einem Mietwagen nach Gonterskirchen gereist, den der Cousin des jetzt Verurteilten in Frankfurt geliehen hatte. Unklar ist, ob der 31-Jährige auch von Werkzeugen wie Brecheisen und Kabelbindern zum Fesseln wusste. Auch hier behauptete einer der Haupttäter, dass er den Kauf in einem Baumarkt in Auftrag gegeben habe, aber auch das war nicht beweisbar. Am Tatabend fuhren die Männer das Mietfahrzeug am Rande Gonterskirchens in einem Feldweg fest. Daraufhin wurden der 31-Jährige und sein Bruder, die sich noch in der Pizzeria aufhielten, gebeten, es zu befreien. Sie fuhren los, schafften es aber nicht und flohen. Die Haupttäter verrichteten unterdessen ihr Horrorwerk im Haus und setzten sich später mit dem VW Passat ihrer Opfer ab.

Die Spur zum Cousin führte über den Mietwagenvertrag. Zunächst geriet der 31-Jährige nicht in den Fokus der Ermittler. Als sein Bruder zwei Tage nach der Tat festgenommen wurde, setzte er sich ab, verbrachte zwei Jahre im Untergrund, ließ seine schwangere Frau zurück und verpasste die ersten Lebensjahre seines Kindes. Mithilfe eines Anwaltes kehrte er zurück nach Deutschland. Sein Haftbefehl wurde unter strengen Meldeauflagen bis zur jetzigen Hauptverhandlung ausgesetzt.

Seine Reue und die selbst angeregte Schmerzensgeldzahlung an die Lebensgefährtin des Opfers gerieten ihm vor Gericht zum Vorteil. "Das ist die Mindeststrafe, die Sie erhalten haben", betonte die Vorsitzende Richterin und sagte weiter: "Sie haben eine massive Mitverantwortung an dem Geschehen."

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