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Biogas aus Geilshausen

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Seit 1996 befindet sich das Kompostwerk im ehemaligen Nato-Lager »Am Noll« bei Geilshausen. Der Kreistag hat nun beschlossen, dass die Anlage modernisiert und um eine Bioabfallvergärung ergänzt werden soll. Das soll nach jetzigem Stand 29 Millionen Euro kosten. Foto: Zylla © Zylla

Der Landkreis plant, das Kompostwerk bei Geilshausen mit einer Bioabfallvergärungsanlage zu ergänzen. Die Kosten werden auf rund 29 Millionen Euro geschätzt.

Kreis Gießen (vb). Es dürfte die größte Investition werden, die der Landkreis Gießen je getätigt hat: Stand jetzt sollen rund 29 Millionen Euro ausgegeben werden, um das Kompostwerk bei Geilshausen zu modernisieren und mit einer Bioabfallvergärungsanlage zu ergänzen. Bei der Vergärung des Grünabfalls entsteht Biogas, das in Strom und Wärme umgewandelt werden soll. Mögliche Abnehmer sind die Firmen, die sich im lange geplanten interkommunalen Gewerbegebiet an der Autobahn 5 bei Lumda ansiedeln werden. Der Kreistag gab am Montagabend einhellig grünes Licht für das Projekt. Mit Ausnahme der SPD stimmten alle Fraktionen auch dafür, dass der Kreisausschuss untersuchen lässt, wie die künftige Organisationsform der Abfallwirtschaft aussehen soll.

Seit 1996 in Betrieb

Das Kompostwerk im ehemaligen Nato-Lager »Am Noll« besteht seit 1996. Betrieben wird es im Auftrag des Landkreises von der Firma PreZero Service, die wie die Handelsketten Lidl und Kaufland zur Schwarz-Gruppe gehört. Jährlich werden circa 40 000 Tonnen Bio- und Grünabfall aus Stadt und Landkreis Gießen unter Zugabe von Sauerstoff zu Kompost verarbeitet. In der Vorlage heißt es, dass der Belüftungsprozess viel Energie verschlingt, während die Kompostierung keine regenerative Energie liefert.

Mit der nun geplanten Vergärungsanlage soll Biogas produziert werden. Daraus werden in zwei Blockheizkraftwerken Strom und Wärme erzeugt. Laut Konzept wird der Strom in das Stromnetz eingespeist. Die Wärme wird zum Teil bei den Prozessen der Kompostierung und Fermentation sowie zur Beheizung des Betriebsgebäudes verwendet.

Laut derzeitigem Stand der Planung wird geprüft, eines der Blockheizkraftwerke an einem anderen Standort aufzustellen, um dort die Wärme abzunehmen. Gedacht wird dabei an das erwähnte Gewebegebiet bei Lumda - etwa zwei Kilometer vom Kompostwerk entfernt. Allerdings heißt es in der Vorlage auch, dass über das Gasverwertungskonzept aufgrund der aktuellen geopolitischen Lage und der damit verbundenen Situation auf dem Energiemarkt erst später entschieden werden soll.

Das Kompostwerk soll zudem umgebaut und saniert werden. So will man die Kapazität auf 42 000 Tonnen Bioabfall und 6000 Tonnen Grünabfall jährlich steigern. Die Anlage hat laut Vorlage die Grenze der Kapazität und der Genehmigung erreicht. Angesichts steigender Bevölkerungszahlen und höherer Müllmengen will man die Entsorgungssicherheit gewährleisten können, heißt es in der Vorlage. Unter anderem ist vorgesehen, die Zahl der Rottetunnel von elf auf 17 zu erhöhen.

Die Kosten für den Bau der Vergärungsanlage, Sanierung und Erweiterung des Kompostwerks sowie die Mobiltechnik und die Genehmigungskosten betragen laut Vorlage rund 26,3 Millionen netto. Hinzukommt ein Planungshonorar von rund 2,7 Millionen Euro netto. Stand dieser Zahlen ist Mitte März. Es wird darauf hingewiesen, dass die Preisentwicklung aufgrund der aktuellen politischen Situation »schwer kalkulierbar« sei.

In den Summen sind noch keine Fördergelder berücksichtigt. »Reine Formsache« sei es, für die Biovergärungsanlage eine Förderung der »Nationalen Klimaschutz-Initiative« in Höhe von 1,5 Millionen Euro zu bekommen. Außerdem könne der Landkreis für ein »kommunales Klimaschutz-Modellprojekt« eine Förderung bis zu 80 Prozent - maximal zehn Millionen Euro - bekommen.

Höhere Gebühren zu erwarten

So oder so müssen sich die Bürger auf höhere Abfallgebühren einstellen. In der Vorlage wird vorgerechnet, dass die Bearbeitung pro Tonne Bioabfall künftig 81,86 Euro kosten werde. Wenn das Kompostwerk keine Vergärungsanlage bekommen und nur saniert würde, lägen die Kosten bei 77,30 Euro pro Tonne. Zum Vergleich der aktuelle Preis: 50 Euro pro Tonne.

Angesichts des komplexen Projekts wird es noch Jahre dauern, bis die Biovergärungsanlage in Betrieb gehen kann. In einem Brief an die Kreistagsmitglieder nannte der zuständige hauptamtliche Kreisbeigeordnete Christian Zuckermann (Grüne) Juni 2024 als Termin für den Baubeginn. Der Probebetrieb soll im Mai 2026 beginnen - im besten Fall zeitgleich mit der Entwicklung des Gewerbegebiets.

Karl-Heinz Funck (SPD) begrüßte das Vorhaben, fand manches in der Vorlage »sehr wolkig« und erinnerte daran, dass das Gewerbegebiet bei Lumda schon sehr lange geplant werde. Der frühere Grünberger Bürgermeister Frank Ide habe mal einen ersten Spatenstich für dieses Jahr angekündigt. Aber vier Jahre sollten reichen, um den Bebauungsplan für das Gewerbegebiet rechtskräftig zu bekommen.

Reinhard Hamel, der Fraktionsvorsitzende der »Gießener Linken«, konnte nicht verstehen, warum nicht Geilshausen Strom und Wärme vom Kompostwerk bekommen solle. »Nach vielen Jahren Diskussion sollten wir das Thema endlich angehen«, forderte der Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler, Kurt Hillgärtner. Trotz der Kosten sei das Projekt richtig und klimaschonend sowie eine wichtige Investition in den ländlichen Raum. Hillgärtner plädierte dafür, zeitnah über die Betriebsform zu entscheiden.

Dass Dezernent Zuckermann mit dem Argument, die Diskussion »erst mal laufen zu lassen« zu dem Tagesordnungspunkt auf einleitende Worte verzichtet hatte, ließ Dennis Pucher (FDP) sprachlos zurück. Er beschrieb die Vorteile des Projekts, verwies aber auch auf ungelöste Fragen. Gefordert sei zum Beispiel eine genaue Kalkulation der Gebühren. Nicht in Ordnung sei auch, dass es keine Stellungnahme von Klimaschutz- und Energiebeirat des Kreises gebe. Pucher warf Zuckermann vor, sich auf seiner Mehrheit ausgeruht zu haben, anstatt den ganzen Kreistag einzubinden. »Das Projekt ist zu groß, um es ›mal laufen zu lassen‹.«

»Keine Vorlage in den vergangen Jahren war so umfangreich wie diese«, gab der Dezernent die Kritik mit Verweis auf 108 Seiten Planungsunterlagen zurück. »Aber ja, ich hätte auch ein politisches Feuerwerk abbrennen können, wie toll die Koalition ist.«

SPD-Fraktionsvorsitzende Sabine Scheele-Brenne beklagte, dass im Grunde nicht klar sei, was mit der erzeugten Energie passieren solle. Dass das Gewerbegebiet Realität werde, sei nicht sicher. Und selbst wenn, wisse man nicht, ob man die Firmen zur Abnahme der Wärme verpflichten könne. Dass die SPD nach Kritikpunkten in der Vorlage suche, sei »legitim, aber nicht zielführend«, gab ihr CDU-Kollege Tobias Breidenbach zurück. Das letzte Wort vor der Abstimmung hatte Dezernent Zuckermann, der darauf hinwies, dass der Großteil der Wärme für das Kompostwerk benötigt werde.

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