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Bis zur Oberkante gefüllt

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Landunter in Heuchelheim am Freitagnachmittag. Auf der Lahnparkstraße ist für Autofahrer vorerst kein Durchkommen in der Lahnaue. Foto: Wißner © Wißner

Die Hochwasserwarnstufe II wurde im Kreis ausgerufen. Auch am Wochenende wird weiterer Regen erwartet.

Kreis Gießen (red/ww/klk/fod). 6,08 Meter betrug am Freitag gegen 14 Uhr der Wasserstand am Klärwerk in Gießen. Das reichte für die zweite von drei Hochwasserwarnstufen. Mit 3,50 Meter Wasserpegel startete am Wochenanfang der stetige Flutenanstieg an dieser Stelle. Zum letzten Hochwasser im Jahr 2011 wurden allerdings 6,57 Meter in Gießen gemessen. Das sind die nackten Zahlen.

Überdeutlich wird die Gefahr für die Keller im Kreis, wenn einmal mehr am frühen Morgen im Radio gewarnt wird. Als Erstmeldung war am Freitag die Sperrung der Lahnparkstraße in Heuchelheim in der Lahnaue zu vernehmen. Habachtstellung heißt es ab da im Landkreis. So mancher, der die Warnung ignorierte, musste schon sein Fahrzeug abschleppen lassen. Diesmal hielten sich alle ans Durchfahrtverbot in der Lahnaue.

In Hessen »nur« drei Stufen

Das Regierungspräsidium (RP) rief die zweite von drei Warnstufen für den Kreis aus. In manchen Bundesländern wie in Bayern und Sachsen gibt es sogar vier. Die Warnstufe II besagt, dass es eine flächige Überflutung von ufernahen Grundstücken, leichte Verkehrsbehinderungen auf Gemeinde- und Hauptverkehrsstraßen gibt sowie einzelne Gebäude gefährdet sind sowie Keller überflutet werden.

Die RP-Experten sprachen zwar in einer Pressemitteilung von einer Beruhigung noch am Freitag, warnen aber vor weiteren Regenfällen am Wochenende. Das am Regierungspräsidium Gießen angesiedelte Hochwasserlagezentrum Lahn (HWLZ-Lahn) rechneten damit, dass trotz wiederkehrender Schauer die Pegel sinken würden.

Der Grund für das Hochwasser seien die Niederschläge der vergangenen Tage in Verbindung mit bereits gesättigten Böden gewesen. Dies habe zu einem starken Anstieg der Wasserstände geführt.

Im Einzugsgebiet der Lahn seien Meldestufen überschritten worden. Die Lahnpegel Biedenkopf und Marburg befinden sich derzeit in der Meldestufe I, die Pegel Gießen Klärwerk und Leun hätten am Freitagmorgen sogar die Meldestufe II überschritten. »Besonders im oberen Einzugsgebiet der Lahn und bei den Ausläufern des Westerwaldes sind die Wasserstände schnell angestiegen«, berichtet Ines Walter vom HWLZ-Lahn. Mittlerweile habe sich die Hochwasserwelle mehr in den Bereich der Lahn verlagert. Dennoch liegen fast die Hälfte der Pegel im Lahngebiet derzeit in einer Meldestufe, meist Meldestufe I. Dies bedeutet, dass im Gewässer bordvoller Durchfluss herrscht, erklärt Walter. Es tritt teilweise über die Ufer. Unter bordvollem Durchfluss verstehe man die Durchflussmenge im Gewässerbett, die noch abfließen kann, ohne dass es zu Ausuferungen kommt. Das heißt, das Gewässer ist beidseitig bis zur Böschungsoberkante gefüllt.

»Nach bisherigen Erkenntnissen ist davon auszugehen, dass die Pegel der Nebengewässer heute den Hochwasserscheitel erreichen und sich die Hochwasserlage im Laufe des Tages etwas entspannt. Aufgrund des für Samstagnachmittag prognostizierten Dauerregens sei aber eine zweite Hochwasserwelle wahrscheinlich, meint die RP-Expertin.

Die höchste Meldestufe III tritt erst ein, wenn bebaute Gebiete in größerem Umfang überflutet sind und überörtliche Verkehrsverbindungen gesperrt werden müssen.

Das HWLZ-Lahn überwacht, wie sich das Abflussgeschehen entwickelt. Für ihre Prognosen verfügen die RP-Experten über die aktuellsten Daten, von den jeweiligen Pegelständen bis zu den Vorhersagen des Deutschen Wetterdienstes.

»Wir gehen bislang davon aus, dass es zunächst in Gießen noch einen leichten Anstieg des Pegelstandes heute gibt, aber die Situation sich danach wieder entspannt«, sagte am Freitagmittag Claudia Boje, Gießens Magistratssprecherin. »Die Pegel sollen wieder fallen. Derzeit sind wir bei Stufe II. Es ist noch Luft.«

Die Verwaltung beobachte allerdings die Situation natürlich ständig und würde bei einer anderen Lage natürlich auch warnen.

Alarmbereitschaft allerorten

»Auch die Mittelhessischen Wasserbetriebe sind natürlich alarmbereit. Es gibt es aber keine kritische Situation am Klärwerk derzeit. Es wurden vorsorglich einige Radwege gesperrt an der Wieseck und auch im hinteren Bereich des Bachweges an der Lahn (Richtung Wetzlar).«

Lars Burkhard Steinz, Heuchelheims Bürgermeister, bestätigte, dass die Lahn über die Ufer getreten ist und damit auch die vielbefahrene Straße von Heuchelheim nach Dutenhofen gesperrt werden musste. »Im Ort selbst ist die Bieberbach gerade noch so in Ihrem Bette.« Auch die Landesstraße zwischen Laubach-Gonterskirchen und Ulfa war stellenweise überflutet und musste am Freitagfrüh kurzzeitig gesperrt werden. Hier war die Horloff über die Ufer getreten. Das Wasser der Wetter stieg ebenfalls stark an, sie blieb jedoch weitgehend in ihrem Bett. Zwischen Lich und Nieder-Bessingen wurde deutlich, dass das Regenrückhaltebecken an dieser Stelle die Ortslage schützt.

Im Lauf des Tages fielen allerdings die Pegelstände. Dennoch bleibe man aufgrund der angekündigten weiteren Regenfälle am Wochenende in Alarmbereitschaft, so Bürgermeister Matthias Meyer.

Die Lage in Hungen stellte sich gestern trotz des heftigen Niederschlags noch relativ entspannt dar. Nach Auskunft von Hungens Bürgermeister Rainer Wengorsch (FW) lag der Pegel der Horloff an der Meldestelle in Ruppertsburg am Vormittag bei 1,17 Meter, Tendenz fallend. Die erste Hochwasser-Meldestufe werde bei 1,70 Metern ausgerufen. Dennoch habe man vorsorglich die Wehre im Seegebiet bei Trais-Horloff geöffnet und die Feuerwehr sei »im Geiste« alarmiert.

Aktuelle Hochwasserlageberichte, örtliche Wasserstände und Vorhersagen können auf der Internetseite des Hochwasserlagezentrum Lahn unter www.hwlz.de und im Hochwasserportal des Landes Hessen abgerufen werden. Es gibt auch eine Smartphone-App »Meine Pegel«.

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In Gießen müssen an der Oberlache die Gummistiefel ausgepackt werden. Foto: Docter © Docter

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