Buseck: Kein "Kahlschlag" am Kimmel-Turm

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BUSECK - (ebp). So manch einem Spaziergänger in Großen-Buseck ist es in den vergangenen Wochen aufgefallen: Am Hohen Berg hat Hessen Forst Bäume, darunter zahlreiche Buchen, gefällt. Von einem "katastrophalen Kahlschlag" wurde daraufhin im Internet gesprochen und Bürgermeister Dirk Haas (SPD) vorgeworfen, mit der Fällung "Geld scheffeln" zu wollen.

Doch ganz so einfach ist es nicht, stellte Ralf Jäkel, kommissarischer Leiter des Forstamtes Wettenberg, bei einem Ortstermin klar. Denn auch wenn am Wegesrand das qualitativ gute Holz auf seinen Abtransport wartet, sieht die Sache wenige Meter weiter oben ganz anders aus. Hier haben die Forstarbeiter das Holz gesammelt, das in der Industrie etwa zu Zellstoff für Toilettenpapier verarbeitet wird. Dunkle Flecken durchziehen die zersägten Stämme, manche sind gar hohl. "Das Holz der geschädigten Bäume ist teils nicht mal mehr als Brennholz zu nutzen", sagte Jäkel. Was die erbosten Spaziergänger jedoch nicht wissen: Von vielen Bäumen finden sich Stammstücke auf beiden Poltern.

Fällen vor dem Tod

"Der Baum stirbt von oben nach unten ab", erläuterte Jacob Thomaka, der seit Mitte November neuer Leiter des Forstreviers Alten-Buseck ist. Ziel sei es, den kranken Baum zu fällen, ehe der gesamte Stamm entwertet ist. Jäkel zog als Vergleich einen Apfel heran: Nur weil dieser eine braune Stelle aufweise, müsse man ihn ja nicht entsorgen - sondern könne ihn noch immer zu Apfelmus verarbeiten. Abwarten, ob sich die Bäume wieder erholen, sei nicht sinnvoll: "Das haben wir oft gemacht. Aber das neue Austreiben kostet die Bäume viel Kraft." Man fälle daher nicht nur bereits tote Buchen und Co., sondern auch die, "bei denen wir wissen, dass sie es nicht schaffen". Heimisches Holz der Industrie nicht zur Verfügung zu stellen, hält Jäkel für falsch: "Dann kommt die Lieferung eben aus Brasilien. Aber wir wollen doch kurze Wege."

Hinzu kommt die Verkehrssicherungspflicht. "Die Sicherheit der Waldbesucher hat Priorität", betonte der Forstamtsleiter. Bäume, die Schäden aufweisen und am Wegesrand oder nahe Bänken oder Hütten stehen, würden daher gefällt. "In den vergangenen zwei Jahren hatten wir so gut wie keine reguläre Ernte", stellte Bürgermeister Haas klar. Dass es sich bei den Fällungen um Kalamitätsholz handle, sehe man als Laie aber nicht immer.

Im Internet zu sehen ist etwa ein Bild, das gefällte Buchen unweit des Kimmel-Turms zeigt. Die Fällungen seien eine massive Störung des Ökosystems, heißt es dazu.

Die gefällten Bäume lagen am Donnerstagmorgen noch immer im Wald. Doch was auf dem Bild im Internet nicht zu sehen ist: Die dunklen Stellen im Stamm ziehen sich bis hin zur Rinde. Die Mitarbeiter hätten Trennschnitte durchgeführt, um Stück für Stück sehen zu können, inwieweit der Stamm noch zu verwerten ist, erläuterte Jäkel.

Doch nicht jeder kranke oder tote Baum wird gefällt: Ein rotes "H" kennzeichnet einen Habitatbaum. Dieser wird, sofern kein Risiko für Waldbesucher besteht, auch dann stehen gelassen, wenn er bereits abgestorben ist, weil er Lebensraum für Fledermäuse, Käfer und Co. bildet. "Totes Holz ist der lebendigste Teil im Wald", verdeutlichte der Forstamtsleiter.

Eine Kahlfläche sei die Kuppe des Hohen Berges keinesfalls, denn es kämen bereits kleine Buchenkeimlinge nach. Für die Tierwelt werde man eventuell noch etwas Nadelholz beipflanzen. "Es wird sich ein Generationenwandel vollziehen", sagte Jäkel. Man wolle, dass junge Bäume nachwachsen können - dafür müsse auch mal eine ältere Buche, die den kleinen Pflanzen das Licht wegnimmt, gefällt werden. Und wenn zwei Bäume zu eng beieinander stehen, begünstigere man den Stärkeren und fälle den anderen.

Neben den rund 1000 Hektar Gemeindewald in Buseck ist der neue Revierförster Thomaka auch für gut 600 Hektar Staufenberger Stadtwald zuständig. Das Interesse am Wald wurde dem 24-Jährigen, der in Göttingen studiert und seinen Anwärterdienst in Bad Schwalbach und Herborn absolviert hat, quasi in die Wiege gelegt: Sein Vater leitet im Forstamt Wetzlar das Revier Hörre.

Nachdem im vergangenen Jahr mehrere Revierförster in den Ruhestand verabschiedet wurden, hat sich das Forstamt Wettenberg verjüngt. Den neuen Kollegen wurden Mentoren an die Seite gestellt. "Bis man 'sein' Revier kennt, dauert es einige Zeit", sagte Thomaka. Rund 100 Hektar Freifläche fallen künftig in seinen Aufgabenbereich, 60 davon in Buseck. Für die Aufforstung müsse man mit rund 30 000 Euro pro Hektar rechnen, sagte Jäkel. "Die Kommunen waren es gewohnt, dass der Waldwirtschaftsplan mit einer schwarzen Null endet. Jetzt kostet der Wald Geld." In der Bevölkerung gebe es dafür aber viel Verständnis: "Die Betroffenheit der Bürger ist groß. Wir werden beschimpft, wenn wir fällen - aber nie, wenn wir neu anpflanzen."

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