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Chance gleich Null

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Vier Parlamentsvorsteher (v.r.), Michael Seipp-Wallwaey, Karlheinz Erdmann, Karl-Heinz Büttel und Michael Pieck überreichten Landrätin Anita Schneider eine gemeinsame Resolution gegen die Schließung des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes Lich. © Wißner

Fünf Parlamentsvorsteher überreichen eine Resolution gegen die Bereitschaftsdienst-Schließung in Lich im Juni. Die Chance, Gehör zu finden, stehen sehr schlecht.

Kreis Gießen (twi). Noch ist die Tür des Ärztlichen Bereitschaftsdienst (ÄBD) in Lich geöffnet. Ab Juni können die Kreisbürger nur noch Gießen ansteuern oder direkt den Krankenwagen holen, der sie nach Lich oder in die Lahnstadt bringt.

Vier Parlamentsvorsteher, Karlheinz Erdmann (Grünberg), Karl-Heinz Büttel (Hungen), Michael Pieck (Lich) und Michael Seipp-Wallwaey (Reiskirchen) überbrachten am Samstag vor Ort eine Resolution, verbunden mit der Aufforderung, dass der ÄBD auch weiterhin geöffnet bleibt. Einzig Laubachs Stadtverordnetenvorsteher Joachim M. Kühn war verhindert. Adressatin des Schreibens ist Landrätin Anita Schneider, die sich das auch wünscht, aber wenig Hoffnung hat.

Am 19. Juni will die für den ÄBD zuständige Kassenärztliche Vereinigung (KV) die an die Asklepios-Klinik angebundene Einrichtung schließen (der Anzeiger berichtete). Dies hat nicht nur in Lich sondern auch in den umliegenden Städten und Gemeinden für große Verärgerung gesorgt. Zahlreiche Resolutionen wurden in den Parlamenten - wie auch im Kreistag - bereits beschlossen, doch trotz aller Bemühungen wird es wohl dabei bleiben.

Schneider machte den vier Parlamentschefs wenig Mut, als sie über ihre Gespräche mit dem KV-Vorstand berichtete, der an der Schließung festhält. »Ich nehme es gerne entgegen und werde dies auch in meinem Bericht für den Kreistag zur beabsichtigen Schließung so vortragen. Die Gespräche mit dem KV-Vorstand habe ich gemeinsam mit dem Asklepios-Geschäftsführer geführt. Seitens der KV wurde dabei auf ein Gutachten aus dem Jahr 2019 verwiesen, eine Art Evaluierung.« Darin werde deutlich, dass zu wenige Menschen den Bereitschaftsdienst in Lich aufsuchten. Es werde darauf verwiesen, dass nur 15 Kilometer entfernt ein ÄBD in Gießen zur Verfügung stehe. Deshalb gebe es keine Notwendigkeit mehr, den Standort Lich aufrecht zu erhalten, berichtete Schneider. Sie räumte ein, dass die zugrundeliegenden Zahlen aus dem Jahr 2019 in Ordnung seien, denn die Coronajahre könnten nicht für eine Bemessung herangezogen werden.

»Man will aber jetzt nicht eine erneute Evaluierung machen. Das sieht man bei der KV im Moment nicht. Wir als Landkreis werden die Zahlen weiter beobachten und schauen, wie sich dies auf die Zahlen des Rettungsdienstes auswirken.«

Von der KV sei versichert worden, dass bei einem Bedarf jederzeit der ÄBD Lich wieder öffnen könne. »Ich glaube das aber nicht«, gestand Schneider ein, nachdem Büttel eingeworfen hatte: »Zu ist zu«. Nach einer Schließung werde es schwieriger, einen Bereitschaftsdienst wieder zu öffnen, als zu sagen »Wir probieren es noch einmal ein Jahr und evaluieren erneut«, denkt die Landrätin. Zudem habe die KV darauf verwiesen, dass der Fahrtdienst ja weiter bereitstehe.

Einig waren sich alle Gesprächsteilnehmer, dass Patienten einen Arzt sehen, sich nicht auf telefonische Beratung einlassen wollen und dann direkt den Rettungsdienst alarmieren werden. »Wir reden hier über die Versorgung des ländlichen Raumes im Teilraum Ost, und das sind nicht nur 15 Kilometer aus Grünberg oder Laubach. Für die Menschen aus dem Teilraum Ost gilt dies nicht. Es sind wesentlich mehr als 15 Kilometer, um den nächsten ÄBD zu erreichen«, betont die Landrätin.

2017 wurden bereits Grünberg und Lollar geschlossen worden, davor bereits Buseck und Linden. Die Kreispolitik habe gehofft, wenigstens einen Standort im ländlichen Raum aufrecht erhalten zu können, der nun auch geschlossen wird. »Ob dieser jemals wieder öffnet, das steht in den Sternen«, sagt die Landrätin.

In der Schneider überreichten Resolution verweisen die fünf Parlamentschefs auf 60 000 Bürger, die im Ostteil des Landkreises betroffen sind. »Die Stadtverordnetenversammlungen der Städte Grünberg, Hungen, Lich, Laubach und die Gemeindevertretung der Gemeinde Reiskirchen fordern die Kassenärztliche Vereinigung nachdrücklich auf, die angedachte Schließung des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes am Standort Licht nicht umzusetzen. Der Kreisausschuss wird zudem gebeten Gespräche mit der KV aufzunehmen, um die Schließung zu verhindern«, heißt es in übergebenen Resolution.

Zudem wird darauf verwiesen, dass der ÄBD eine wichtige Säule der medizinischen Grundversorgung darstellt. »Nachts und an den Wochenenden sind die Menschen auf die medizinische Versorgung durch den ÄBD angewiesen. Anderenfalls müssten sie bei nicht lebensbedrohlichen, aber akuten Erkrankungen den Rettungsdienst anrufen oder direkt die Notaufnahmen in den Kliniken Lich und Schotten aufsuchen. In diesem Fall würden Kapazitäten beansprucht, die dann in für dringende Notfälle gegebenenfalls nicht zur Verfügung stehen.

»Nachdem der ÄBD Grünberg eingestellt wurde, ist er neben Gießen aktuell die einzige Anlaufstelle für Patienten des Landkreises Gießen. ... Zum Beispiel müssen Patienten vom Laubacher Stadtteil Altenhain bis zum Klinikum fast 40 km zurücklegen. ... Der ländliche Raum wird durch diese Schließung weiter geschwächt und eine schlechtere Gesundheitsversorgung der Bürger in Kauf genommen. «, heißt es im Appell. Vor allem aber auch die Hilfsfrist von zehn Minuten müsse nach der Schließung im Auge behalten werden. »Jeder Einsatz, der kein Einsatz für den Rettungsdienst ist, ist für unsere Hilfsfrist eine Herausforderung. Deshalb sind es nicht nur Zahlen, auf die wir schauen müssen. Wenn es passiert, verschlechtert es die Bereitschaft des Rettungsdienstes in einem Sinne, den wir nicht wollen. Wir hätten uns ein anderes Ergebnis gewünscht. Man hat zwar gesagt. man denkt nach und führt noch einmal Gespräche, aber erst einmal steht die Schließung und dann beobachte man das.

»Ich sage mal mit Blick auf die anderen Schließungen, da hat sich nie wieder was bewegt«, machte Schneider wenig Mut, dass es in der Zukunft wieder einen ÄBD Lich geben wird. Aber nichtsdestotrotz sei diese gemeinsame Resolution »ein starkes Zeichen aus der Politik heraus, das man dies nicht mit guten Gefühlen begleitet, sondern als Schwächung sieht«.

Eine medizinische Grundversorgung gehöre einfach dazu. verwies Pieck auch auf das Hausarztproblem. Vor diesem Hintergrund werde ein Zeichen in die richtige Richtung gesetzt.

Alternativen für die Bewohner im Ostkreis sind künftig neben Schotten noch der ÄBD Bad Nauheim, merkte Büttel für Hungen noch an.

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