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»Chaos darf am Ende nicht siegen«

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Von: Thomas Wißner

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Nach den Kranzniederlegungen stehen einige der Anwesenden schweigend neben dem Gedenkstein. Foto: Wißner © Wißner

Bei der zentralen Gedenkfeier zum Volkstrauertag im Kreis Gießen gab es auf der Kriegsgräberstätte Kloster Arnsburg viele mahnende Worte und Appelle.

Kreis Gießen (twi). Unter einem ganz anderen Vorzeichen als in den Jahren zuvor stand die zentrale Gedenkfeier zum Volkstrauertag auf der Kriegsgräberstätte Kloster Arnsburg, wohin einmal mehr der Kreisverband Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und der Landkreis eingeladen hatten. Musikalisch umrahmte in guter Tradition der evangelische Posaunenchor Lich unter Leitung von Christof Becker die Gedenkfeier, bei der jedoch auch erstmals ungewohnte Töne »von ganz hoch oben« zu hören waren. Dabei handelte es sich um Kraniche, die in mehreren Staffeln über die Gedenkstätte auf ihrem Weg nach Süden flogen.

»Volkstrauertag - was ist das eigentlich?«: Dieser Frage gingen zehn Schüler des Wahlpflichtkurses von Lehrer Jan Hildebrand, »Verfolgung und Widerstand des Nationalsozialismus«, an der Dietrich-Bonhoeffer-Schule Lich nach, welche eine langjährige Kooperation mit dem Freundeskreis des Klosters Arnsburgs pflegt. »Die vielen Toten der vergangenen Kriege mahnen uns, aus der Vergangenheit Lehren zu ziehen. Lasst uns nicht schweigen und lasst uns auch unsere Generation dazu bewegen, weiterhin die Lage ernst zu nehmen und Kriege sowie Elend so gut es geht zu verhindern und Widerstand zu leisten«, bekräftigten die Schüler und widmeten sich auch der Kriegsgräberstätte.

Lernort geworden

»Das Besondere hier ist, dass erstmals Tote aus verschiedenen Nationen gemeinsam an einem Ort bestattet wurden. Als Beispiel wären die 76 Frauen und elf Männer zu nennen, die als Zwangsarbeiter kurz vor der Befreiung durch die US-Armee von einem SS- und Polizeikommando in der Nähe von Hirzenhain ermordet wurden.« 1996 ließ der Volksbund zwei Gedenktafeln anbringen, um an ihr Leiden und ihre Ermordung zu erinnern. In den vergangenen Jahren habe sich dieser Ort auch zu einem Lernort entwickelt. »Dies halten wir für wichtig, da es bei den meisten jüngeren Menschen keinen persönlichen Bezug zu den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft mehr gibt«, unterstrichen die Schüler. Landrätin Anita Schneider verwies in ihrer Rede auf »einen Tag der Trauer, aber auch einen Tag der Mahnung zu Versöhnung, Verständigung und Frieden«, dem angesichts des Krieges mitten in Europa eine andere Bedeutung zukomme. »Seit dem 24. Februar ist nichts mehr wie es war«, ging sie auf den russischen Angriff auf die Ukraine ein, der nicht nur das Leben in Europa auf den Kopf gestellt habe. Bis zum 6. November habe dieser Krieg nach Zählungen des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte (OHCHR) 6490 Todesopfer in der ukrainischen Zivilbevölkerung, darunter auch mindestens 403 Kinder, gefordert.

Insgesamt sind 6,3 Millionen Menschen in die europäischen Nachbarstaaten geflüchtet, mehr als sieben Millionen innerhalb der Ukraine auf der Flucht. Und mehr als 1,4 Millionen Menschen in der Ostukraine haben keinen Zugang zu fließendem Wasser.

Dies alles mitten Europa, das sei ein Schock, löse Ängste aus und fordere uns, so Schneider weiter. »Plötzlich ist das, was uns getragen hat in Europa, 76 Jahre Frieden, Makulatur. Doch wir dürfen nicht lassen vom Europäischen Gedanken. Denn nach wie vor steht die EU für Frieden und Versöhnung und bleibt auch in schwierigen Zeiten ein Magnet für Stabilität und Demokratie.« Trotz zahlreicher Sanktionen gehe es um eine klare Positionierung, um Demokratie und den aktiven Einsatz für Frieden. »Strategisch gesehen auch um eine längst überfällige Veränderung unserer Energiepolitik.«

Abschließend rief Schneider dazu auf, diesen Tag dazu zu nutzen, »dass wir den Opfern der Kriege und kriegerischen Auseinandersetzungen gedenken, dass wir uns für Versöhnung und Frieden gerade auch angesichts des Ukraine-Krieges aussprechen. Und dass wir Stärke erkennen. »Solidarisch, auf die Schwächsten unserer Gesellschaft achtend, haben wir die Stärke, auch diese Situation zu meistern, den festen Willen, die Erinnerung an Krieg und Gewaltherrschaft wachzuhalten, Verständigung, Versöhnung und Frieden unter den Menschen und Völkern zu fördern und für Freiheit und Demokratie einzutreten«, führte die Landrätin aus.

»Die Welt liegt in Trümmern«, begann Pfarrer Matthias Bubel (Holzheim/Dorf-Güll) seine Predigt, warf dabei einen Blick auf Gießen, dessen Innenstadt am Nikolaustag 1944 in Trümmern lag, aber auch auf die sich in der Bibel findende Zerstörung Jerusalems. Kriege brächten Zerstörung, Vernichtung, Tod, »aber Gewinner hat der Krieg normalerweise nicht«, machte Bubel deutlich, um auf die unzähligen Kriegstoten in der Geschichte zu verweisen.

»Sehnsuchtsvoll«

»Das Chaos darf am Ende nicht siegen. Das Leben muss am Ende gewinnen - und das wird es auch. Diesem manchmal trotzigen, manchmal klagenden, manchmal sehnsuchtsvoll laufenden Protest für das Leben dürfen wir uns als Christen verpflichtet fühlen - wenn wir Jesus Christus nachfolgen, der gewaltsam zu Tode kam, uns aber als der Auferstandene den Weg aus den Trümmern dieser Welt ins Leben weist«, sagte Matthias Bubel.

Kreistagsvorsitzender Claus Spandau sprach das Totengedenken, das mit den Worten »Unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt« schloss.

Mit der Niederlegung von fünf Kränzen im frühgotischen Kapitelsaal am Gedenkstein, der die Worte »mortui viventes obligant« (Die Toten verpflichten die Lebenden) trägt, fand die Gedenkfeier ihren Abschluss. Schneider und Spandau legten den Kranz des Landkreises Gießen und des Kreisausschusses nieder, Bürgermeister Dr. Julien Neubert und Erster Stadtrat Burkhard Neumann für die Stadt Lich, Landtagspräsident a.D. Karl Starzacher als Vorsitzender des Landesverbandes Hessen des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge den Kranz des Volksbundes und Reservisten der Bundeswehr den Kranz der Bundesverteidigungsministerin wie auch einen Kranz der Bundeswehr.

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