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Christian Zuckermann: Mit guter Laune an die Arbeit

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Christian Zuckermann hat sein Büro in einem früheren Konferenzraum und teilt sich diesen mit seinen Büroleitern. © Böhm

Am heutigen Samstag ist Christian Zuckermann (Grüne) 100 Tage hauptamtlicher Kreisbeigeordneter. Zeit, im Interview Bilanz zu ziehen und über das Klima in der Koalition zu sprechen.

Kreis Gießen. Die Stelle von Christian Zuckermann ist politisch umstritten. Der Grüne ist seit 1. Oktober hauptamtlicher Kreisbeigeordneter und damit neben Landrätin Anita Schneider (SPD), dem Ersten Kreisbeigeordneten Christopher Lipp (CDU) und dem hauptamtlichen Beigeordneten Hans-Peter Stock (Freie Wähler) der vierte Hauptamtler im Kreisausschuss, der »Regierung« des Landkreises. Dies war Mitte Mai mit den Stimmen der neuen Koalition von CDU, Grünen und Freien Wählern so beschlossen worden. Im Koalitionsvertrag ist festgelegt, dass alle drei Partner hauptamtlich vertreten sein sollen. Und es wurde damit argumentiert, dass die großen anstehenden Aufgaben auf mehr Schultern verteilt werden müssten. Die Opposition kritisierte die »Koalitionsräson« und die Kosten, die die Stelle verursacht. Am heutigen Samstag sind 100 Tage im neuen Amt erreicht. Zeit, im Interview Bilanz zu ziehen und über das Klima in der Koalition zu sprechen.

Wissen Sie noch, wie der erste Arbeitstag war?

Ich habe mich gefragt: ›Wie komme ich eigentlich ins Gebäude‹, denn die Kreisverwaltung war ja für den Publikumsverkehr geschlossen. Ich stand da mit meinem Köfferchen und hatte keine Karte, keinen Code. Aber dann kam Pressesprecher Dirk Wingender und hat mir die Tür geöffnet. Danach bin ich mit meiner Büroleiterin Katharina Winter durch die Büros getingelt und habe mich vorgestellt.

Wie ist das Gefühl heute nach 100 Tagen?

Ich komme total gerne hierher. Ich wusste nicht, was auf mich zukommt, aber es macht mir großen Spaß. Ich habe mit total vielen unterschiedlichen Menschen zu tun und der Zuständigkeitsbereich ist breit gefächert. Ich bin immer noch im Prozess des Kennenlernens und des Einarbeitens. Aber ich fahre mit guter Laune an die Arbeit.

Können Sie Ihre Zuständigkeiten auswendig auflisten?

Abfallwirtschaft, Bauaufsicht, Untere Naturschutzbehörde, Untere Wasserbehörde, Straßenverkehrsbehörde, Veterinäramt, Amt für den ländlichen Raum und die Zuständigkeit für den Rhein-Main-Verkehrsverbund.

Von welchem der Themen hatten Sie vorher vertieft Ahnung?

Der Naturschutz lag mir schon immer am Herzen. Aber alle anderen Bereiche waren tatsächlich Neuland.

Haben Sie inzwischen Ihren Frieden damit gemacht, dass die Zuständigkeit für den Klimaschutz bei der Landrätin geblieben ist?

Klimaschutz ist ja eine Querschnittsaufgabe.

Das sagt die Landrätin auch, aber die Koalition wollte es anders.

Natürlich kann man den Klimaschutz mit den Zuständigkeiten, die jetzt bei mir sind, auch voranbringen. Ich denke an die Abfallwirtschaft, das gehört auch zum Klimaschutz. Es gibt Querschnittsthemen wie das Stadtradeln. Wir haben vereinbart, dass sich mein Dezernat darum kümmert. Das hat auch mit Verkehrswende und im weitesten Sinne mit Klimaschutz zu tun.

Wird es also ein Kreisradeln?

Wir hängen uns an die Stadt Gießen dran. Elf weitere Kommunen wollen mitmachen und zwar zum gleichen Termin, um dem Thema mehr Öffentlichkeit zu verschaffen. Mein Ziel ist, dass das nicht nur eine PR-Aktion ist, sondern, dass wir für den Radverkehr nachhaltig Dinge erreichen. Möglicherweise gibt es dann weitere Fahrradstraßen oder Fahrradzonen.

Wie sind Sie zur Politik und den Grünen gekommen?

Das war 2009 bei der Neuwahl des Landtages, nachdem Andrea Ypsilanti von der SPD daran gescheitert war, mit einer rot-grünen Minderheitsregierung Ministerpräsidentin zu werden. Roland Koch von der CDU blieb im Amt und meine Frau und ich waren uns einig, dass wir politisch aktiv werden müssten. Konkret wurde es nach der Geburt unserer Tochter. Die Kinderbetreuung in Allendorf/Lda. war so ungünstig, dass einer von uns nur halbtags hätte arbeiten können. Jetzt betraf es mich dermaßen persönlich. Wir haben dann den Ortsverband der Grünen wiederbelebt, der sich während des Kosovo-Krieges aufgelöst hatte. 2011 kam ich ins Parlament und bin schnell auf dem Boden der Realität aufgeschlagen. In den ersten Sitzungen saß ich gefühlt mit offenem Mund da und dachte: ›Das haben die jetzt nicht wirklich gesagt‹. Es war extrem befremdlich. Aber das Entscheidende war, dass man trotzdem dabeibleibt.

Weil Sie dachten, dass die Verkrustungen ohne die Grünen nie aufbrechen würden?

Man kriegt Einblicke in die Gegebenheiten vor Ort, wird auf Probleme angesprochen und fühlt sich auch verantwortlich. Zum Beispiel gab es einen Spielplatz in Allendorf mit ganz schlimmen Geräten, die teilweise verrostet waren. Sowas wird nur geändert, wenn sich jemand darum kümmert. Und bei der Kinderbetreuung herrscht inzwischen eine sehr gute Situation.

Wieso sind Sie hauptamtlicher Kreisbeigeordneter geworden?

Das war ein parteiinterner Prozess.

Wollten Sie es machen oder hat man Sie vorgeschlagen?

Es war eine Mischung. Wir haben geschaut, wer in Frage kommt. Und da ist es auf mich zugelaufen. Kerstin Gromes sollte Landrätin werden und ich sollte das Dezernat übernehmen.

Was qualifiziert Sie für das Amt?

Gute Frage. Ich habe mich im Vorfeld gefragt, was ein Dezernent den ganzen Tag macht. Was mich qualifiziert, ist meine Lebenserfahrung und meine Vita, die sich unterscheidet von klassischen Politikkarrieren. Ich komme von außen, ohne zu sehr Politik-gesteuert zu sein. Es ist auch ein Unterschied, ob man in der Verwaltung groß geworden ist oder ob man mit einem anderen Blick draufschaut.

Wie ist das Klima in der Koalition? Ist man noch in der Phase der Verliebtheit?

Ich kann nur sagen, dass wir bei guter Stimmung sehr reibungslos und wirklich gut zusammenarbeiten. Es passt sowohl zwischenmenschlich wie auch politisch. Es gab auch kontroverse Diskussionen, aber wir sind immer mit einem guten Kompromiss rausgegangen.

Warum hat es in der alten Koalition nicht mehr funktioniert?

In der alten Koalition hat jeder seine Schwerpunkte gesetzt.

Das ist doch jetzt nicht anders.

Ja, aber das Kräfteverhältnis in der alten Koalition war halt so, dass man oftmals zurückstecken musste.

Die SPD wollte dominieren?

Die SPD war mehr als doppelt so stark, so dass sie dominieren konnte. Und dabei hat man sich nicht immer mitgenommen gefühlt. Das hat auch viel mitgeschwungen bei der Frage nach der neuen Koalition. Dinge, die sich in zehn Jahren verfestigt haben, lösen sich nicht einfach auf. Das Gefühl bei allen Beteiligten war, dass man in einer neuen Konstellation mehr grüne Projekte umsetzen kann.

Wie ist das Klima im Kreisausschuss?

Eigentlich okay.

(lacht) Das klingt jetzt aber nicht toll.

Naja, als wir den Nachtragshaushalt nicht beschlossen haben, da herrschte nicht ›Friede, Freude, Eierkuchen‹. Da merkte man schon die unterschiedlichen Positionen und ich kann mir vorstellen, dass es in der einen oder anderen Situation kontroverse Diskussionen geben wird. Aber wenn man bisher nicht einer Meinung war, dann wird das nicht nachgetragen. Es war eine politische Entscheidung und beim nächsten Thema werden die Uhren wieder auf Null gestellt. Das meine ich mit ›eigentlich okay‹.

Wie ist das Klima mit der Landrätin?

Auch eigentlich okay. Sie hat bisher alle Zusagen und alle Absprachen mit uns eingehalten. Das ist das, was ich mit politischer Gestaltungsfreiheit meine: Sie hat ihre, wir haben unsere und das wird so akzeptiert.

Bei Ihnen erlebt man eine optische Veränderung. Im Kreistag sah man Sie in Freizeitkleidung, im Sommer auch mal in Shorts, hier mit weißem Hemd und Sakko. Sind das Konzessionen an das Amt?

Als Dezernent wird man auch als Verwaltungsleitung angesehen und da kann man nicht mit kurzen Hosen kommen. Das ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig, aber das ist eine Kröte, die man schlucken muss (lacht).

Christian Zuckermann wurde am 4. September 1973 in Gießen geboren. Nach der Mittleren Reife absolvierte er im Hotel Steinsgarten in Gießen eine Ausbildung zum Restaurantfachmann. Später folgte eine weitere Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher. Von 1998 bis 2005 war Zuckermann als Gastronom im Künstlerhof Arnold in Allendorf/Lda. tätig. Von 2003 bis 2005 absolvierte er parallel zur Arbeit sein Anerkennungsjahr als Erzieher. Dadurch erwarb er die Fachhochschulreife. Seitdem war Zuckermann in der Leppermühle, einem psychotherapeutischen Wohnheim für junge Menschen in Großen-Buseck, als Gruppenleiter/Teamkoordinator einer vollstationären Jugendwohngruppe beschäftigt. Von 2011 bis 2016 gehörte Zuckermann dem Stadtparlament in Allendorf/Lda. an, ab 2016 war er Kreistagsabgeordneter sowie kurzzeitig Stadtverordneter in Gießen. Im Kreistag fungierte er als Fraktionsvorsitzender. Der 48-Jährige lebt mit seiner Frau und der Tochter, zwei Pferden und einem Hund auf einer Hofreite in Villingen. (vb)

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