1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Kreis Gießen

Corona-Dividende schwindet

Erstellt:

gikrei_0405_unfall02_ib__4c_1
Bereits vor der Legalisierung von Cannabis hat sich die Zahl der Fahrer unter Drogeneinfluss, die bei Kontrollen in den vergangenen fünf Jahren auffielen, mehr als verdoppelt. © Red

Die Verkehrsunfallstatistik 2021 zeigt in vielen Feldern wieder steigende Zahlen. Sorgen macht der Verkehrspolizei auch die geplante Freigabe von Cannabis.

Kreis Gießen. Auch wenn so mancher Zeitgenosse unter Flugangst leidet, das gefährlichste Verkehrsmittel ist immer noch das Automobil. Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei im Bereich des Polizeipräsidiums (PP) Mittelhessen, das die Landkreise Gießen, Marburg-Biedenkopf, Wetterau und Lahn-Dill sowie die Bundesautobahnen in diesem Raum umfasst, durchschnittlich alle 25 Minuten einen Unfall, alle 145 Minuten kam dabei ein Mensch zu Schaden.

Das geht aus der Verkehrsunfallstatistik für das Jahr 2021 hervor, die Polizeipräsident Bernd Paul am Dienstag in einer Pressekonferenz vorstellte. Nachdem 2020 die Unfallzahlen in den vier Kreisen pandemiebedingt auf eine Rekordtief gefallen waren, registrierte die Polizei im Vorjahr in vielen Segmenten wieder steigende Unfallzahlen, auch wenn man immer noch weit von den Vor-Corona-Zahlen entfernt ist.

Insgesamt 21 045 Verkehrsunfälle wurden im vergangenen Jahr aufgenommen. Das sind 1408 Unfälle oder 7,1 Prozent mehr als 2020.

Leicht angestiegen ist auch die Zahl der Verkehrstoten. 44 Menschen kamen im Vorjahr bei Verkehrsunfällen ums Leben und damit zwei mehr als 2020.

Viele Wildunfälle

Jeweils gestiegen sind auch die Zahl der Unfallfluchten und der Wildunfälle. Diese Unfälle machen gut die Hälfte aller aufgenommenen Unfälle aus. Die Wildunfälle sind deutlich um 13 Prozent auf 5884 gestiegen. Die Gründe seien vielschichtig, sagte Paul. Sie reichten vom während der Pandemie veränderten Freizeitverhalten der Bürger, die vermehrt den Wald für ihre Aktivitäten nutzten und so das Wild aufscheuchten bis zu einem Schwinden der Rückzugsräume durch die großen Dürre- und Windwurfschäden der vergangenen Jahre. Wichtig sei, dass man im Bereich von Waldgebieten vorsichtig fahre und immer mit dem Queren von Wild rechne, betonte Paul.

Nicht ganz so hoch ist die Zunahme der Unfallfluchten um 1,3 Prozent auf zuletzt 5288 Unfälle. Erfreulich sei, dass man die Aufklärungsquote bei den Unfallfluchten von 43 auf 44 Prozent nochmals steigern konnte. Sich nach einem Crash aus dem Staub zu machen sei weder ein Kavaliersdelikt noch eine Ordnungswidrigkeit sondern eine Vergehen, das empfindliche Strafen nach sich ziehen könne, so der Polizeipräsident.

Weiter im Fokus der Polizei stünden Motorradfahrer, von denen im vergangenen Jahr neun im Bereich des PP starben. Die Polizei habe in den vergangenen Jahren viel investiert, um die Sicherheit für diese Gruppe weiter zu erhöhen. Neben vielen präventiven bzw. baulichen Maßnahmen an den bekannten Motorradstrecken, wie zuletzt die Einrichtung von Lärm-Displays bei Bischoffen und Laubach, seien auch konsequente Kontrollen notwendig, um die Zahl folgenschwerer Unfälle zu reduzieren.

Weiter zugenommen haben 2021 die illegalen Autorennen in Mittelhessen. Während 2020 noch sechs solcher Delikte angezeigt wurden, waren es im vergangenen Jahr bereits 16. »Um solche illegale Fahrmanöver, bei denen das Auto zu einer tödlichen Waffe werden kann, einzudämmen, haben wir mehrere Beamte ausgebildet«, sagte Paul. Aber auch Begleiterscheinungen wie lärmendes Posen, illegales Tuning und Rasen werde immer zielgerichteter unterbunden. 84 Fahrzeugen wurde 2021 die Betriebserlaubnis entzogen.

Hoher Kontrolldruck

Bemerkenswert sei auch, dass die sogenannten folgenlosen Fahrten, bei denen Drogen oder Alkohol im Spiel waren, im Vorjahr von 270 auf 331 gestiegen sind. Das spiegele den erhöhten Kontrolldruck aber auch die bessere Ausbildung der Polizisten wieder,

Seit 2020 werde beim PP Mittelhessen das Konzept zur Drogenerkennung im Straßenverkehr (»DIS«) umgesetzt. »Mit diesem Konzept ist es uns gelungen, innerhalb kurzer Zeit viele Mitarbeiter zu schulen und für die Symptome eines Drogenmissbrauchs zu sensibilisieren, die nicht so offensichtlich seien wie bei einem Betrunkenen«, sagte der Leiter der Einsatzabteilung, Manfred Kaletsch.

Der Polizeipräsident machte in diesem Zusammmenhang noch einmal deutlich, dass er es für »ein ganz schlimmes Signal« hält, eine weitere Droge zu legalisieren. »Interessierte Kreise«, die das seit Jahren betreiben würden, blendeten dabei völlig aus, dass Cannabis durch gezielte Züchtung heute einen viel höheren Wirkstoffgehalt habe als vor Jahrzehnten. Diese Droge könne schwere Psychosen auslösen. .Auch beim schwersten Unfall des vergangenen Jahres im September 2021 auf der A 5 bei Friedberg, als ein Geisterfahrer einen Unfall verursachte, bei dem vier Menschen starben, seien wahrscheinlich Drogen im Spiel gewesen.

Besonders erfreulich ist die Entwicklung der Unfallzahlen bei den Fahrern zwischen 18 und 24 Jahren. Nicht zuletzt durch die intensive Aufklärungskampagne »Bob« sei die Zahl der von dieser Alterskohorte verursachten Unfälle von 288 im Jahr 2006 auf 107 im Vorjahr gesunken.

Weniger einheitlich ist dagegen das Bild bei der Generation 65 Plus. Nachdem deren Anteil am Unfallgeschehen in den vergangenen Jahren langsam aber kontinuierlich gestiegen war, kam es auch hier in den beiden Corona-Jahren zu einem starken Rückgang. Ein Problem sei, dass man mit der analogen Kampagne »Max« ältere Menschen schwerer erreiche, als Schüler im Klassenraum oder in der Fahrschule.

Verstärkt kontrollieren will man in Zukunft die verbotene Nutzung des Handys am Steuer. Auch diese Unfallursache habe in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Zudem geht die Polizei hier von einer hohen Dunkelziffer aus, da der Nachweis einer illegalen Handynutzung nach einem Unfall nicht immer leicht sei. Die höheren Bußgelder hätten hier leider keinen dämpfenden Effekt gehabt, bedauerte Paul.

gikrei_0405_unfall01_ib__4c
»Bob« ist top. 15 Jahre nach Beginn der Aktion, die vor allem Fahranfänger davon abbringen soll, sich alkoholisiert hinters Lenkrad zu setzen, ist die Zahl der Unfälle unter Alkoholeinfluss im Segment der 18 bis 24-jährigen Verkehrsteilnehmer um fast 62 Prozent gesunken. Grafiken: PP Mittelhessen © Red
gikrei_0405_unfall03_ib__4c
Polizeipräsident Bernd Paul warnte während der Vorstellung der Jahresunfallstatistik 2021 noch einmal ausgiebig vor der Legalisierung von Cannabis. © PP Mittelhessen

Auch interessant