1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Kreis Gießen

»Darmkrebs schläft nicht«

Erstellt: Aktualisiert:

gikrei_2503_ingo_vb_2503_4c
Ingo Kolossa © Kolossa

Experte Dr. Ingo Kolossa beklagt im Interview, dass viele Vorsorgeuntersuchungen in zwei Jahren Corona-Pandemie nicht wahrgenommen wurden.

Kreis Gießen (vb). Darmkrebs ist weltweit die zweithäufigste Krebserkrankung. Allein in Deutschland sterben daran jedes Jahr circa 24 000 Frauen und Männer, mehr als 60 000 erkranken neu. Dies ließe sich durch regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen in Form einer Darmspiegelung (Koloskopie) nahezu komplett vermeiden, betont Dr. Ingo Kolossa vom EDZ Hessen-Mitte in Pohlheim. Er und seine Kollegen gehören zu den Medizinern im Landkreis Gießen, die sich am »Darmkrebsmonat März« beteiligen. Die Felix-Burda-Stiftung hat die bundesweite Kampagne initiiert, die sich zum 20. Mal jährt. Unter dem Motto »Der Deal Deines Lebens« wird an die Bevölkerung appelliert, die Vorsorgemöglichkeiten gegen Darmkrebs in Anspruch zu nehmen.

Warum ist die Sensibilisierung zur Darmkrebsvorsorge so wichtig und warum sehen Sie aktuell eine besondere Dringlichkeit, die Menschen zu motivieren?

Noch immer ist die Beschäftigung mit der eigenen Darmgesundheit ein Tabuthema, wodurch sich unter anderem der Vorbehalt gegenüber den gesetzlich angebotenen Vorsorgeangeboten erklären lässt. Durch die intensiven medialen und politischen Bemühungen der vergangenen Jahre konnten wir erfreulicherweise einen Rückgang der Darmkrebs-Neuerkrankungen bei älteren Menschen in Deutschland verzeichnen. Auch wurden die Erkrankungen häufiger in einem Anfangsstadium entdeckt, wodurch sich nach der Behandlung deutlich bessere Langzeit-Überlebenschancen ergeben. Leider scheint es so, dass diese positiven Entwicklungen im Schatten der Corona-Pandemie beginnen, sich aufzuheben.

Welchen Einfluss hat die Pandemie auf die Darmkrebs-Vorsorge?

Seit zwei Jahren dreht sich alles um Corona. Nach Ausbruch der Pandemie 2020 wurde weltweit ein Einbrechen der Koloskopie-Vorsorgeuntersuchungen beobachtet. Diese Tatsache ist kürzlich in einer Studie aus den USA erstmals belegt worden. Fehlendes Interesse, größere Unsicherheit vor direkten Arztbesuchen, verbunden mit der Angst, sich im Wartezimmer anzustecken, trugen dazu bei. Dies ist übrigens für die meisten Vorsorgemaßnahmen zu beobachten. Eine von der AOK vorgelegte Studie verweist sogar auf einen Einbruch der Vorsorgemaßnahmen um 20 Prozent in den ersten beiden Corona-Wellen, oft mit fatalen Folgen. Die Deutsche Krebsgesellschaft beschreibt beispielsweise einen Abfall der Krebs- Operationen im Frühstadium. So sei auch die Zahl der Eingriffe bei fortgeschrittenen Erkrankungen gestiegen. Eine quantitative Erfassung ist in Deutschland allerdings schwierig und die Datenlage dünn, da -anders als zum Beispiel in England - die Daten dezentral und im Rückblick erfasst werden.

Wie könnte diesem Trend entgegengewirkt werden?

Eine gewisse Müdigkeit, sich neben den Anforderungen der vergangenen Jahre auch noch um seine langfristige Gesunderhaltung zu kümmern, ist verständlich. Aber Darmkrebs schläft nicht und bildet sich auch weiterhin - trotz Corona. Daher ist es umso wichtiger, diesem Trend entgegenzuwirken und die Bereitschaft zur Vorsorgeuntersuchung in der Bevölkerung weiter zu fördern. Gerade die aktuelle Kampagne benutzt einfach gewählte Formulierungen mit bewusst positiven Verknüpfungen, um die Menschen für eine Darmspiegelung zu gewinnen. Ich würde sogar sagen, dass der von den Krankenkassen finanzierte Darm-Check mehr als nur ein »Deal« ist, sondern wirklich ein Geschenk, das sich jeder Einzelne bereiten kann - ein Geschenk zur eigenen Gesunderhaltung, also ein »Geschenk des Lebens«.

Wie hat sich die Zahl der Betroffenen mit Darmkrebs in den vergangenen Jahren entwickelt?

Weltweit sind die Darmkrebs-Neuerkrankungen deutlich ansteigend. In Deutschland erkranken jedes Jahr circa 63 000 Menschen, wobei Männer häufiger und auch einige Jahre jünger als Frauen erkranken.

Ist Darmkrebs eine Erkrankung des Alters?

Obwohl das Durchschnittsalter der Patienten bei der Diagnose zwischen 72 und 76 Jahren liegt, beobachten wir überraschenderweise, dass die Rate an Darmkrebs-Neuerkrankungen in der Patientengruppe der 40- bis 50-Jährigen deutlich zugenommen hat. Diese Entwicklung wurde zum Anlass genommen, die Darmspiegelung als gesetzliche Früherkennungs-Maßnahme für Männer - hier war der Anstieg am deutlichsten - bereits im Alter von 50 Jahren anzubieten. Ein frühzeitiger Darm-Check ist auch deshalb so wichtig, weil zum einen eine Erkrankung im Frühstadium eine über 90-prozentige Heilungsrate hat. Zum anderen haben aber auch schon mehr als 25 Prozent der 50- bis 60-Jährigen gutartige Polypen im Darm, die als Vorstufe einer möglichen Erkrankung während einer Darmspiegelung direkt entfernt werden. Dadurch kann eine Erkrankung definitiv verhindert werden.

Kann ein gesunder Lebensstil das Risiko senken, an Darmkrebs zu erkranken?

Ja, definitiv. Wir wissen heute, dass die Bildung von Polypen im Darm, also die gutartigen Vorstufen eines Darmkrebses, durch einige Faktoren begünstigt wird. Dies sind Übergewicht, Rauchen, Verzehr von verarbeitetem Fleisch, übermäßiger Alkoholkonsum - mehr als zwei Flaschen Wein oder mehr als drei Liter Bier pro Woche - und Bewegungsmangel. Wenn man diese Faktoren vermeidet, sich ausgewogen und mit einem ausreichenden Ballaststoffgehalt durch Gemüse, Obst und Vollkornprodukte ernährt sowie auf mindestens 30 Minuten körperliche Bewegung pro Tag kommt, kann man das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, um bis zu 30 Prozent reduzieren.

Welche Rolle spielt die Vererbung bei Darmkrebs? Muss jemand mit familiärer Vorbelastung häufiger oder früher zur Darmspiegelung?

Wir wissen heute, dass circa 40 Prozent aller Darmkrebs-Erkrankungen einen familiären Zusammenhang haben. Das heißt, dass Verwandte ersten und zweiten Grades ebenfalls erkrankt waren. Daher raten wir diesen Menschen, sich ebenfalls einem Darm-Check zu unterziehen. Der Zeitpunkt sollte zehn Jahre vor Auftreten der Krebserkrankung des Angehörigen liegen. Erkrankt beispielsweise eine Person im Alter von 55 Jahren, ist es für die Verwandten ersten Grades ratsam, bereits mit 45 Jahren eine Darmspiegelung machen zu lassen. Auch sollten im Anschluss fünfjährige Untersuchungsintervalle eingehalten werden, unabhängig davon, ob bei der Untersuchung ein Polyp entdeckt und entfernt wurde oder nicht.

Wie Sie selbst ja beklagt haben, wird Prävention oft verdrängt. Welche Symptome kann man benennen, die zu einem sofortigen Termin beim Darmspezialisten führen sollten?

Alarmsymptome sind eine deutliche Veränderung der Stuhlgewohnheiten mit typischerweise erschwerter Entleerung, der Wechsel von Verstopfung und durchfallartigen Entleerungen, verbunden mit Schleim und Blutabgängen. Aber auch unspezifische Symptome wie Druckgefühl im Unterbauch, ungewollte Gewichtsabnahme von mehreren Kilogramm und Erschöpfungsgefühl können auf eine bösartige Erkrankung des Darms hinweisen. Wichtig ist zudem zu erwähnen, dass jede anhaltende oder über Monate zunehmende Blutung aus dem After dringend abgeklärt und nicht als typische Hämorrhoidalbeschwerde vertröstet werden sollte.

Sie sagen, dass Vorsorgetermine in der Corona-Zeit nicht wahrgenommen wurden. Können Sie dies mit Zahlen aus Ihrer Praxis verdeutlichen? Wie viele Patienten haben Sie vor Corona jährlich zur Vorsorge gehabt, wie viele waren es 2020 und 2021?

Wir konnten in den Jahren seit 2017 bis Anfang 2020 eine kontinuierliche, wenn auch geringe Zunahme der Darmspiegelungen in unserer Praxis beobachten, was sicherlich ein positives Resultat der bundesweiten Aufklärungsarbeit war. Die für viele Jahre erschreckend geringe Teilnahme an den Vorsorgeprogrammen wuchs langsam, aber stetig pro Jahr um circa zwei Prozent auf letztlich knapp 15 Prozent aller bei uns durchgeführten Darmspiegelungen. Dieser Trend brach ab April 2020 nachweislich ab. Circa 450 Untersuchungen der für die folgenden Monate 2020 avisierten Gesamtuntersuchungen wurden von den Patienten abgesagt, was sechs Prozent entspricht. Eine weitere Steigerung der Vorsorgeuntersuchungen wie in den Vorjahren konnte dann auch für 2021 leider nicht mehr beobachtet werden, so dass zu hoffen bleibt, dass sich diese Entwicklung in den kommenden Monaten und Jahren, in denen wir mit Corona zu leben haben, nicht fortsetzt.

Dr. med. Ingo Kolossa ist Facharzt für Viszeralchirurgie, Koloproktologie und chirurgische Endoskopie und Gesellschafter im EDZ Hessen-Mitte in Pohlheim. In dem Fachärztezentrum arbeiten Gastroenterologen, Chirurgen und Allgemeinmediziner, die sich speziell mit der Darmgesundheit, Ernährungsmedizin, Vorbeugung, Erkennung und Behandlung von Magen- und Darmerkrankungen befassen.

Auch interessant