1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Kreis Gießen

»Das fällt jetzt auch noch weg«

Erstellt:

gikrei_2901_dge_FabianSp_4c_1
Fabian Speier © Red

Die Einstellung der KfW-Förderung sorgt für Kopfschütteln in der Immobilien- und Finanzbranche.

Kreis Gießen. (dge). »Die Bewilligung von Anträgen nach der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) der KfW wird mit sofortiger Wirkung mit einem vorläufigen Programmstopp belegt.« Das kann man auf der Internetseite des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz nachlesen.

Was sich nach Behördendeutsch und relativ trocken anhört, hat indes recht hohe Wellen geschlagen. Im Klartext heißt es nämlich, dass Bauherren nicht mehr mit einer Förderung durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) rechnen können. Betroffen sind Effizienzgebäudes 55 (EH55), Das Programm wäre zum 31. Januar ohnehin ausgelaufen, doch angesichts leerer Fördertöpfe zog Wirtschafts- und Umweltminister Robert Habeck wenige Tage zuvor die Notbremse. In der Immobilienbranche schlug die Nachricht hohe Wellen, auch im Gießener Land herrscht Kopfschütteln.

»Grenzwertig«

»Auch wenn ich die Begründung verstehen kann, dass das von der vorherigen Bundesregierung bereits beschlossen wurde, angesichts ungenügender Mittel die Förderung auslaufen zu lassen, und dass EH 55 heutzutage ohnehin Standard ist, halte ich es für sehr unglücklich, das Programm vorher schon zu kappen. Und das einfach so.«

Fabian Speier, Leiter der Baufi24-Niederlassung in Gießen, zeigt Verständnis, dass die Regierung keinen Standard, der ohnehin erfüllt werde, fördern wolle. Das sei durchaus nachvollziehbar, Aber: »Wenn man im Wahlkampf antritt mit dem Anspruch 400 000 Wohnungen bauen zu wollen, ist die aktuelle Entscheidung grenzwertig.«

Dies gerade vor dem Hintergrund, dass junge Menschen in Deutschland es immer schwerer hätten, eine Wohnung, ein Haus zu finden. »Deutschland hat fast überhaupt keine Wohnraumförderung für Privatpersonen, ist das Land mit der niedrigsten Eigenkapitalquote und hat aktuell ohnehin Probleme auf dem Immobilienmarkt. In so einer Situation eine wirtschaftliche Förderung einzustellen, ist grenzwertig. Das sieht auch die komplette Branche so«, stellt der Experte für Immobilienfinanzierung fest.

Viele, die ein Eigenheim kaufen wollen, haben diese Förderung durch die KfW in ihrem Finanzierungsplan einkalkuliert. Bei Speier laufen die Telefone im Moment dennoch nicht heiß, kalkuliert er für seine Kunden häufig auch ohne KfW-Förderung. Insofern sei die aktuelle Meldung für ihn als Immobilienfinanzierer eher »nebensächlich«. Zumindest müssten alle, deren Anträge liefen, noch eine Förderung bekommen, schätzt er. Aber auch das sei nicht explizit kommuniziert worden.

Dennoch spart er nicht mit Kritik. »Es gibt Leute, die jetzt einfach nicht mehr bauen, die ihre Pläne gestoppt haben, weil sie diese Förderung nicht mehr bekommen«. Für Bauträger sei es eine »Katastrophe, denn die Förderung war ein Verkaufsargument«.

Der 37-Jährige spricht von einem planlosen Vorgehen seitens der Regierung, es gebe keinerlei Aussage, ob es neue Programme in welcher Höhe gebe. Die Berufsverbände sprächen von einem riesigen Vertrauensverlust in die Politik.

Nicht nur das. »Wir haben gestiegene Immobilienpreise, wir haben gestiegene Baukosten. Wenn dann noch die Förderung wegfällt, wird es für junge Menschen, junge Familien immer schwieriger, in die eigenen vier Wände zu kommen. Im Klartext: Das Wenige an Förderung, dass man bekommen hat, ist jetzt auch noch weg.«

Das Ministerium teilt auf seiner Homepage weiterhin mit, dass über die Zukunft der Neubauförderung für EH40-Neubauten vor dem Hintergrund der zur Verfügung stehenden Mittel im Energie- und Klimafonds und der Mittelbedarfe anderer Programme in der Bundesregierung zügig entschieden werde. »Ebenso wird zügig über den Umgang mit den bereits eingegangenen, aber noch nicht beschiedenen EH55- und EH40-Anträgen entschieden«, kann man dort nachlesen. Was sollen Bauwillige mit dieser Aussage anfangen? »Gute Frage. Da herrscht im Moment ganz große Unsicherheit«, so Fabian Speier.

»Telefone laufen heiß«

Das bestätigte auch Marina Fleischhauer (Vertriebsleiterin Baufinanzierung) für die Volksbank Mittelhessen. »Ja, die Telefone laufen heiß.« Auch über das Internet gebe es jede Menge Anfragen. »Eine solche Entscheidung ist bislang einzigartig im Finanzsektor«, kommentiert Fleischhauer die Hiobsbotschaft aus Berlin, die auch für die Volksbank »völlig überraschend« gewesen sei. Gerade Kunden, die schon Projekte respektive deren Finanzierungen laufen hätten, riefen an.

Eines sei aber gewiss: Was beantragt und genehmigt sei, sei von der aktuellen Entscheidung der Bundesregierung nicht gefährdet. Grundsätzlich sei die KfW-Förderung ein Faktor für Bauwillige gewesen, manche überlegten sich das nun nochmal. »Bei einem Einfamilienhaus kann so eine Förderung durchaus schon die Einbauküche bedeuten«, macht Fleischhauer die Größenordnung deutlich. Bei einem Mehrfamilienhaus falle das entsprechend höher aus. Seitens der Volksbank erwarte man in Kürze eine neue politische Marschrichtung. Ohne »Plan B« sei der Entschluss »nicht gut« gewesen. Für die Bauherrn, die mit dem Förderzuschuss gerechnet hätten, sei die Sache »ärgerlich«. Bauen sei trotzdem angesichts der »historisch niedrigen Zinsen« trotz allem nach wie vor attraktiv, meint man bei dem mittelhessischen Kreditinstitut. Sollten Zweifel bestehen, stünden die Kundenberater gerne zur Seite. Aber auch bei der Volksbank ist zur Zeit unter dem Strich nur eines klar: »Die Unsicherheit ist groß.«

Bei der Sparkasse Gießen, so erklärt Pressesprecherin Marina Böcher, sei man »proaktiv auf unsere betroffenen Kunden zugegangen. In den meisten Fällen lagen die Zusagen der KfW bereits vor, so dass kein Handlungsbedarf bestand. In den aktuell noch laufenden Beratungsgesprächen sucht unser Baufinanzierungsteam gemeinsam mit den Kunden alternative Finanzierungslösungen über die Sparkasse.« Sicherlich sei dies keine erfreuliche Nachricht für Immobilienentwickler und private Häuslebauer gewesen. Möglicherweise könnten einzelne geplante Bauvorhaben nicht umgesetzt werden, wenn Fördermittel, die bislang noch beantragt werden konnten, nicht mehr abrufbar seien.

»Steigende Baukosten«

Wenn künftig Neubauten nur noch mit strengsten Energieeinsparzielen gefördert würden, prognostiziert man bei der Sparkasse steigende Baukosten. »Das hätte wiederum Auswirkungen auf Immobilienpreise und folglich auch auf die Mietpreise.« Trotzdem erwarte man keinen spürbaren Rückgang von Finanzierungsanfragen. »Wie bereits berichtet wurde, werde mit Hochdruck daran gearbeitet, möglichst schnell neue Förderprogramme für das Effizienzhaus/Effizienzgebäude 40 im Neubau und für energetische Sanierungen aufzusetzen«, beruft sich Böcher auf neueste Meldungen. Nach Einschätzung des Kreditinstituts werde die Bauwilligkeit weiter hoch bleiben.

Die entscheidende Frage werde eher die »Machbarkeit« von (Neubau-)Finanzierungen sein, wenn Fördermittel, die bislang noch beantragt werden konnten, nicht mehr abrufbar sind. Glücklicherweise sehe man in ihrem Hause bereits beantragte Finanzierungen, die eine KfW-Förderung einkalkuliert hatten, als nicht gefährdet an. »Generell sollten Häuslebauer und Käufer bei dem weiterhin attraktiven Zinsniveau nicht auf eine Förderung warten, wenn sie eine passende Immobilie gefunden haben oder einen Neubau planen.«. Böcher verwies dazu auf die entsprechenden Beratungsangebote.

Kai Bülow, Geschäftsführer der Bauträgergesellschaft depant GmbH, spricht von einem »Wortbruch« seitens der Regierung. Aber nein, bei ihm liefen derzeit keine Telefone heiß. Es sei klar gewesen, dass die KfW-Förderung zum 31. Januar ausläuft, daher habe sein Unternehmen sich darauf eingestellt und frühzeitig die Weichen gestellt. Dass nun aber aus Berlin ein sofortiger Stopp verkündet wurde, hält er für ein »absolutes No Go«.

Betroffen seien momentan diejenigen, die in der Phase des An- oder Verkaufs seien. Bülow gab zu bedenken, dass man hier von großen Investitionen spreche. »Ein Einfamilienhaus ist die größte Investition ihres Lebens für Privathaushalte. Die bedarf einer langfristigen Planung und auch einer gewissen Sicherheit. Denen mit einer Entscheidung ohne Vorankündigung und ohne eine Alternativlösung anzubieten den Boden unter den Füßen wegzuziehen, geht gar nicht. Das torpediert jegliche Planung für private Häuslebauer.«

Noch bitterer sei die Erkenntnis, dass man nun nicht mal mehr »denn Aussagen der Führung unseres Landes vertrauen kann.« Bülow sieht die Regierung in der Pflicht, hier schnellstens den Kurs zu korrigieren. Es sei schließlich nicht die Schuld der Verbraucher, wenn man sich in Berlin verkalkuliere, konstatiert Kai Bülow.

Fotos: Chris Kettner/Volksbank Mittelhessen/Melanie Zabel/Miriam Peuser.

gikrei_2901_dge_Boecher_M_4c_1
Marina Böcher © Red
gikrei_2901_dge_Kai_Buelo_4c_1
Kai Bülow © Red
gikrei_2901_dge_Marina_F_4c_1
Marina Fleischhauer © Red
gikrei_2901_dge_kfw2foto_4c_2
Bislang konnten Häuslebauer auf eine Unterstützung aus den Fördertöpfen der KfW bauen. Symbolfoto: dpa © Red

Auch interessant