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Das menschliche Herz schlägt stärker

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Von: Ursula Hahn-Grimm

Das Familienstück »Das kalte Herz« nach Wilhelm Hauff feiert Premiere im Stadttheater Gießen. Der alte Stoff von einem Leben in Armut wirkt auch heute noch topaktuell.

Gießen. Da fieberten alle mit: »Das kalte Herz«, nach einer Erzählung von Wilhelm Hauff, das nun im Stadttheater Gießen Premiere feierte, erwies sich als Familienstück im besten Sinn des Wortes. Mathilde Lehmann schaffte es mit ihrer Inszenierung, aus dem alten Stoff ein topaktuelles Stück zu machen, umgesetzt in eine märchenhafte Aufmachung und kindgerechte Dialoge.

Die fünf Schauspielerinnen und Schauspieler spielten sich schnell in die Herzen der Zuschauer. Musik und Songs von Elija Kaufmann und Mathilde Lehmann avancierten zu echten Ohrwürmern. Bühnenbild und Kostüme von Nanako Oizumi versetzten alle in eine zauberhafte Fantasiewelt.

Die Märchen von Wilhelm Hauff sind neben denen von Hans Christian Andersen und der Brüder Grimm auch nach weit über 100 Jahren immer noch unvergessen. »Das kalte Herz« erzählt von dem jungen Köhler Peter Munk, der zusammen mit seiner Mutter mitten im Schwarzwald wohnt. Doch er ist unzufrieden mit seinen Lebensbedingungen. Harte Arbeit und wenig Geld, zudem wenig Anerkennung bei den Menschen im Dorf. »Ich habe nichts«, mit diesem Lied eröffnet Stephan Hirschpointner die Vorstellung und begleitet seinen Vortrag auf der Gitarre.

Drückende Armut auch im nächsten Bild: Die Mutter will Peter morgens einen Haferbrei zubereiten, er würde lieber einen köstlichen Fasan verspeisen. Die Szene wird lebendig und witzig gespielt von Carolin Weber und Stephan Hirschpointner. Im Hintergrund der Begegnung ist der Schwarzwald zu sehen. In echt romantischer Manier prangt ein großer Vollmond über den Bäumen. Doch die Fichten ragen kahl gen Horizont, auf dem Boden liegen alte Autoreifen herum, wie es auch der modernen Wegwerf-Mentalität entspricht.

Peter hat das eintönige Leben satt und geht lieber ins Wirtshaus. Dort trifft er auf den Würfelmeister (David Moorbach), den langen Schlurker (Izabella Radic) und den Tanzbodenkönig (Pascal Thomas). Peter verliert sein ganzes Geld am Spieltisch, Tanzbodenkönig wird er natürlich auch nicht. Der Wettstreit der beiden Tänzer gehört mit zu den besten Szenen des Nachmittags; einfach köstlich, wie Hirschpointner und Thomas (in stilisierten kurzen Lederhosen) die Beine schwingen. Ausstatterin Nanako Oizumi zaubert den magischen Wald, das Wirtshaus und die Herzkammer weitgehend ohne Neuanschaffungen auf die Bühne. Die Bäume beispielsweise sind aus Brettern genagelt, die Kostüme stammen zum großen Teil aus dem Fundus und sind neu zusammengenäht worden. Wunderbar sind auch die geschminkten Gesichter anzuschauen: lange Wimpern, rote Wangen oder tiefe Falten, unterschiedlich ausgeprägt je nach Charakter.

Ein fantasievolles Kostüm ist schon im nächsten Bild zu bewundern: Carolin Weber tritt als »Glasmenschlein« auf, ein guter Waldgeist, der in der Gießener Aufführung ein ausgeprägtes Schwäbisch spricht. Doch alle guten Ratschläge helfen nichts, Peter landet nach anfänglichem Wohlstand bald wieder in Armut und ruft den bösen Holländermichel (David Moorbach) zu Hilfe.

Die folgende Szene ist gruselig genug, die Kinder näher an die Eltern rücken zu lassen: Aus dem Boden taucht die Hebebühne auf, ganz in roten Qualm gehüllt. Im Inneren der Herzkammer steht der böse Waldgeist, rund um ihn hängen Gläser mit menschlichen Herzen, wegen der Kinder und ängstlicher Gemüter sind diese aber »nur« mit bunten Glitzerperlen gefüllt.

Gier und Reichtum

Dramatische Musik aus dem Hintergrund. Neben Elija Kaufmann ist Lucas Dillmann am Schlagzeug zu hören. Eingängige, kraftvolle Songs, die man gerne noch einmal hören würde. Doch es ist keine Zeit, sich in die Musik zu vertiefen, die Handlung drängt weiter: Peter Munk verkauft für 100 000 Taler sein menschliches Herz und bekommt dafür ein Herz aus Stein. Nun wird er zwar ein reicher Geschäftsmann, dafür ein gieriger und selbstsüchtiger Mensch, der sogar seine Mutter aus dem Haus jagt. Schließlich erschlägt er im Affekt seine Freundin Lisbeth, weil die einer Bettlerin von seinem Wein zu trinken gibt. Am liebsten würde er sofort die Tat ungeschehen machen, doch die Reue kommt zu spät: Entgegen der Handlung bei Wilhelm Hauff und auch der Theaterfassung von Hansjörg Schneider wird Lisbeth nicht wieder lebendig. Dem Protagonisten gelingt es aber, den bösen Holländermichel zu überlisten und sein menschliches Herz zurückzugewinnen.

So lautet die Moral von der Geschicht’: Lieber mit einem menschlichen Herz in Armut leben, als mit einem kalten Herz in Gier und Reichtum. Eine Parabel auch für die moderne Geschäftswelt, in welcher der Profit über allem steht und die Zahl der Milliardäre von Tag zu Tag steigt. Unser Held kehrt mit seinem wiedergewonnenen Herzen in seine Köhlerhütte zurück, hat aber nun seine Gefühle und sein Lachen zurück. Mit einem zuversichtlichen Lied auf der Gitarre verabschiedet er sich von seinen jungen und alten Fans.

Diese waren äußerst angetan und bedankten sich mit begeistertem Applaus. Intendantin Simone Sterr freute sich, dass bei dieser Premiere alles so prima geklappt hatte und bedankte sich bei den Akteurinnen und Akteuren auf und hinter der Bühne. Unter anderem nannte sie Lena Meyerhoff (Dramaturgie), Lillian Marie Joachim (Regieassistenz), Maik Wendrich (Ausstattungsassistenz), Sebastian Songin (Theaterpädagogik), Felipe Moretti (Inspizienz), Christopher Moos (Technischer Direktor), Lukas Noll (Ausstattung), Volker Seidler (Ton), Kevin Weidlich (Licht) und Katrin Weiszhaupt (Maske).

Nächste Vorstellung ist am Sonntag, 20. November, um 16 Uhr. Viele weitere Aufführungen folgen. Infos im Programmheft oder im Internet unter www.stadttheater-giessen.de.

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