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Das Spiel der Sterne und ein flinker Zwerg

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Virtuose Klangentfaltung: das »In.Zeit Ensemble«. Foto: Schultz © Schultz

Gießen (hsch). Mit großer Vorfreude wurde das Konzert des »In.Zeit Ensembles« im ausverkauften Levi-Saal erwartet. Der aus Gießen stammende Jazzmusiker und Komponist Manfred Becker hatte ein sehr diverses kleines Orchester versammelt und präsentierte eigene und Kompositionen von Wollie Kaiser. Die zeigten sich zwar in ungewohnter freier Form, waren jedoch stets durchkomponiert und greifbar.

Nicht wenige Beiträge grenzten ans irritierend Virtuose, das Publikum war sofort hingerissen.

Becker, Jahrgang 1951, hatte aus der Stammbesetzung seines Ensembles Cellist Julien Blondel und Saxofonist Wollie Kaiser mitgebracht, Perkussionist Joe Bonica war krankheitsbedingt verhindert. Man hörte Akkordeon, Flöte, Oboe, Saxofone/Klarinetten, Trompete, Posaune, Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass und Schlagzeug.

In der einleitenden Improvisation wuchs ein veritabler Soundwall heran, ganz gemächlich zunächst, hoch differenziert. Die sensible Rollenverteilung und das offene Konzept ließen die Musik wie ein freundliches, geduldiges Gespräch wirken: die Posaune erzählte eine lustige Geschichte und es gab andere Beiträge. Schließlich fanden sich alle im Konsens auf einen gemeinsamen Ton zusammen.

Manfred Becker hat sich schon länger mit freieren, ungewöhnlichen musikalischen Formen befasst und in der Quartettbesetzung zu bemerkenswert überzeugenden Kompositionen gefunden. Nun hörte man als zweites Werk von Wollie Kaiser »Der Zwerg«. Auf Blondels Einsatz begannen Streicher und Akkordeon. Kaiser übernahm am Sopransaxofon die melodische Führung, während Becker mit Stakkato-Akkorden selbstbewusst mitredete. Eine gedämpfte Trompete fügte sich ein, und immer wieder erlebte man strahlend schöne Momente. Oft setzten einzelne Stimmen zu einem neuen Abschnitt auch neu an, wie etwa die Querflöte mit einem zauberhaft weichen und schönen Thema. Insgesamt hatte man den Eindruck, dass der besagte Zwerg ganz schön flink auf den Beinen und höchst lebendig war.

Es folgte Kaisers Konzert für drei Flöten (Bass-, Konzert- und Blockflöte). Zunächst war das ein leichtes Dahinschweben, dann hörte man wiederum ein fast vorsichtiges chorisches Geschehen. Allerdings mit einem schicken, aparten Groove und dazu einige randständige, fast freijazzige Grenzklänge - eine unerwartet mitreißende Abwechslung.

Es folgte das siebensätzige Hauptwerk des Abends, Beckers »Berlin Firmament«. »Die Idee kam mir an einem Sommerabend am Inheidener See«, so Becker, als er beim Blick auf das Spiel der Sterne zu dem Gedanken fand, man müsse sich mehr um unseren Planeten kümmern. Von daher gibt es unter anderem die Sätze »Andromeda«, »Berlin Firmament« und »Milchstraße«. Der Eingangssatz ist »Blick zum Firmament«. Einzelne Stimmen setzen reihum ganz feine Punkte, bedächtig. Das Akkordeon setzt einen beruhigenden Akzent, und es folgt eine intensive Phase mit dem kompletten Orchester. Immer wieder kommen bemerkenswerte Soli etwa von Posaune und sehr poetischem Horn, und plötzlich startet in »Firmament« ein konkret tanzbarer Groove, der eine heftige Klangentfaltung bringt. Die Zuhörer lauschen häufig tief versunken, bis sie ein wunderbares chorartiges Finale umfängt. Riesenbeifall. Als Zugabe erklingt noch Beckers »Idyll« und macht den Abend endgültig zum besonderen Ereignis.

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