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Der Baum: Freund oder Feind!?

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Schattenspender, Zerstörer und Biosphäre: Eigentlich ist es »nur« ein Baum, der in Lang-Göns zum Disput zwischen Eigentümern führt. Fotos: Rieger © Rieger

Eigentümer streiten in Lang-Göns vehement um den Erhalt einer Fichte. Bisher ist dem Baum noch nichts passiert.

Langgöns (ikr). Erhalten oder fällen, im Wald befindet der Förster darüber. Dort, wo andere Menschen wohnen, ist die Entscheidung oft umstritten, so auch in Lang-Göns. Was dem einen Nachbarn gefällt, ist dem anderen nur den Einsatz einer Kettensäge wert.

Im Garten eines Mehrfamilienhauses mit Eigentumswohnungen in der Lilienstraße im Ortsteil Lang-Göns steht eine etwa zwölf Meter hohe mächtige Fichte. Einigen Bewohnern ist sie ein Dorn im Auge. Sie möchten sie am liebsten fällen lassen.

Das will Eugen Pletsch, der ebenfalls in dem Haus lebt, unbedingt verhindern: »Im Sommer 2022 wurde mehr Wald als jemals zuvor Opfer der Flammen und der Trockenheit. Deshalb kommt es auf den Erhalt eines jeden Baumes an.«

Ein Sommer voller Waldbrände

Damit hat er bundesweit betrachtet vollkommen recht. Fast 4300 Hektar Wald sind bis Ende August verbrannt, hat der deutsche Feuerwehrverband aktuell festgestellt und einen Rekord-Waldbrandsommer attestiert. Dabei hat der Verband nur Brände ab 30 Hektar (ha) gezählt, wobei im Jahresdurchschnitt seit 1991 zuvor nur 780 ha betroffen gewesen seien.

In den zurückliegenden Wochen hat sich Pletsch jedenfalls mit großem Engagement für den Erhalt des Baumes eingesetzt. Bisher mit Erfolg. Weitere Bewohner sehen es wie er, die Hausgemeinschaft ist gespalten.

Abholzen oder Artenschutz - darum geht es. Was genau ist geschehen? Pletsch erzählt: »Im Juni stand ein Antrag auf der Eigentümerversammlung, der den Rückschnitt oder die Fällung des Nadelbaums auf der Nordseite unseres Hauses forderte.« Sofort sprach er sich vehement gegen die Fällung dieser »kräftigen, kerngesunden Fichte« aus. Pletsch liebt den Baum und zählt ihre zahlreiche Vorzüge auf: »Der Baum ist ein wunderbares Biotop, er reduziert den Autobahnlärm auf der Schlafzimmerseite, schützt das Haus gegen Nord- und Ostwind, reduziert Staub-anflug vom benachbarten Feld, verbessert das Hausklima, bietet den Falken Aussicht und vielen anderen Vögeln Nahrung und Schutz, ist aktuell Nistplatz von Tauben, ein Schattenspender, ein von Insekten dringend benötigter Pollenspender und für mich persönlich meine tägliche Freude, wenn ich am Nordfenster sitze und arbeite.«

Blühstreifen bevorzugt

Doch warum wollen einige Mitbewohner des Hauses den Baum loswerden? Hausverwalter Markus Fischer moderiert den Streitfall. Er sagt: »Einige Leute aus dem Haus wollen den Baum weghaben. Äste drücken auf den Zaun, Wurzeln heben den gepflasterten Parkplatz, das stört einige Leute. Sie finden, der Baum gehört gar nicht da hin.« Stattdessen möchten sie einen »Blühstreifen« entlang des Zauns anlegen. Der Baum sei vor vielen Jahren als kleine Pflanze in den Garten gesetzt worden, nun sei er riesengroß geworden. »So ein Baum muss geschnitten und gepflegt werden«, unterstreicht Fischer. Grundsätzlich würden solch große Bäume in der Nähe von Häusern immer wieder Probleme machen, auch die Kanalisation könne durch die Wurzeln zerstört werden. »Es passiert jetzt erst einmal nichts, lediglich ein Rückschnitt wird an dem Baum durchgeführt«, stellt der Hausverwalter klar.

Pletsch sieht das nicht so: »Blühstreifen für Insekten und Vögel anzupflanzen, ist immer gut. Doch dafür ein lebendiges Biotop zu beseitigen, ist doch ein Unding.«

Deshalb hat Pletsch einige Naturschützer zurate gezogen, die sich alle gegen das Abholzen der Fichte ausgesprochen haben. Darunter auch Dr. Tobias Erik Reiners, Vorsitzender der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON).

Herber Verlust für Biodiversität

Er betont: »Der Biodiversitätsverlust gehört zu den größten Krisen unserer Zeit. Hierbei betrifft der Rückgang der Biodiversität und Vogelwelt alle Lebensräume, den Wald, die Gewässerlebensräume, das Offenland und auch den Siedlungsbereich gleichermaßen. Neben der zunehmenden Versiegelung ist im Siedlungsbereich der Verlust von Bruthabitaten ursächlich für den Rückgang der Vögel. Die Fällung einer gesunden Fichte am Ortsrand mag im Einzelfall trivial und ›nicht wichtig‹ erscheinen. Und doch ist der in allen Siedlungen seit Jahren fortwährende Verlust von größeren Bäumen, insbesondere von Nadelbäumen, ursächlich für den Rückgang von beispielsweise Girlitz, Grünfink und Türkentaube. Auch beim Turmfalken nimmt die Anzahl von Bruten in Bäumen stetig ab. Eine Fällung von Bäumen wie dieser Fichte, ist aus unserer Sicht eine gravierende Beeinträchtigung der Lebens-raumausstattung in ihrem Siedlungsbereich. Der Verlust wirkt dabei ebenso schädlich auf die Biodiversität wie die allerorts vorhandenen Schottergärten.«

Auch die Klimawirksamkeit dieses Baumes im Hinblick auf CO2-Speicherung, Beschattung und Wasserrückhaltevermögen durch das Wurzelwerk werde bei diesem Vorhaben außer Acht gelassen, kritisiert der Fachmann. Reiners bietet eine gemeinsame Begehung an, um direkt vor Ort Aufklärungsarbeit zu leisten, und bittet die Hausbewohner, ihre Absicht zu überdenken. Er verweist ebenfalls darauf, dass es gesetzlich verboten sei, Brutbäume zu fällen. Sein Fazit: »Einzelentscheidungen wie diese führen zu Tausenden in unseren Siedlungen zu einer lebensfeindlicheren Zukunft.«

Günther Oberländer von der Nabu-Gruppe Oberes Kleebachtal hat eine Artenschutzprüfung an der Fichte durchgeführt. Dabei wurde der Baum auf Beschädigungen durch Fremdeinwirkung, Sturmschäden, Wuchsschäden, Schadinsektenbefall, Wurzelschäden sowie auf Trockenschäden augenscheinlich untersucht. Es wurden keinerlei Schäden festgestellt.

Für die Befürchtung einiger Bewohner, der Baum wäre umsturzgefährdet und könne am Haus große Schäden verursachen, gebe es aktuell keine Anhaltspunkte. Dies aber bedeute nicht, dass der Baum bei einer Extremwettersituation nicht auch umgeworfen werden könne.

»Ausgesprochen vital und gesund«

»Die Fichte zeigt sich in einem ausgesprochen vitalen und gesunden Zustand«, kons-tatiert Oberländer. Der Naturschützer stellt fest, dass im Baum Ringeltauben brüten, er vermutet das Brüten verschiedener Singvogelarten. Es ist fotografisch belegt, dass die Fichte als Ansitzwarte für die Jagd regelmäßig von Turmfalken und als Schlafbaum von Singvögeln genutzt wird. Durch den Baum verursachte Pflasterschäden auf dem Parkplatz konnte er nicht feststellen, die sichtbaren Schäden resultierten möglicherweise aus einer schlechten Verlegung der Steine.

Als rechtliche Konsequenzen ergebe sich, dass der Baum nicht einfach gefällt werden könne, eventuelle Maßnahmen müssten mit der Unteren Naturschutzbehörde Gießen abgestimmt werden. Der Artenschutz sei immer zu beachten.

Besonderer Artenschutz

Pletsch hatte die Behörde bereits vor der Artenschutzprüfung kontaktiert. Die Mitarbeiterin bestätigt die juristischen Ausführungen Oberländers: »Bei allen Vogelarten greift der besondere Artenschutz nach § 44 BNatSchG, der mit strengeren Auflagen verbunden ist.« Sie unterstreicht, dass »Verbotstatbestände beim Fällen des Baumes« eintreten könnten wie die Zerstörung von Nestern. Dann könnten hohe Bußgelder verhängt werden.

Pletsch fragt sich jetzt auch: Würde der Baum gefällt und käme es in der Folge zu einer Geldstrafe für die Hausgemeinschaft, müsste er sich dann, obwohl er nicht einverstanden war, auch an den Kosten der Fällung und des Bußgeldes beteiligen? Diese Frage konnte ihm bisher noch niemand beantworten.

Von der Gemeinde Langgöns wünscht er sich deshalb eine Baumfällsatzung, damit es zukünftig bei ähnlichen Fällen eine klare Rechtslage gibt.

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