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Renate Hecht will ihren alten Führerschein wegen all der Erinnerungen auch nach der Entwertung behalten.

Führerscheintausch

Der »Lappen« hat ausgedient

Heute in einer Woche läuft die erste Frist zum Umtausch der alten Führerscheine ab. Doch Termine bei der Führerscheinstelle des Landkreises Gießen sind schwer zu bekommen.

Kreis Gießen. Nicht nur Lebensmittel haben ein Verfallsdatum, sondern seit diesem Jahr auch die Führerscheine. Egal, ob grauer Lappen, rosa Pappe oder weiße Plastikkarte - bis 2033 muss jeder Führerschein, der vor dem 19. Januar 2013 ausgestellt wurde, auf eigene Kosten in den neuen EU-Führerschein im Kartenformat umgetauscht werden. Dieser ist auf 15 Jahre befristet und muss dann jeweils durch einen neuen Führerschein ersetzt werden. Die moderneren Scheckkarten-Führerscheine haben derzeit schon das 15-jährige Verfallsdatum im Feld 4a aufgedruckt. Aber keine Angst, die Fahrerlaubnis behält ihre Gültigkeit und eine erneute Gesundheitsprüfung steht auch nicht an. Als Erstes sind die Jahrgänge 1953 bis 1958 betroffen, die noch bis zum 19. Januar Zeit haben, ihren Führerschein zu tauschen. Zu dieser Gruppe gehört auch die 65-jährige Hungener Kräuterfrau Renate Hecht, geboren am 8. März 1957.

»Ich komme aus dem Land der Ahnungslosen. Ich habe keine Aufforderung von irgendeiner Behörde erhalten, hatte keine Infos und wusste überhaupt nichts von dem Zwangsumtausch«, gibt sie unumwunden zu. Nur ein kurzer Hinweis in der Wochenendkolumne des Anzeigers habe sie sozusagen gerettet.

Fälschungssicher

Wieso müssen die Führerscheine getauscht werden? Die zugehörige Gesetzesänderung wurde am 15. Februar 2019 vom Bundesrat beschlossen. Gefordert wird ein europaweit einheitliches, fälschungssicheres Führerscheindokument mit einem aktuellen biometrischen Foto. Die neuen Führerscheine gelten in der gesamten EU und außerdem in Island, Norwegen, Liechtenstein und der Schweiz. Der gesamte Umtausch läuft gestaffelt: bei den Papierführerscheinen nach Geburtsjahr und bei den Karten nach Ausstellungsdatum.

Wie beschrieben, haben die Jahrgänge 1953 bis 1958 nur noch eine Woche Zeit für den Tausch. Falls die Autofahrer bei einer Kontrolle nur einen abgelaufenen Alt-Führerschein vorlegen, ist aber nicht gleich ein Bußgeld fällig. Die Länder können davon absehen, insbesondere dann, wenn aufgrund der Pandemie ein Umtausch in der Führerscheinstelle nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen möglich ist. Darauf haben sich die Länder verständigt.

Der Umtausch bis 2033 bedeutet für die Führerscheinstellen der Landkreise eine wahre Mammutaufgabe. Bundesweit spricht der ADAC von 15 Millionen Exemplaren aus Papier (ausgestellt bis zum 31. Dezember 1998) und 28 Millionen Plastik-Führerscheinen, die bis zum 18. Januar 2013 ausgestellt wurden. Nach Auskunft der Pressestelle des Landkreises wurden 2021 rund 5000 Führerscheine getauscht, das sind mehr als fünf Mal so viele wie 2020 mit seinen rund 900 Tauschanträgen. Dabei muss jeder Antrag mehrfach angefasst und alle Daten müssen händisch ins System eingepflegt werden. Wie viele Führerscheine noch zum Tausch anstehen, ist nicht bekannt, da die Alt-Führerscheine nur als schriftliche Aktendokumente am Ort der Erteilung ihr Dasein fristen und nicht digital erfasst wurden.

Die Führerscheinstelle arbeitet am Limit, aber Christian Zuckermann (Grüne), hauptamtlicher Kreisbeigeordneter und zuständiger Verkehrsdezernent, habe zusätzliche Mitarbeiter zugesagt. Die Ausschreibungen liefen bereits, so die Auskunft der Pressestelle.

Aufgrund des kurz bevorstehenden Stichtages hat sich in den vergangenen Wochen ein echter Ansturm auf die Termine zur Antragstellung entwickelt. Diese kann man unter https://www.lkgi.de/verkehr-sicherheit-und-ordnung/fuehrerscheine/terminreservierung oder unter 0641/9390-2292 buchen. Eine reine Online-Abwicklung ist im Augenblick noch nicht möglich, aber in Planung. Derzeit sind die Termine mit einem Vorlauf von drei Wochen ausgebucht. Täglich um Mitternacht werden neue freigeschaltet, wobei es in Gießen ziemlich mau aussieht, während man in Grünberg noch problemlos Termine bekommt.

Abschrift

Die anfallende Verwaltungsgebühr liegt zwischen 25,30 und 30,30 Euro. Mitzubringen sind ein gültiger Personalausweis oder Reisepass, ein aktuelles biometrisches Lichtbild und natürlich der Führerschein.

Wurde der Führerschein nicht im Landkreis Gießen ausgestellt, ist außerdem eine Karteikartenabschrift von der ausstellenden Behörde erforderlich, weil in den Führerscheinen nicht alle benötigten Daten aufgeführt sind.

Da die neuen Führerscheine in der Bundesdruckerei in Berlin hergestellt werden, dauert es zwischen vier und sechs Wochen, bis der Antragsteller seinen EU-Führerschein in Händen hat.

Renate Hecht ist nach der Lektüre der Anzeiger-Wochenendkolumne tätig geworden. Sie hat im Internet geforscht, nach einem Behördentelefonat hurtig per E-Mail eine Karteikartenabschrift in der alten Heimat Kempten angefordert und bei der Führerscheinstelle in Grünberg online einen Termin am 20. Januar - also einen Tag nach dem Stichtag - zur Antragstellung gebucht.

»Das Amt in Kempten hat noch ein Foto vom Führerschein angefordert. Dann schicken sie die Abschrift raus und ich habe alles zusammen«, freut sie sich und gibt zu bedenken: »Wer nicht mit PC, Internet und E-Mail vertraut ist, hat ein echtes Problem. Viele Ältere werden sich wohl mit dem Digitalen schwer tun und bei den Enkeln um Hilfe bitten müssen. »

Wehmütig holt Hecht ihren alten, grauen »Lappen« heraus, der in all den Jahren die Rundungen ihres Portemonnaies angenommen hat, sonst aber noch sehr gepflegt daherkommt. Das Passfoto zeigt sie als 18-Jährige mit der damals modernen gewellten Langhaarfrisur. Man muss schon genau hinsehen, um sie wiederzuerkennen. »Ich liebe meinen ›Lappen‹ und gebe ihn sehr ungern her. Aber ich sehe ein, dass ein aktuelles Foto und die Fälschungssicherheit des Führerscheins essenziell wichtig sind«, gibt sie schmunzelnd zu.

20 Fahrstunden

Trotzdem trauert Renate Hecht schon jetzt um ihren alten Führerschein, der sie über vier Jahrzehnte begleitet hat. 1975, als sie gerade 18 geworden war und die zwölfte Klasse besuchte, habe ihr Vater darauf bestanden, dass sie wie ihre drei älteren Geschwister den Führerschein macht. »Etwa 20 Fahrstunden habe ich in einem Audi absolviert. Es gab aber weder eine Nachtfahrt, noch einen Kreisverkehr oder eine Autobahnfahrt. Das war damals alles noch nicht vorgeschrieben. Nur eine kurze Fahrt auf einer Autobahn-ähnlichen Schnellstraße fand statt«, erinnert sich die 65-Jährige an ihre ersten Fahrversuche auf relativ leeren Straßen - und ohne Gurtpflicht.

Der Vater kaufte damals einen alten Opel Kadett. Damit fuhren die vier Geschwister zusammen zur Schule oder zur Arbeitsstelle, die Mutter wurde zum Einkaufen kutschiert, es ging zum Sport oder auch mal zu einer Party. Vier Jahre später hatte Renate Hecht ihr erstes eigenes Auto, ein gebrauchter, schrecklich wild bemalter Renault R4. »Den habe ich sehr lange gefahren und er war viertürig. Das war damals was Besonderes.« Wegen all der Erinnerungen hat sie für ihren alten Führerschein ein Ziel: »Meinen alten grauen ›Lappen‹ werde ich nach seiner Entwertung in Ehren halten und aufheben.«

Graue, rosa oder DDR-Führerscheine:

Wer vor 1953 geboren wurde, hat bis 19. Januar 2033 Zeit.

Für die Jahrgänge 1953 bis 1958 gilt die Frist bis 19. Januar 2022

1959 bis 1964: 19. Januar 2023

1965 bis 1970: 19. Januar 2024

1971 oder später: 19. Januar 2025

Führerscheine im Scheckkarten-Format:

1999 bis 2001: 19. Januar 2026

2002 bis 2004: 19. Januar 2027

2005 bis 2007: 19. Januar 2028

2008: 19. Januar 2029

2009: 19. Januar 2030

2010: 19. Januar 2031

2011: 19. Januar 2032

2012 bis 18. Januar 2013:

19. Januar 2033 (rrs)

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