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»Der Wald hat eine Chance«

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Markus Obach und Stefan Ambraß (v. l.) stellen zusammen mit Bürgermeister Marius Reusch (r.) den neuen Langgönser Revierförster Frank Bremer vor. In der Mitte ist eine Karte des Gemeindelandes zu sehen. Foto: Weißenborn © Weißenborn

Der Anzeiger sprach mit dem Langgönser Neuförster Frank Bremer und Kollegen über die Waldbewirtschaftung. Der Neustrelitzer meint: »Katastrophen haben immer zwei Seiten.«

Kreis Gießen. Gluthitze, Waldbrandgefahr, Schädlingsbefall - die Liste der Probleme könnte noch verlängert werden. Dem Wald geht es schlecht. Überall ist es zu sehen, doch einer jammert nicht. Frank Bremer sieht in der Katastrophe eine Chance. Doch wie sich seine Arbeit wirklich auswirkt, wird er nicht erleben, weil Waldbewirtschaftung ein Jahrhundertprojekt ist. Der 49-Jährige ist der neue Förster in Langgöns; es ist sein zweites Revier. Der gebürtige Neustrelitzer hat das Geschäft von der Pike gelernt, war Waldarbeiter, bevor er auf dem zweiten Bildungsweg studierte. Eines haben er und der Wald gemeinsam: den Wandel.

Da das Land nach Abschluss seines Studiums keine Förster einstellte, musste Bremer umdenken. Er arbeitete in einem Frankfurter Landschaftspflegering und war als Schädlingsbekämpfer aktiv. So fand der 49-Jährige den Einstieg in seinen Traumberuf erst später. 2013 übernahm er die Beförsterung für den Wald in den Gemeinden Schöffengrund und Waldsolms. Dort mussten 2300 Hektar bewirtschaftet werden, in Langgöns sind es 500 Hektar weniger.

Prägende Förster

Bürgermeister Marius Reusch (CDU) betonte beim Pressetermin, dass der Förster als Institution »ein Gesicht hat, was im Dorf prägend und angesehen ist«. Der bisherige Langgönser Förster Rolf Krämer war Anfang des Jahres in sein altes Revier nach Südhessen gewechselt. Zwischendurch kümmerte sich der 40-jährige Markus Obach um Langgöns. Er und Stefan Ambraß, Leiter des Wetzlarer Forstamtes, das für Langgöns zuständig ist, waren dabei, um den neuen Mann und ihre Arbeit vorzustellen.

Rückblickend auf seine sechs Monate im Revier berichtete Obach, dass noch immer Aufräumarbeiten aufgrund der Borkenkäferplage der Vorjahre notwendig seien. Spaziergänger könnten von instabilen Bäume oder Äste verletzt werden. Im Fall der Fälle kommen Juristen zum Einsatz, die wegen der Verletzung von Verkehrssicherungspflichten Schadensersatz für ihre Mandanten fordern. Daher sei es nicht nur notwendig, die Kalamitätsflächen aufzuforsten, sondern marode Bäume zu entfernen.

In Langgöns gibt es zudem zwei Sonderfälle, die viel Abstimmung mit anderen Ämtern erfordern. Bahnschienen und die Autobahn verlaufen durch die Gemarkung. Wenn an diesen Abschnitten Fällarbeiten vorgesehen sind, haben die Belange von Eisenbahn- und Autobahnamt Vorrang.

Mit einer Mischaufforstung wollen die Förster dem Klimawandel begegnen. Sie pflanzen die heimische Traubeneiche und die Weißtanne, aber auch die amerikanische Douglasie kommt auf den Flächen, auf denen einst Fichten standen, zum Einsatz. Das Edellaubgehölz Kirsche und die Erle sind weitere Arten, die den Klimawandel besser vertragen könnten, wohlgemerkt könnten. Niemand kann in die Zukunft des Wetters blicken, ein Allheilmittel gibt es nicht.

Und wo die Fichte noch lebt, wird nicht gleich abgeholzt, sondern ebenfalls der Mix gewagt. »Nicht überall ist sie den Schädlingen zum Opfer gefallen«, erklärte Bremer, der den Langgönser Wald ein wenig kennt, weil er dort einmal drei Monate aushalf. Für den Lahn-Dill-Kreis nannte der Forstamtsleiter die Zahl, dass zwischen einem Fünftel und einem Viertel des Bestandes dort vernichtet seien.

Das, was Spaziergänger, Hundehalter und Reiter nur als Naturrefugium ansehen, müssen Förster auch wirtschaftlich wahrnehmen. Neuerdings geht es wieder bergauf mit den Holzpreisen, weil allerorten Baustoffknappheit herrscht. Der Schädlingsbefall in den Wäldern einhergehend mit dem Abräumen und Wiederaufforsten verursacht hohe Kosten, die durch Zuschussprogramme des Bundes aufgefangen werden mussten, da gleichzeitig der Holzpreis in den Keller fiel. Eine denkbar schlechte Ausgangslage, doch hier gibt es seit dem vergangenen Jahr einen Wandel. »Gerade schießen die Preise durch die Decke«, unterstrich Ambraß.

Krisen gab es schon immer. Bremer wies darauf hin, dass es lange dauerte, bis die Forstwirtschaft den Sturm »Kyrill« aus dem Jahr 2007 verdaut hatte: »Das gab Nachwehen wie eine Riesenverschiebung der Holzpreise.« Pro Festmeter gesunde Fichte ohne Rinde waren 2007 rund 75 Euro fällig. Nach »Kyrill« erreichten die Preise erst 2009/2010 wieder dieses Niveau, um 2013 ein Hoch von über 100 Euro zu erklimmen. Die Preise fielen dann 2018 bis 2021 wegen der Trockenheit und der Käferplage ins Bodenlose. Nur 40 bis 50 Euro pro Festmeter waren im Verkauf zu erzielen. Derzeit liegt der Preis bei ungeahnten Höhen von fast 120 Euro. Käferholz (Palette) kostet weniger. Zwischen 93 und 100 Euro müssen die Verarbeiter dafür ausgeben. Die durchschnittliche Aufbereitungs- und Rückekosten liegen bei Fichten im Bereich von 24 bis 28 Euro pro Festmeter. Diese Zahlen bestätigte die Abteilungsleiterin Produktion im staatlichen Forstamt Wettenberg, Alina Kratofil.

Brennholzpreis stark angestiegen

Auch der Preis für Buchenbrennholz sei stark angestiegen. Hier würden aktuell 80 Euro pro Festmeter aufgerufen, 20 Euro mehr als noch im Frühjahr. »Es ist warm draußen, und die Nachfrage ist noch nicht so hoch. Im Oktober oder November wird das anders sein.«

»Katastrophen haben immer ihre zwei Seiten«, machte der neue Langgönser Revierförster deutlich. »Als Forstmann kann man auf den kahlen Flächen voll loslegen. Das ist eine wahnsinnige Chance. Wir können jetzt gestalten. Nach neun Jahren in Schöffengrund und Waldsolms konnte man meine Handschrift im Wald schon ablesen.« Die Naturverjüngung merke man den Beständen an. Dabei sind die jungen Triebe der Eiche eine besonderes Leckerli für Rehe. Sie werden daher mit eingepackt. Und mancher Jungbaum verkümmert, wenn es nicht den Johannistrieb geben würde. Das ist der zweite Blattaustrieb einiger Laubbäume wie der Eiche, Rotbuche und einiger Ahornarten innerhalb eines Jahres. Daran erinnerte Bürgermeister Reusch, der viel über den Forst beim früheren Revierleiter Krämer gelernt hat. »Man könnte mich auch als einen Johannistrieb bezeichnen«, lachte daraufhin Bremer.

Thema in der Runde waren auch die hohen Energiepreise, die mögliche Knappheit beim Gas und damit verbunden der größere Bedarf nach Holz als Brennstoff. Die Antwort ist eindeutig, die Nachfrage steigt. Forstamtsleiter Ambraß berichtete von einem Telefonat mit einem Bürger, der gleich 1400 Raummeter haben wollte, eine ungewöhnlich hohe Menge. Ein Raummeter entspricht einem Kubikmeter parallel geschichtetem Rund- oder Scheitholz. Dabei würden in einem Zweifamilienhaus letztlich nur 15 bis 20 Raummeter im Jahr gebraucht. Wer nur einen Kamin hat, der den Kern des Gebäudes heizt, für den reichen schon zwei Raummeter, ergänzte Reusch.

Wer Fragen rund um den Langgönser Wald hat, kann ab September zu einer regelmäßigen Sprechstunde mit dem neuen Revierförster Frank Bremer, der im Forsthaus in Cleeberg wohnen wird, kommen. Diese findet jeden Donnerstag von 16 bis 17.30 Uhr im Langgönser Rathaus statt.

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