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»Die Eiche geht immer«

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Die deutsche Eiche hält viel aus, ist aber auch nicht ganz pflegeleicht. Archivfoto: dpa © Felix Leyendecker

Der Tag des Baumes stand an. Der Anzeiger sprach daher mit Forstamtsleiter Ralf Jäkel über den Zustand des Waldes im Kreis Gießen.

Kreis Gießen (fley).Ein Waldspaziergang gehört in den Pandemiemonaten zum Standard und soll das auch weiterhin bleiben, solange es den deutschen Wald noch so üppig gibt. Doch Experten geben keine Entwarnung, im Gegenteil. Der Anzeiger nahm den Tag des Baumes, den es seit 70 Jahren gibt, zum Anlass mit Forstamtsleiter Ralf Jäkel über die Zukunft des heimischen Waldes zu sprechen.

»Es ist offenkundig, dass sich in den vergangenen drei Jahren in unseren Wäldern eine Menge Veränderungen abgespielt haben. Das, was die meisten Bürger wahrgenommen haben, waren die absterbenden Fichten, vor allem im Landkreis Gießen. Das ist zwar schlecht für den Wald, aber für uns Forstleute kommt es nicht unerwartet«, unterstreicht Jäkel.

Die Fichtenbestände wurden in den vergangenen 40 Jahren immer wieder mit anderen Beständen unterbaut, wie beispielsweise der Buche. »Wir haben immer da, wo es Sturmschäden gab oder später der Borkenkäfer Flächen vernichtete, nur spärlich mit Nadelhölzern neu begrünt. Der größere Teil wurde zu Laubholz. Wir haben bei Nadelhölzern auf Tannen gesetzt, weil die mit den schlechter werdenden Bedingungen besser klarkamen. Die Fichte hier im Landkreis haken wir einfach mal ab«, so Jäkel. Sie habe von Natur aus in der Region nichts zu suchen. Der Klimawandel habe das deutlich zum Vorschein gebracht.

Ein anderer Vertreter in hessischen Wäldern, der unangefochtene Spitzenreiter und Baum des Jahres 2022, die (Rot-)Buche, schwächele allerdings allmählich auch. »Hessen ist historisch das Stammland der Buche. Und wenn die sich unwohl fühlt, dann muss uns das sehr nachdenklich stimmen. Die Baumart fühlt sich mittlerweile in vielen Orten des Landes nicht mehr wohl«, stellt der Forstamtsleiter fest.

Seit der Jahrtausendwende werden bestimmte Flächen vom Forstamt beobachtet. »Wir haben hier festgestellt, dass die heimische Top-Baumart leidet. Das fing gerade dort an, wo sich die Buche am wohlsten hätte fühlen müssen. Dort, wo es genügend Nährstoffe und Wasser gab. Da hat der Baum dann, vor allem im Alter, gemerkt, wie es ist, wenn man das erste Mal seit 140 Jahren plötzlich in Not gerät.«

Kronen hätten sich zurückgezogen und eine Vielzahl von Organismen dem Baum das Leben schwergemacht, so Jäkel. »Das, was vor 25 Jahren an vielen Stellen offenkundig wurde, hat sich dann über die Jahre samt warmen Temperaturen und trockenen Sommern nahezu auf ganzer Fläche eingestellt, mehr oder weniger intensiv. Die meisten Buchen zeigen nicht mehr ihre volle Belaubung. An manchen Standorten sind die Buchen sehr stark betroffen und sogar abgängig«.

Wissenschaftler hätten prognostiziert, »dass die Buche in 50 Jahren auf der Hälfte ihrer jetzigen Standorte in Hessen gar nicht mehr wachsen wird, weil es dann zu trocken oder zu warm oder beides geworden ist«, weiß der Forstamtsleiter. Die Buche, die rund 60 Prozent des Waldbodens im Landkreis Gießen bedeckt, werde es dann sehr schwer haben, sich durchzusetzen. Neben Fichte und Buche sei der Bestand der Eiche vorerst nicht gefährdet, meint Jäkel.

»Die Eiche geht immer, da mache ich mir keine Sorgen. Wir schauen auch, dass wir uns mehr Richtung Süden orientieren und Baumarten pflanzen, die die Witterungsbedingungen besser vertragen können«.

Bereits zur Vorstellung des hessischen Waldzustandsberichts hatte der Hessische Umweltstaatssekretär Oliver Conz Ende 2021 festgestellt: »Trockenheit, Käfer und Pilze haben unseren Wald vielerorts stark geschädigt. Die Folgen des Klimawandels sind fast überall erkennbar. Das bestätigt uns auch der diesjährige Bericht. Wir sind weiterhin gefordert, unsere Wälder vor dem Klimawandel zu schützen, um sie als wichtige Klimaschützer zu erhalten«. Hessen sei 2021 zwar vor langanhaltenden Trockenperioden verschont geblieben, dennoch sei es erneut zu warm gewesen. »Die Ergebnisse des Waldzustandsberichts zeigen einen seit 2019 anhaltend schlechten Gesundheitszustand. Besonders betroffen sind die älteren Bäume. Die Absterberate und der Anteil starker Schäden weisen nach wie vor deutlich erhöhte Werte auf«, erklärte damals Conz.

Der Landesbetrieb HessenForst, so der Staatssekretär, stünde künftig vor riesigen Herausforderungen.

Die jährliche Absterberate aller Bäume sei zurückgegangen, läge aber dennoch fast doppelt so hoch wie im langjährigen Mittel, das 0,4 Prozent betrage.

Der Tag des Baums wurde in Deutschland erstmals am 25. April 1952 begangen. Der damalige Bundespräsident Theodor Heuss und der Präsident der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Bundesminister Robert Lehr, pflanzten in Bonn einen Ahorn. Damit wurde schon damals auf die starken Waldverluste aufmerksam gemacht, um die Menschen für das Thema zu sensibilisieren. Aufgabe der Forstleute sei es in der Gegenwart, den Wald fit für den Klimawandel zu machen und ihn zugleich klug und nachhaltig zu bewirtschaften, betont HessenForst in einer Pressemitteilung anlässlich des Jahrestags.

Insgesamt umfasst die Waldfläche in Hessen rund 900 000 Hektar, das sind etwa 42 Prozent der Landesfläche. Mit diesem Waldanteil liegt Hessen zusammen mit Rheinland-Pfalz an der Spitze aller Bundesländer. In der Wetterau und dem Gießener Becken beträgt der Anteil allerdings nur 15 Prozent. Foto: Forstamt

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Ralf Jäkel Forstamtsleiter © Felix Leyendecker

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