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Die Jagd nach Speiseöl

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Speiseöle in Hülle und Fülle gibt es nicht mehr. Hamsterkäufe und die hohe Spendenbereitschaft sorgen für leere Regale in den Supermärkten. Archivfoto: dpa © DPA Deutsche Presseagentur

Prepper und Spender sorgen für Lieferkettenprobleme in den Supermärkten im Kreis Gießen.

Kreis Gießen . (ww). Die kleinen, eilig per Hand geschriebenen Zettel kehren zurück. Sie werden an Regale geheftet, in denen sich bereits keine Ware mehr befindet. Die Mengenbegrenzungen in den Supermärkten nutzen wenig, wenn es Lieferschwierigkeiten gibt. Warum ist das so? Der Anzeiger hat in den Märkten vor Ort und in Konzernzentralen nach Antworten gesucht.

Es fehlt an Speiseölen, Nudeln, Reis und schon eher gewohnt mal wieder an Toilettenpapier. Manche Konserven werden knapp. Woran liegt das? Nach der Corona-Anfangsphase vor zwei Jahren scheint der Krieg in der Ukraine die Lieferketten erneut zu schwächen. Sicher ruft der Konflikt auch Spekulanten auf den Plan. Mancherorts sei es zu Missernten gekommen, heißt es im Internet. Davon hat man nie zuvor gehört.

Aichan Roustem, Leiter des Edeka-Marktes in Wettenberg, erlebt jeden Tag, das Bestelltes nicht ankommt. »Die kommen nicht nach.« Öl, Nudeln, Mehl Fehlanzeige. Nur beim Toilettenpapier gibt es für seine Kunden Entwarnung. Selbst wenn das günstige mal aus ist, das teure ist meist vorhanden. Normalerweise nimmt Roustem eine Palette Speiseöl in der Woche auf die Einkaufsliste. Das sind zwölf Flaschen. »Jetzt sind es drei oder vier Paletten, so viel hatten wir noch nie da. Am vergangenen Freitag war das Regal leergefegt und wir haben nichts mehr bekommen.«

Für ihn ist klar, dass unter den Umständen wieder gehamstert wird. Aber auch gutherzige Menschen leeren die Regale, um Ukrainern, die ihre Heimat verteidigen oder auf den Grenzübertritt warten, Überlebensnotwendiges zu spenden.

Das sieht Gabriel Uras vom Rewe-Markt in Buseck genauso. »Ich weiß, wie es momentan ist. Sonnenblumenöl zu bekommen, ist eine Katastrophe.« Selbst Toilettenpapier sei nach fünf Minuten alle, die Corona-Hochzeiten ließen grüßen. »Das ist eine Katastrophe, allerdings nicht in dem Ausmaß wie zum Coronastart. Die Rewe-Eigenmarke Ja bekomme er seit mehreren Tagen nicht mehr geliefert. »Und wenn was kommt, dann ist es ruckzuck weg.«

Auch bei den Fertigkonserven gebe es eine größere Nachfrage, die Dosen würde aber nachgeliefert. »Die Leute spenden auch viel.« Hamsterkäufer sind im Vormarsch, nicht ganz so wie vor zwei Jahren. »Wir kommen da aber wieder hin«, denkt Uras.

Es werde alles an Lebensmitteln von den Kunden mitgenommen, was haltbar sei. Wenn der Krieg länger dauere, dann könnten Backwaren knapp werden, Konserven nicht, schätzt er. »Ich habe jetzt schon erlebt, wie jemand für 250 Euro einkauft und dabei 25 Packungen Mehl mitgenommen hat.«

Was sagen die beiden größten Platzhirsche unter den Lebensmittelhändlern zur derzeitigen Knappheit? Jennifer Teichert vom Edeka-Presseteam in Hamburg erklärte am Montag: »Die Situation ist gerade sehr dynamisch. Daher können wir noch keine Prognosen über zukünftige Mengen- und Preisentwicklungen abgeben.«

Aktuell sei in enger Zusammenarbeit mit den Lieferanten eine ausreichende Versorgung mit allen Produkten des täglichen Bedarfs sichergestellt. In Einzelfällen könne es allerdings bei bestimmten Produkten zu kurzzeitigen Lieferengpässen kommen. Dies betreffe insbesondere Speiseöle, die zum Teil auch aus der Ukraine stammten.

In solchen Fällen könne in den Märkten auf andere Marken- und Eigenmarken als Produktalternativen zurückgegriffen werden. Je nach Situation vor Ort würden selbstständige Kaufleute ihre Kunden auch dazu aufrufen, nur haushaltsübliche Mengen bestimmter Artikel einzukaufen. »Es gibt weiterhin keinen Anlass, zusätzliche Vorräte anzulegen«, appelliert sie an diejenigen, die gerade ihre Keller füllen.

Auch der Wettbewerber Rewe unterstreicht, dass Kunden Produkte in haushaltsüblichen Mengen einkaufen sollten. »Nur auf Abverkäufe in dieser Größenordnung sind die Produktionsmengen und die Lieferlogistik der gesamten Lebensmittelkette im Einzelhandel ausgerichtet«, betont der Pressesprecher Thomas Bonrath.

Der Discounter Aldi Süd teilte der Deutschen Presseagentur (dpa) mit: »Bei größeren Nachfragen behalten wir uns wie immer vor, die Abgabemenge pro Kunde vorübergehend einzuschränken.« Ein Lidl-Sprecher betonte: »Bei einzelnen Produkten kann es zu Lieferverzögerungen kommen.« Doch stünden genügend Alternativen zur Verfügung.

Der Sprecher des Bundesverbandes des deutschen Lebensmittelhandels Christian Böttcher sagte, es sei richtig, wenn Handelsketten die Abgabe von Produkten bei geringen Warenbeständen auf haushaltsübliche Mengen begrenzten.

Wenn bereits Lebensmittel für schlechte Zeiten gehortet werden, was ist mit Artikeln für den Outdoor-Bereich? Jeder kennt die Prepper-Szene, abgeleitet vom englischen Begriff »be prepared« (sei vorbereitet). Es sind Menschen, die auf jeden Ernstfall eingerichtet sein wollen, sich sogar Bunker in ihre Häuser einbauen. Gibt es eine größere Nachfrage, gerade vor dem Hintergrund, dass viele befürchten, der Konflikt könnte sich europaweit ausbreiten. Nichts ist mehr unvorstellbar nach der Wendung in Osteuropa.

Das Kaufhaus Schwalbach in Laubach ist im Kreis seit Jahrzehnten Anlaufpunkt, wenn es um Campingartikel wie Zelte, Feldbetten, Schlafsäcke, aber auch Arbeitsbekleidung und auch Jagdutensilien geht. Der Anzeiger fragte Verkaufsleiter Philipp Melchior, ob es einen Ansturm auf die Waren gibt. Der winkte jedoch ab. »Alles wie gewohnt«, aber »wir haben ungewöhnliche Anfragen, die wir nicht bedienen können.« Kunden suchten nach militärischen Schutzwesten, um sie Menschen in der Ukraine zu überlassen. Feldbetten sind im Kaufhaus gar nicht mehr zu bekommen. »Da kommt keiner mehr dran.« Entsprechende Anfragen hatte Melchior einige, doch der Markt ist leergefegt. Kommunen aber auch gemeinnützige Organisationen aus dem Kreisgebiet hätten schon angefragt, ob er größere Mengen davon liefern könne.

Allgemein stellt Melchior fest, dass das Preppertum seit der Coronakrise im Aufwind ist. Ausgefallene Universalwerkzeuge, Kurzschwerter und Wasserfilter sind Waren, die sich gut verkaufen lassen.

»Huch, wo sind denn die Nudeln hin. Es gibt ja nur noch ein paar teure.« Die Einkäuferin ist an einem typisch geschäftigen Samstagmorgen im Discounter verwundert und sagt das hingewandt zu ihrem Ehemann etwas lauter. Eine andere Kundin hat zugehört und meint dazu: »Ja, wir haben schon mal gebunkert, man weiß ja nie. Der Keller ist jedenfalls voll«, lacht sie. Das Paar, das sich angesprochen fühlt, meint dann: »Das geht bei uns nicht. Wir haben nur einen kleinen Keller.« (ww)

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