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Die junge Perspektive im Landkreis Gießen

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Von: Ernst-Walter Weißenborn

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Der Anzeiger sprach in Gießen mit den SPD-Jungpolitikern Till Klein (l.) und Niklas Mackowiak über ihr Selbstverständnis. © Weißenborn

Durch die Kommunalwahl im März sind viele junge Leute in die Parlamente gekommen. Was interessiert Menschen mit Anfang 20 an Kommunalpolitik? Wir haben nachgefragt.

Kreis Gießen . Überaltern die Kommunalparlamente oder gibt es den Generationenwechsel? Das Gros der ehrenamtlichen Politiker im Landkreis ist 60 plus und es dominieren die Männer. Doch bei der Kommunalwahl sind viele junge Menschen in die Parlamente gekommen. Der Anzeiger hat mit vier Neulingen von CDU und SPD gesprochen, die Anfang 20 sind: die Gemeindevertreter Lennart Hanika aus Langgöns und Moritz Mattern aus Buseck (beide CDU) und die Stadträte Till Klein aus Lollar und Niklas Mackowiak aus Pohlheim (beide SPD).

Wie seid Ihr zur Politik gekommen?

Klein : Die Flüchtlingskrise 2015 und die Diskussionen über Waffengewalt an Europas Grenzen haben mich berührt, wie auch das Aufkeimen der AfD. Ich habe dann im Internet gesucht und eine Mail an den SPD-Ortsverein geschrieben. 2020 bin ich Mitglied geworden und habe im Wahlkampf geholfen.

Mackowiak : Familiär bin ich schon SPD-geprägt. Mein Großvater ist Erster Beigeordneter in Wald-Michelbach im Odenwald und mein Onkel war Stadtrat in Linden. 2017 bin ich eingetreten und wurde dann zu Vorstandssitzungen in Pohlheim eingeladen.

Mattern : Vonseiten der Familie hat mich keiner gedrängt. Ich weiß nicht einmal, wer in meiner Familie welche Partei wählt. In der Schülerunion habe ich mich gleich mit zwölf Jahren, dem frühesten Zeitpunkt, engagiert. Mit 14 bin ich in die Junge Union und mit 16 in die CDU eingetreten.

Wenn ich das jetzt sage, glaubt es mir keiner, aber es war so: Zur Bundestagswahl 2009 saß ich allein vor dem Fernseher, da war ich neun, und da habe ich mich schon gefreut, dass die Union vorn geblieben ist. Letztlich lief es dann auf Schwarz-Gelb hinaus.

Hanika : Als ein Lehrer etwas über das geplante Freihandelsabkommen mit den USA vermittelte, kam mir das so vor, als ob es zu diesem Thema nur eine Sicht gebe. Da habe ich mich einfach kundig gemacht und dann begonnen, mich mit Politik auseinanderzusetzen. Ich bin nicht gleich bei der CDU gelandet, sondern habe mir auch mal die SPD, die FDP und die Grünen angeschaut. Mit 16 Jahren bin ich in die Junge Union eingetreten, mit 17 CDUler geworden.

Mattern (lacht): Lennart ist dann bei der Kommunalwahl von Listenplatz 13 auf Platz vier hochkumuliert worden, weil »Er ist, wie er ist«. Darauf kann er stolz sein.

Wie seht Ihr Euer Engagement?

Klein : Es gibt viele Dinge, die junge Menschen betreffen. Das fängt beim Klimaschutz vor Ort an. Thema ist auch die Digitalisierung und damit gutes Internet. Ich wollte nicht rumsitzen und nichts tun. Die Jugend hat eine Stimme, aber dafür braucht es auch Leute, die sie wahrnehmen.

Mackowiak : Die kreisweite Aktion »Jugendgerechte Städte« finde ich sehr gut. Ich möchte auch dazu beitragen, dass sich die Stadtteile mehr vernetzen. Da gibt es viele kleine Gruppen.

Mattern : Wer sich wählen lässt, übernimmt Verantwortung. Für junge Menschen ist das schon recht früh sehr viel Verantwortung. Aber das wollte ich auch, sonst hätte ich es ja nicht gemacht. Mein Jurastudium ist bei vielen Dingen von Vorteil. Man erkennt schnell das Wesentliche, findet aber auch das Haar in der Suppe (lacht).

Hanika : Das, was ich politisch mache, hat für mich und andere einen Mehrwert, denn letztlich hilft es, die Gemeinde voranzubringen. Ein bestimmtes Thema habe ich noch nicht.

Und wie bekommt man junge Menschen in die Parlamente?

Klein : Es muss mehr in der Schule an Aufklärung passieren und das viel regelmäßiger. Wie funktioniert die Bundestagswahl? Wie funktionieren Kommunalwahlen? Und es müssen auch junge Themen angesprochen werden.

Mackowiak : Ein Interesse mitzugestalten, ist in jedem Fall vorhanden. Die Verantwortlichen müssen auf uns Jugendliche zugehen und die Möglichkeit schaffen, sich zu beteiligen. Dabei ist etwa die Besetzung eines Jugendbeauftragten und die Schaffung eines Jugendparlamentes ein sinnvoller erster Schritt.

Klein : Das Jugendparlament ist eine gute Idee. Man muss aber auch schauen, dass die Leute darauf Lust haben. In Buseck gibt es ja eine kleinere Version, den Jugendbeirat, der gut funktioniert. In jedem Fall muss man jungen Leuten Verantwortung geben.

Mattern : Junge Menschen werden in der CDU offen aufgenommen und gefördert. Das machen wir als Partei nicht nur da, wo Personalmangel herrscht, sondern ganz bewusst überall. Es muss eine gute Mischung geben, das ist bei uns Konsens. Und viele waren dann auch bereit, zu kandidieren. Aber ein junges Alter kann kein Selbstzweck sein, die Qualität muss stimmen.

Hanika : Ich teile das zu 100 Prozent. Zukunftsgewandt muss es eine politische Qualität geben. Die Mischung von jungen Leuten und Älteren und deren Sichtweisen macht es aus.

Wie empfindet Ihr die parlamentarische Arbeit?

Mackowiak : Ich bin ja nicht im Stadtparlament, sondern wirke als Stadtrat im Magistrat, dem obersten Verwaltungsorgan. Da geht es eher sachlich orientiert zu. Man beschäftigt sich mit Baurechtsangelegenheiten, Anfragen, der Umsetzung von Beschlüssen und dem städtischen Haushalt. Das ist vielfältig und man bekommt einen guten Überblick. Da gibt es weniger Lagerbildung und stattdessen offene Diskussionen.

Klein : Ich bin erst zwei Monate als Nachrücker im Magistrat und orientiere mich noch. Allerdings bin ich auch in politischen Uni-Gremien und bei den Jusos unterwegs.

Mattern : In den Gremien wird häufig viel geredet, dabei oft aber wenig gesagt. Das heißt, der eine oder andere redet um den heißen Brei herum. Klar ist aber auch, dass manche Dinge ihre Zeit brauchen, etwa wenn es um Bebauungspläne geht. Ich wünsche mir allerdings effizientere Sitzungen. Es läuft zu oft darauf hinaus, dass alles schon gesagt ist, nur noch nicht von jedem.

Hanika : Ich bin ja noch neu in der CDU-Fraktion und finde die Effizienz in unserer Gemeindevertretung gut.

Wie haltet Ihr es bei Debatten?

Klein : Das Kollegiale sollte im Vordergrund stehen und man muss sich nachher noch ordentlich unterhalten können. Es geht schon einmal hart zu, aber später muss man noch ein Bierchen trinken können.

Mackowiak: Die Partei hat ihre Linie und die will man durchziehen. Bis zu einem bestimmten Maß ist das gut, aber letztlich machen wir alle Politik für die Bürger.

Mattern : Hart in der Sache, ohne gleich persönlich zu werden. Da gehören immer zwei dazu. Wer das nicht trennen kann, ist schnell gekränkt. Wer Politik macht, muss mit Sieg und Niederlage leben können.

Was braucht man als Politiker?

Mackowiak und Klein : Man hat schon das Einmischungs-Gen und will etwas verändern.

Mattern : Unabhängigkeit und das Pflichtgefühl, ein Mandat auf Zeit innezuhaben und dieses bestmöglich auszuüben.

Hanika : Ich habe Spaß und Freude daran. Wer keinen Spaß hat, der ist auch nicht erfolgreich.

Könntet Ihr Euch vorstellen, Berufspolitiker zu werden?

Klein : Ich bin 20 Jahre alt. Ich nehme es so, wie es kommt.

Mackowiak : Es muss nicht unbedingt Berufspolitiker sein. Was zählt, ist, dass man seinen Job richtig macht und zeigt, was man kann.

Mattern : Nein. Es geht mir nicht darum, erfolgreich im Sinne der eigenen Karriere zu sein, sondern im Sinne der Kommune.

Hanika : Ich werde jetzt fünf Jahre das Amt ausüben, das ist eine Verpflichtung gegenüber den Wählern. In meinem Alter kann ich mir noch nicht vorstellen, Berufspolitiker zu werden. Ich arbeite als Kaufmann für Büromanagement und möchte noch studieren.

Was findet Ihr an der Politik vor Ort spannend?

Klein : Ich bin ja über die Bundespolitik politisiert worden, aber in der Kommune setzen wir gerade diese vor Ort um. Es ist anders als in der Bundespolitik, aber nicht uninteressanter. Man kann hier viel Einfluss haben.

Mackowiak : Dass jede Entscheidung zwei Seiten hat. Zum einen hat man seine persönliche Meinung, zum anderen muss man aber bei der Entscheidungsfindung an die ganze Kommune denken. Hierbei muss man sich auch mit Themengebieten auseinandersetzen, die einem eigentlich völlig fremd sind.

Mattern : Kommunales ist viel greifbarer als Landes- und Bundespolitik. Wir sind verwurzelt im Ort und damit viel näher dran.

Hanika : Es gibt ein breites Spektrum an Themen, die das Dorfleben beeinflussen.

Lennart Hanika (CDU), Gemeindevertreter in Langgöns und Mitglied im Ortsbeirat Oberkleen, Kaufmann für Büromanagement, 22 Jahre alt

Moritz Mattern (CDU), Gemeindevertreter in Buseck und stellvertretender Ortsvorsteher in Beuern, CDU-Parteivorsitzender in Buseck, Jura-Student, 21 Jahre alt

Till Klein (SPD), Stadtrat in Lollar, Student der Wirtschaftswissenschaften, 20 Jahre alt

Niklas Mackowiak (SPD), Stadtrat in Pohlheim, Student der Erziehungswissenschaft, Schwerpunkt außerschulische Bildung, 21 Jahre alt

Die Gespräche mit den Jungpolitikern wurden separat nach Parteizugehörigkeit geführt. Weitere Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern anderer Parteien folgen. (ww)

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Moritz Mattern (l.) und Lennart Hanika sind für die CDU aktiv. © Mattern

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