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Die lange Fahrt nach Tetijiw

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Boris und Nataliia Saizew, Henriette Schneider und Luke Neite (v. l.) vor dem voll ausgestatteten Krankenwagen, der am Wochenende in die Ukraine überführt wird. © Saizew

Boris Saizew aus Treis überführt einen Krankenwagen in die Ukraine. Das ist ein Teil seiner privaten Hilfsaktion.

Kreis Gießen . Es war ein leidenschaftlicher Appell, den Boris Saizew Ende Februar spontan an die Teilnehmer einer Demonstration in Gießen richtete. Eine Liebeserklärung an das Land Ukraine, eine Warnung vor dem, was kommen wird: »Uns muss bewusst sein, dass dieser Krieg uns alle angeht«.

Wie gesagt, das war Ende Februar. Saizew sollte Recht behalten, auch wenn er sich lieber geirrt hätte. »Ich kam mir damals ein bisschen wie der zweite Außenminister der Ukraine vor.« Seinen Humor hat der 30-Jährige nicht verloren. Aber er beließ es auch nicht dabei, die Menschen nur aufzurütteln, ihnen vor Augen zu führen, was der Krieg in der Ukraine bedeutet. Seit Monaten organisiert er Spenden und Hilfstransporte. »Ich habe mich 2013 in meine Frau verliebt. Sie kommt aus der Ukraine. Und ich habe mich in das Land verliebt.«

Ein Land, das seit Kriegsbeginn zerstört wird, dessen Menschen unsägliches Leid erfahren. Boris Saizew und seine Ehefrau Nataliia wollen das Leid zumindest ein bisschen lindern, tun, was sie können. Fast über die gesamt Bundesrepublik verteilt sich mittlerweile das Netzwerk an Helfern und Unterstützern. Boris Saizew ist in Deutschland geboren, seine Eltern kommen aus Russland beziehungsweise Kasachstan. Nataliia Saizew ist Ukrainerin. Die beiden leben mit ihren drei kleinen Kindern in Treis, gehen arbeiten, führen eigentlich ein ganz normales Leben. Doch der Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine hat ihr Leben verändert. Sorgen und Ängste um die Familie begleiten nun ihren Alltag.

Eine kleine Stadt

Nataliia Saizwes Eltern leben in Tetijiw, einer kleineren Stadt etwa 150 Kilometer von der Hauptstadt Kiew entfernt. Auch sie helfen, kommen immer wieder nach Deutschland, um Hilfsgüter abzuholen und in ihre Heimat zu bringen. Am Wochenende ist die Stadt das Ziel von Boris Saizew und seinen Helfern. Sie überführen einen voll ausgestatteten Krankenwagen, der dort dringend gebraucht wird.

Doch gehen wir ein wenig zurück: Das Video von seinem Appell Ende Februar erreichte viele Menschen. Immer wieder wurde der Treiser gefragt, wie man denn helfen, wo man spenden könne. Er startete eine eigene Aktion, sammelte erst einmal Geld für Medikamente.

Denn er wusste, dass die im Krankenhaus von Tetijiw dringend gebraucht wurden. Binnen einer Woche kommen etwa 6000 Euro zusammen. Spenden, die in der Treiser Kirchengemeinde gesammelt werden, private Spenden, Vereine - alle wollen helfen. Die Apotheke im benachbarten Allendorf leistet ebenfalls einen Obolus. Auch Sachspenden kommen an. Verbandskästen, Funkgeräte, Akkus, Blutsperren, Schlafsäcke, Babykleidung - vieles ist mittlerweile Mangelware in der Ukraine.

Boris Saizew belässt es nicht beim Sammeln. Beim Papalala-Festival hat er einen Wodka-Stand, auch dieser Erlös kommt seiner Initiative zugute. In Staufenberg und in Treis gibt es Benefiz-Veranstaltungen mit ukrainischen Spezialitäten. Der 30-Jährige, seine Frau, Freunde und Bekannte stehen am Herd, bereiten die Speisen zu. Auch hier kommen insgesamt etwa 6100 Euro zusammen. So langsam summierten sich Spenden, konnte ein erster Krankenwagen gekauft werden.

»Das war nicht so ganz einfach«, erinnert sich der 30-Jährige. Auch hier kommen ihm seine privaten Kontakte zugute, Ebenso erfährt er viel Unterstützung, als er Pritschen- und Geländewagen sucht. War der erste Krankenwagen noch ohne Ausstattung, so geht jetzt ein voll ausgestatteter nach Tetijiw. Spenden - »eine Riesensumme« - über 30 000 Euro haben das möglich gemacht. Rund 13 000 Einwohner zählte die Stadt Tetijiw vor Kriegsausbruch, jetzt sind es rund 20 000. »Da ist ein Fluchtkorridor Richtung Westen.« Seit Kriegsbeginn seien hier 105 Kinder geboren, 80 davon von Müttern auf der Flucht. »Das Krankenhaus platzt aus allen Nähten«, beschreibt Boris Saizwe die Lage. Er stehe in Kontakt mit dem Arzt, das Krankenhaus leitet. So weiß er, was genau an Medikamenten und medizinischen Hilfsmitteln benötigt wird. Boris und Nataliia Saizew sind überwältigt von der Unterstützung, die ihre Hilfsaktionen erfahren. Feuerwehren aus dem Kreisgebiet, Kindergärten, Kirchengemeinden, Lebensmittelmärkte - die Liste der Spender ist beeindruckend. Ein Lob gibt es für Bärbel Milke, die Flüchtlingsbeauftragte der Stadt Staufenberg. Sie sei die »gute Fee, die alles am laufen hält«.

Saizew ist Betriebsingenieur bei Bosch Thermotechnik, auch hier wird er unterstützt. »Die Werksfeuerwehr mustert ein Löschfahrzeug aus. Das wird dann in die Ukraine gehen.«

1800 Kilometer

Rund 1800 Kilometer liegen - von Treis nach Tetijiw - vor den Helfern. Mit dem Zug geht es nach Leipzig, von dort weiter in die Ukraine, wo der Krankenwagen vor Ort übergeben werden soll. Bei seiner ersten Fahrt hat er Henriette Schneider, Luke Neite und Clara Dilger von »Berlin to Borders« aus Leipzig kennen gelernt. Sie werden den Transport begleiten. »Seid bloß vorsichtig, geht kein Risiko ein und kommt wohlbehalten zurück«, mahnt der Treiser Pfarrer Andreas Lenz, der beim Pressegespräch mit am Tisch sitzt. Denn auch wenn laut Saziew Tetijiw nicht zu den massiv umkämpften Gebieten gehört, führt die Reise doch durch ein Land, in dem Krieg herrscht.

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