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Digitales Milchbänkchen geht weiter

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In fünf »Digitalen Dörfern« des Pilotprojekts probierten die Bürger das Portal aus. Jetzt will der Landkreis die Dorf App auch auf andere Kommunen ausweiten. Archivfoto: Wisker © Debra Wisker

Der Landkreis Gießen setzt das Projekt Dorf App fort. Die App soll möglichst eine dauerhafte Einrichtung werden.

Kreis Gießen (dge/imr/klk/lth/vb). Vor rund zwei Jahren ging die Dorf App des Landkreises Gießen an den Start - zunächst als Pilotprojekt. Ähnlich wie früher das »Milchbänkchen« liefert die App Informationen, aktuelle Nachrichten und mehr rund ums Dorf. »Vernetzt, wo man verwurzelt ist«, lautet das Motto.

Wie der Landkreis mitteilte, ist nun die Pilotphase beendet, die App »Digitales Dorfleben« werde es aber weiterhin geben.

In Königsberg, Oppenrod, Harbach, Dornholzhausen und Treis konnte man während der Pilotphase die App über das Smartphone herunterladen und damit Teil einer »digitalen Dorfgemeinschaft« werden. Diese Möglichkeit hätten viele wahrgenommen. »Seit der Veröffentlichung wurde die App sehr rege heruntergeladen und genutzt. Das zeigt, dass es den engagierten Dorfgemeinschaften gelungen ist, sich digital miteinander zu vernetzen«, so Landrätin Anita Schneider.

Mit der App könnten sich Einwohner auf verschiedene Weise gegenseitig helfen und austauschen, Nachbarschaftshilfe leisten oder in Anspruch nehmen, Infos über Vereinsangebote einstellen oder abrufen oder auch Dienstleistungen anbieten oder nachfragen. Das Ziel: »Wir möchten mit digitaler Technologie die Eigenschaften stärken, die unsere Dörfer so lebens- und liebenswert machen: Das rege Vereinsleben, das gute Miteinander und die gegenseitige Hilfe«, sagt Schneider weiter.

Für das Pilotprojekt waren damals 254 300 Euro vorgesehen worden. Über den Verein »Region Gießener Land« wurde eine Förderung aus dem europäischen Leader-Programm erreicht. Rund 165 000 Euro kamen aus diesem Topf. Auch hatte man die Stelle eines Koordinators geschaffen, dieser Vertrag ist mittlerweile ausgelaufen. Das Projekt wurde wissenschaftlich von Wirtschaftsgeograf Professor Stefan Hennemann vom Institut für Geografie an der Justus-Liebig-Universität begleitet. Als technischer Partner waren die Stadtwerke Gießen mit im Boot. Entwickelt wurde die App vom Gießener Unternehmen Fabrik 19 AG.

Weitere Kommunen

Nun, nach Abschluss des Pilotprojektes, sollen sich auch weitere Kommunen beteiligen können: Die App wird allen interessierten Städten und Gemeinden angeboten. »Künftig werden wir allerdings nicht mehr ortsweise vorgehen, sondern pro Kommune eine App an den Start bringen«, erklärt Uwe Happel, Leiter der Stabsstelle Kreisentwicklung und Strukturförderung beim Landkreis Gießen. Besonders erfreulich sei es, wenn jetzt möglichst viele Kommunen mitmachen würden.

Während die Bürger der Kommunen die Einführung der App selbst gestalten sollen, werde der Landkreis auch künftig als Ansprechpartner zur Verfügung stehen und bei Aufbau und Betrieb unterstützen. Für die Betreuung würden von dem Leader-Programm der Europäischen Union, das bereits einen Großteil der Kosten für die Inbetriebnahme und die Pilotphase getragen hat, weitere knapp 100 000 Euro bereitgestellt.

Sabine Köhler-Lindig, Produktmanagerin bei Fabrik 19, erklärte, dass die App in einem stetigen Prozess verbessert werde. Die Ausführung für die Kommunen entstehe gemeinsam mit diesen Kommunen. »Das ist ein Prozess, der von der Bürgern mitgetragen wird.« So entstünden individuelle Lösungen, die aber auch Teile der ursprünglichen Dorf App enthielten.

Und wer trägt die Kosten für die App? Generell seien die Kosten von der jeweiligen Kommune zu tragen, erklärte Kreispressereferentin Manuela Jung. Hierzu gebe es zwei verschiedene Vorgehensweisen: Modell eins sei die Übernahme der »klassischen« Dorf-App. »Die Kommunen übernehmen die Dorf-App in ihrer bisherigen Ausführung auf Gemeindeebene und entrichten dafür eine einmalige Bereitstellungsgebühr in Höhe von 2500 Euro sowie eine jährliche Lizenzgebühr in Höhe von 3500 Euro. Der Landkreis Gießen bleibt »stiller« Betreiber der App.

Modell zwei sei die eigene Gemeinde-App der Kommunen. Die Kommunen hätten die Möglichkeit, bei der Anbieterfirma Fabrik 19 AG eine eigene Gemeinde-App zu beauftragen, die zwar auf dem Grundgerüst der vom Landkreis Gießen entwickelten Dorf-App beruhe, von der technischen Infrastruktur her allerdings um weitere Funktionen ergänzt werden könne. In diesem Szenario müssten eigenständige Verträge mit der Anbieterfirma geschlossen und alle weiteren Einzelheiten selbstständig ausgehandelt werden. Diese eigenständige Gemeinde-App sei nicht unter der Betreiberschaft des Landkreises Gießen angesiedelt. Die Entwicklungskosten für dieses Modell starten laut Jung bei 10 000 Euro.

Die Leader-Förderung dagegen diene allein der Stellenbesetzung beim Landkreis Gießen. Hier soll es künftig eine Person geben, die die Kommunen bis September 2024 bei der Einführung beziehungsweise Verstetigung der App sowie bei der Implementierung notwendiger Prozesse unterstützt. Die Stellenausschreibung könne unter www.interamt.de eingesehen werden. Für weitere Informationen stehe Uwe Happel unter 0641/ 9390-1769 oder per Mail an uwe.happel@lkgi.de zur Verfügung.

Nachgefragt

Soweit der Blick in die nahe Zukunft. Der Anzeiger hat bei den Ortsvorstehern der am Pilotprojekt beteiligten Dörfer nachgefragt, wie die App angekommen ist und ob sie eifrig genutzt wird.

Die App an sich findet der Treiser Ortsvorsteher Andreas Becker gut, die sei durchdacht und auch leicht zu handhaben. Indes sei sie in Treis mittlerweile »eingeschlafen«. Anfangs hätten die Bürger sie rege genutzt, es seien auch mal Kleinanzeigen geschaltet worden. »Aber wenn sich keiner drum kümmert, die Gruppen in der App nicht pflegt, wird sie auch nicht genutzt.« Einen Grund sieht Becker darin, dass WhatsApp- oder Facebook-Gruppen der Dorf-App den Rang abliefen. Auch Bürgermeister Peter Gefeller habe ihn schon mal gefragt, wie die App ankomme. Da die Stadt Staufenberg hier ja auch Geld zuschießen müsse, so Becker, sei er nicht sicher, ob es diesen Zuschuss geben werde.

»Die Dorf-App wird so gut wie gar nicht mehr genutzt«, meinte die Ortsvorsteherin von Oppenrod, Claire Blaschke (CDU). »Ich habe sie noch auf dem Handy, aber ich wüsste nicht, wann ich zuletzt reingeguckt habe.« Blaschke glaubt, dass die Dorf-App in zweierlei Hinsicht zum falschen Zeitpunkt eingeführt worden sei. Zum einen, weil sich die Menschen schon in Facebook- und WhatsApp-Gruppen organisiert hatten, zum anderen, weil sie mitten in der Pandemie an den Start ging, als es keine Veranstaltungen gab, die man hätte bewerben können.

Die Ortsvorsteherin verwies auf eine Facebook-Gruppe für Oppenrod und darauf, dass das Busecker Blättchen inzwischen kostenlos an alle Haushalte gehe und alle Termine beinhalte. Das Blättchen gebe es auch als App. »Ich kann zwar nicht für alle Bürger sprechen, aber die gleichen Rückmeldungen zur Nicht-Nutzung der Dorf-App habe ich auch im Ortsbeirat bekommen«, berichtete Blaschke. Das Gremium habe zeitweise versucht, über die Messenger-Funktion der Dorf-App zu kommunizieren. Das habe aber nicht funktioniert, weil die Mitglieder keine Info über neue Nachrichten bekommen hätten.

»Insgesamt ist die Dorf-App sehr gut, aber sie hat noch Verbesserungspotenzial«, bilanziert Thorsten Fuchs, Ortsvorsteher von Dornholzhausen, dieses besondere Pilotprojekt des Landkreises Gießen. Besonders genutzt worden seien in Dornholzhausen die Bereiche News/Neuigkeiten und Veranstaltungen. »Das kam auf jeden Fall sehr gut an, die Leute konnten sich immer informieren, was gerade anliegt und wo was los ist, das ist natürlich eine super Sache.« Auch Bilder von Veranstaltungen konnten gepostet werden, »das ist auch sehr gut angenommen worden. Da sind ein paar ganz nette Sachen drin, auch ein Fotowettbewerb fand statt, das war ganz schön«, sagt der Dornholzhäuser.

Weniger gut angekommen sei hingegen der Dorf-Chat: »Da habe ich gemerkt, der ist wenig etabliert. Da nimmt man doch lieber andere Portale wie WhatsApp oder was es da sonst noch so gibt.« Überhaupt sei die App beim Starten »relativ langsam«. Auch der Marktplatz werde »relativ selten« in Anspruch genommen. »Ich habe da ab und zu mal reingeschaut, es standen eigentlich immer nur wenige Sachen drin.« Auch die Wetter-App fand kaum Interessenten: »Da nutzt man wohl lieber andere Apps, die genauer sind«, meint der Dornholzhäuser Ortsvorsteher.

Am westlichen Zipfel des Landkreises, in Königsberg, wird die Dorf-App laut der stellvertretenden Ortsvorsteherin Elke Lepper aktuell mehr genutzt als noch zu Beginn. Als Grund für die anfängliche Zurückhaltung der Königsberger gegenüber der Dorf-App sieht Lepper darin, dass während der Corona-Pandemie wenig bis keine Veranstaltungen stattgefunden haben. »Aktuell findet jedoch ein regelmäßiger Austausch untereinander statt. Es wird auf Veranstaltungen hingewiesen oder man diskutiert und verabredet sich wie zuletzt wenn es um die Umsetzung und Planung des Dorfladens ging«, sagt Lepper. Die stellvertretende Ortsvorsteherin würde jedoch begrüßen, wenn nach zwei Jahren nocheinmal verstärkt Werbung für die Dorf-App gemacht werden würde. »So wird es den Leuten wieder in Erinnerung gerufen und es würden sich noch mehr daran beteiligen«, meint die Königsbergerin.

»Die App ist sehr gut gemacht und ich nutze sie rege«, erklärt Oliver Schäfer. Der Harbacher Ortsvorsteher sieht sie auch als gute Plattform für Vereine. die allerdings durch Corona anfänglich stark ausgebremst worden sei. »Außer Absagen von Veranstaltungen hätte man ja kaum etwas reinstellen können«, so Schäfer, der sich freut, wenn es nun weitergeht. Gut findet er die lokale Anbindung und den Dorf-Chat, der auf positive Resonanz stoße. »Eine Sache von Harbachern für Harbacher - das macht Sinn und stiftet mehr Gemeinsamkeit als etwa eine Gruppe bei WhatsApp,«

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