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Drama im Storchennest

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Elegant gleitet dieser Weißstorch aus seinem Nest am Ortsrand von Lich. Im Hintergrund grüßt der Stadtturm. Foto: Kächler © Kächler

In diesem Jahr gab es im Landkreis Gießen bei den Störchen mehr Brutpaare, aber weniger Nachwuchs. Unwetter sorgen für unterkühlte Jungvögel.

Kreis Gießen . (klk). Eigentlich ist die Rückkehr der Störche eine Erfolgsgeschichte. In diesem Jahr ist die Zahl der Brutpaare im Landkreis Gießen, die vor 20 Jahren noch bei Null lag, gegenüber 2021 erneut um drei auf 41 gestiegen. Allerdings konnten 15 der Pärchen keine Jungen großziehen - so viele wie noch nie zuvor.

»Vor allem die schlimmen Unwetter im Frühjahr sorgten für Dramen in den Horsten«, erläutert Dr. Tim Mattern. »Wenn der Nachwuchs noch sehr klein ist und besonders anfällig für Auskühlung und Durchnässung, haben die Jungstörche meist keine Chance«, so der Vorstandsprecher des Nabu-Kreisverbandes.

Aber auch die eher schlechte Nahrungssituation durch einen geringen Mäusebestand und den Rückgang bei Reptilien und Amphibien wirkten sich negativ aus. Von kompletten Brutaufgaben war insbesondere der nördliche Horloffgraben betroffen, wo es in diesem Jahr gleich zu mehreren Starkregenereignissen kam.

Damit lag der Bruterfolg in diesem Jahr im Kreisgebiet durchschnittlich nur bei 1,34 Jungen und damit um etwa ein Junges niedriger als in den Vorjahren, so die Nabu-Statistik. Nur ein Brutpaar zog vier Junge auf, in immerhin acht Fällen saßen drei Jungstörche im Nest.

Insgesamt betrachtet sei der Weißstorch aber eine der wenigen Vogelarten bei uns, die in den vergangenen Jahren einen positiven Trend zeigten, betonte Mattern. So seien im Kreis einige neue Orte erfolgreich besiedelt worden. Dazu gehören Garbenteich, der westliche Ortsrand von Hungen und Rodheim-Bieber.

Andere Horste, die im Vorjahr besetzt waren, wurden 2022 nicht mehr genutzt. Zwei besonders tragische Beispiele sind etwa die Nester an der Ober-Bessinger Pforte und auf dem Feuerwehrhaus in Wetterfeld. Beide waren im vergangenen Jahr von Unbekannten mit Drohnen beflogen worden, was prompt zur Brutaufgabe geführt hatte.

»Drohnen sind ein neues Phänomen für Störche«, weiß Mattern. »Deshalb reagieren die großen Vögel recht empfindlich darauf.« Im allgemeinen hätten sich die Brutpaare aber an Verkehr und Rummel in der Umgebung gewöhnt.

Zu beobachten sei allerdings auch, dass die Bestandssteigerungen beim Weißstorch in den vergangenen Jahren nur noch gering ausfallen. »Ein bisschen Potenzial haben wir noch, doch dürfte bald das Plateau des Maximalbestandes erreicht sein«, meinte Mattern.

Im Kreisgebiet gab es 27 Bruten auf künstlich angelegten Horsten, neun auf Bäumen, vier auf Jägerhochsitzen und einer auf einem Schornstein.

Allerdings gebe die Staatlichen Vogelwarte Wilhelmshaven, keine Ringe mehr aus, so dass die Zahl der beringten Störche immer mehr abnimmt. Diese können ja individuell identifiziert und so verfolgt werden, ob sie denselben Horst weiter nutzen, und wenn beide Partner beringt sind, ob es eine Partnertreue gibt. Nur zwölf der 82 Altstörche waren dieses Jahr noch beringt.

Inzwischen ist der vorhandene Brutbestand höher als im gesamten 20. Jahrhundert. Auch am Ende des 19. Jahrhunderts kamen im Kreisgebiet nicht so viele Brutpaare vor.

Wie Mattern weiter berichtete, werden auch immer noch weitere Kunsthorste für die beliebte Vogelart aufgestellt. Derzeit sind dem Nabu 60 Kunsthorste im Kreisgebiet bekannt.

»Ein Opportunist«

Anders als in den Märchen und Kinderliedern beschrieben, ernähren sich Störche nicht ausschließlich von Fröschen und sind damit auch nicht für den Rückgang vieler Amphibien-Arten verantwortlich. »Der Weißstorch steht am Ende der Nahrungskette und bedroht nicht den Bestand seiner Beute. Die Hauptnahrung unserer Störche besteht aus Mäusen, Regenwürmern und Insekten«, schilderte Mattern. Er sei ein »Opportunist« und fresse das, was am einfachsten zu bekommen sei.

So ist es nicht verwunderlich, dass man immer wieder ganze Trupps von Störchen hinter Mähdreschern oder Ackermaschinen herschreiten sieht. Mäuse und Insekten, die ihre Deckung verlieren, sind eben eine einfache Beute.

Zum einen wird das häufig gefressen, was auch häufig vorkommt, zum anderen werden die Jäger von dem Vorkommen ihrer Beute kontrolliert und nicht umgekehrt. Das könne man unter anderem an dem nicht so guten Bruterfolg 2022 ablesen.

Interessanterweise fliegen bei den Weißstörchen, die nun bald zum Zug nach Süden rüsten, die Altvögel zuerst ab. »Die Halbstarken bleiben noch etwas länger, ehe ihnen eine innere Stimme sagt, dass es nun Zeit ist und wohin es geht«, machte der Nabu-Sprecher deutlich.

Die eigentliche Route führt die großen Segelflieger über die iberische Halbinsel und Gibraltar nach Afrika, doch sparen sich immer mehr den anstrengenden Flug über das Mittelmeer und bleiben lieber in Spanien, wo große Mülldeponien und Reisfelder mit Fast-Food locken. Opportunisten eben.

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