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Drogenfreunde auf der Anklagebank

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Erster Verhandlungstag am Gießener Amtsgericht: Einem 26-Jährigen wird unter anderem vorgeworfen, Marihuana an Minderjährige abgegeben zu haben. © Czernek

Kreis Gießen (bcz). Die Zeit während des Lockdowns war für viele besonders schwierig und hat bei manchen Personen den Drogenkonsum erhöht. Dieses Fazit kann man jedenfalls nach dem ersten Prozesstag um die Abgabe von Drogen an Jugendliche in Grünberg ziehen, der gestern vor dem Amtsgericht Gießen verhandelt wurde.

Strafverschärfender Anklagepunkt

Dreh- und Angelpunkt ist ein 26-jähriger Pakistani, der sehr freigiebig Marihuana mit Bekannten und Freunden teilte und dabei wenig auf deren Alter achtete. Die jüngste seiner weiblichen Bekannten war zu dem Zeitpunkt erst 14 Jahre alt, die älteste war damals 17 Jahre alt. Daher lautete Anklage unter anderem die Abgabe von Betäubungsmitteln an Minderjährige. Dieser Fakt wird bei der Strafzumessung als verschärfend angesehen.

Mit auf der Anklagebank saß sein türkischer Freund, der ihm die Drogen verschaffte. Zudem wird einem 26-jährigen Syrer vorgeworfen, mit einer Minderjährigen zusammen Haschisch geraucht zu haben. Das Verfahren um einen vierten Angeklagten trennte die Vorsitzende Richterin Sonja Robe zu Beginn des Prozesses ab, da er zum Tatzeitpunkt erst 20 Jahre alt gewesen war und er sich somit demnächst vor der Jugendstrafkammer des Amtsgerichts verantworten muss.

Der Tatzeitraum erstrecke sich von Mai 2019 bis Mai 2020 in Grünberg, wobei der Schwerpunkt der vorgeworfenen Delikte sich während des Lockdowns im März 2020 ereignete. Der türkische Angeklagte ist in Bezug auf Drogenkonsum und Drogenhandel dem Gericht kein Unbekannter. Der 35-jährige Angeklagte gab sich redselig und bestritt nicht, Drogen mit seinen Freunden eingenommen zu haben. Zu diesem Zeitpunkt sei es ihm sehr schlecht gegangen, er sei arbeitslos gewesen und habe sich seinen Drogenkonsum durch seine Ersparnisse finanziert. Keinesfalls könne man ihn als den Dealer bezeichnen.

Er beschrieb das Verhältnis zwischen dem heute 26-Jährigen und ihm so: »Wir waren Freunde. Wenn einer nach Gießen gefahren ist, dann hat man gefragt, ob jemand etwas braucht«. Daher habe man kein Geld von dem anderen genommen, und wenn eine Gegenleistung erfolgte, dann lag dies im Bereich der eigenen Kosten. Allerdings hat er nicht nur Cannabis zu dieser Zeit konsumiert. Eine der damals Jugendlichen berichtete, dass sie zwei Mal mit ihm Kokain eingenommen habe. Als Begründung sagte sie, dass sie es einmal ausprobieren wollte. Der Türke versicherte jedoch, dass es das wahre Alter dieser Jugendlichen nicht gewusst habe und als er es erfahren habe, hätte er ihr nichts mehr gegeben.

Alle auf über 18 Jahre geschätzt

Der Pakistani war für die jungen Frauen, die alle als Zeuginnen aussagten, der Ansprechpartner, wenn man einen Joint brauchte. Allerdings bestritt er vehement, dass er das wirkliche Alter der Mädchen gewusst habe. Er habe sie alle auf über 18 Jahre geschätzt und ihnen deswegen den Stoff gegeben. Bei dieser Aussage blieb er standhaft und schmückte sie sehr blumenreich aus, allerdings vermochte ihm dies weder die Staatsanwaltschaft noch die Richterin wirklich glauben. Um sich einen Eindruck von dem Aussehen der Jugendlichen machen zu können, ließ sich die Richterin nach jeder Zeugenbefragung ein entsprechendes Foto von dem Zeitraum von vor zwei Jahren zeigen.

Insgesamt gehörten rund sechs junge Frauen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren aus einer Wohngruppe zu dem Kreis derjenigen, die sich bei ihm immer wieder eine Haschischzigarette gönnten. Wenn er selbst nichts vorrätig hatte, dann wurde welches organisiert. Der Angeklagte hätte ihnen die Drogen immer so gegeben, ohne irgendwelche Gefälligkeiten. Einmal sei es doch zu einem Kauf von Marihuana gekommen, das bestätigte die mittlerweile 17jährige Auszubildende. Sie habe dies für sich gebraucht. Ansonsten sei es nie um Geld gegangen. Zu den Motiven, warum er das Cannabis an die jungen Fragen abgegeben habe, sagte der Pakistani: »Wir haben einfach Party gemacht.«

Aufgeflogen ist das Ganze, als eine der Betreuerinnen der Mädchen Wind von der Sache bekommen hatte und die Polizei verständigte. Diese hörte anschließend bei diversen Gesprächen mit und durchsuchte die Wohnungen der Angeklagten. Einmal habe er zudem noch den Kauf von Marihuana im Wert von 1000 Euro vermittelt. Auf die Frage der Richterin, wie man das Verhältnis zwischen den beiden Hauptbeschuldigten werten solle, bestätigte auch der Beamte, dass dies nicht als reguläres Dealer-Konsumenten-Verhältnis zu werten sei. Insgesamt hätten sich die Umsätze sehr in Grenzen halten, so dass man ihn nicht als großen Dealer bezeichnen könne, sagte der ermittelnde Polizeibeamte aus Grünberg. Der Prozess wird fortgesetzt.

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