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Dunzel und Korinthenmann

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Pfeifenmänner-Protest geht auch: Vor einem Jahrzehnt gab es einen ungewöhnlichen »Hungerstreik« der »Brote Armee Fraktion«, eine Erfindung des Künstlers Hermann J. Hack, in Köln mit dem Traditionsgebäck. Foto: H. J. Hack/wiki-commons © H. J. Hack/wiki-commons

Kreis Gießen . Wo sind sie geblieben, die Weckmänner, Dunzeln, Stutenkerle und Korinthenmännchen? Noch bis vor Kurzem erfreuten sich die fantasievoll gestalteten Backwaren aus süßem Hefeteig großer Beliebtheit bei uns in Mittelhessen. Besonders die Pfeifenmännchen mit den eingebackenen weißen Pfeifen aus Ton, die es beim Bäcker um die Ecke zum Martinstag gab, waren bei uns Kindern sehr beliebt.

Auch in der Weihnachtszeit gab es viele vom Bäckermeister nach jeweiliger Überlieferung geformte Figuren-Männchen und -Frauchen. Doch in den Bäckereifilialen scheinen nun allerorten Einheits-Weihnachtsmänner die mit freier Hand geformten Dunzeln und Korinthenmännchen aus den Auslagen verdrängt zu haben.

Brauchtumsforscher sprechen bei diesem besonderen Backwerk von Gebildbroten oder Bilderbroten. Sie bezeichnen damit ein Gebäck, das in symbolischer Form zu einem besonderen Anlass gebacken und verschenkt wird. Klassische Anlässe sind dabei wichtige Termine im Jahreslauf oder christliche Feste wie Weihnachten, Neujahr, Ostern und Pfingsten.

Aber auch bedeutende Ereignisse im Leben der Menschen wie Geburt, Taufe, Hochzeit und Beerdigung wurden früher gern mit Bilderbroten begleitet.

Überliefert sind beispielsweise die großen »Stautzenweck« zum Nikolaustag in der Schottener Gegend. Ebenfalls belegt ist das Honigkuchenbacken in vielen Regionen Oberhessens in den Tagen vor Weihnachten.

Zum Neujahrstag war der Besuch der Kinder bei ihren Taufpaten üblich. Überliefert sind besondere Gebildbrote vor allem aus der Ulrichsteiner Gegend.

Bobbe und Hase bei Petter und God

Dort gab es »Boppe und Hase«. Die Jungen holten bei ihrem »Petter« ihre »Petterweck« in Hasenform ab. Bei der »God« gab’s für die Mädchen eine »Puppe«. Ebenso beliebt waren in unserer Gegend »Neujahrsräder«, bei denen jedes Rad so viel Speichen besaß, wie das Patenkind alt war.

Das Brauchtum der Gebildbrote reicht bereits viele Jahrhunderte zurück.

Viele Namen und Figuren können heute gedeutet werden. So stellte das Pfeifenmännchen ursprünglich einen Bischof dar, die namensgebende Pfeife ist eigentlich nur ein umgedrehter Bischofsstab.

Die Bezeichnung Korinthenmännchen kommt von den für Augen und Mantelknöpfe verwendeten Früchten. Korinthen sind die getrockneten Beeren eines zierlichen Weinstocks, der in Griechenland und auf den Ionischen Inseln angebaut wird. Die Trauben haben kleine, schwärzlich violette, kernlose, sehr süße Beeren, die im Juli und August reifen, aber erst Anfang September gelesen werden. Der Künstler Hermann Josef Hack, ein Schüler von Joseph Beuys, nutzt Gebildbrote in seinen sogenannten Weckmanndemos der »Brote Armee Fraktion«, indem er die Weckmannfiguren mit sozialpolitischen Botschaften in Szene setzt.

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