1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Kreis Gießen

Ein Leben für die Ökumene

Erstellt:

Von: Debra Wisker

gikrei_1709_dge_berndape_4c_1
Bernd Apel hat in seinem Büro eine Karte, die zeigt, wie das Netzwerk der Ökumene aussieht. Foto: Wisker © Wisker

Pfarrer Bernd Apel geht in Ruhestand und wird am Sonntag in der Licher Marienstiftskirche verabschiedet.

Kreis Gießen . Bernd Apel ist ein Pfarrer, der das altvordere Kirchturmdenken schon lange hinter sich gelassen, den Blick über den Tellerrand geworfen hat. Er war zehn Jahre lang Pfarrer in Reiskirchen, hat seit 2003 die Profilstelle Ökumene im Dekanat »Gießener Land« inne und hat den Rat der Religionen im Kreis Gießen ins Leben gerufen. Seit 2006 ist er bei letzterem Geschäftsführer. Am 30. September geht er in den Ruhestand. Im Interview mit dem Anzeiger spricht er über seine Motivation, Pfarrer zu werden, das Christentum und eben auch über seinen Blick über besagten Tellerrand.

Ursprünglich hatte Apel Religionspädagogik studiert, engagierte sich in der Jugendarbeit. Somit fiel die Entscheidung erst einmal gegen das Theologie-Studium aus. Er machte in Darmstadt seinen Abschluss in Religionspädagogik, lernte aber während des Studiums schon die Sprachen Griechisch, Hebräisch und Latein. »Die Sprachen, die Theologen eben lernen müssen.« Die Theologie habe er sich »vielleicht erst verzögert zugetraut«, schmunzelt Apel. Auch wenn er kein Vertreter der absoluten Wortgläubigkeit ist - das Christsein habe er für sich nie in Frage gestellt.

Letztlich seien es zwei Ereignisse gewesen, die ihn schon in jungen Jahren ein wenig zur Ökumene hingeführt hätten. Der 65-Jährige erzählt von seiner Tante in den USA, die einen Mann jüdischen Glaubens geheiratet hatte. »So hatte ich auf einmal einen jüdischen Verwandten. Der war so normal wie wir alle, dass der Gedanke einer Vorrangstellung des Christentums mir ziemlich früh abhanden gekommen ist«, blickt Apel zurück.

Die zweite Begebenheit sei eine Reise nach Israel gewesen, wo er »zum Beispiel mit dem jüdischen Jesus-Bild konfrontiert wurde«. Er zitiert den aus Deutschland emigrierten Wissenschaftler Schalom Ben-Chorin: »Der Glaube Jesu eint uns, der Glaube an Jesus trennt uns.« In Tanger in Marokko sei er schließlich zum ersten Mal in einer Moschee gewesen.

Sein Weltbild habe sich zu dieser Zeit geweitet, sodass er doch entschied, Theologie zu studieren. Der gebürtige Hanauer setzte seinen Entschluss um, studierte in Marburg und Frankfurt. 1988 wurde er zum Pfarrer ordiniert, wirkte zunächst vier Jahre in Wehrheim und kam 1992 mit seiner Ehefrau und den beiden Töchtern nach Reiskirchen.

Die Erfahrungen, die ihn in jungen Jahren geprägt haben, setzter Apel im Laufe der Jahre immer wieder im Sinne der Ökumene - des Miteinanders der Glaubensgemeinschaften - ein. Noch einmal zurück zu den Studienjahren: Schon damals habe er auf die Theologie der sogenannten »Dritten Welt« geschaut und auch gerne wissenschaftliche Theologie betrieben. Die Ökumene sieht der 65-Jährige als Versuch, Christen durch ein weltweites Netzwerk zusammenzubringen. Schon im Studium habe er die Arbeit der Weltläden kennengelernt und ein wenig dort mitgearbeitet. Apel verweist auf den Bericht des Club of Rome »Die Grenzen des Wachstums«, der 1972 veröffentlicht wurde. Schon damals sei gemahnt worden, dass die Ressourcen unserer Welt begrenzt sind. All das sei zusammengekommen. Das Erleben von anderen Ländern und die Armutsfrage - »ich war als Student in Tansania« -, eine Examensarbeit über Bewusstseinsbildung mit Blick auf Armut und Reichtum. »Diese Fragen der Gerechtigkeit. Dadurch habe ich mich eigentlich ein Stück weit den Ländern im Süden dieser Welt vor allem genähert.«

Insgesamt sei die ökumenische Bewegung der Versuch, »die Christen in ganz, ganz verschiedenen Lebenssituationen zu sehen. Indigene, Stammesangehörige in Indien, Aborigines in Neuguinea, weiße Presbyterianer sind Christen. Ökumene ist das weltweite Netzwerk der Christenheit«.

Apel organisierte Studienreisen nach Indien, in die USA, Armenien, Georgien, Griechenland, den Iran, nach Israel und Palästina, Jordanien, Syrien, Malta, Marokko, Oman und in die Türkei. »Es ist immer auch ein wenig Lobbyarbeit für diese fernen Christen.«

Etwa für die Partnerschaft mit der Diözese Krishna-Godavari in Indien. Apel erzählt von den »Dalits«, den Kastenlosen, die man nicht berühren dürfe. »Das ist ein Grenze, die die Christen nicht haben abschaffen können, aber gegen die sie kämpfen.« Das sei ein Beispiel, warum Christentum attraktiv sein könne. »Weil es soziale Grenzen in Frage stellt.« So etwas in Deutschland bekannt zu machen, sei der Job eines Ökumene-Pfarrers.

Eine seiner Lieblingsregionen ist der Nahe Osten. »Ich konnte als 20-Jähriger schon in Israel sein und auf den Golanhöhen sehr früh kapieren, was das für ein kognitives Land ist. Ich habe mit Juden gesprochen, ich habe aber auch Palästinenser kennengelernt.« Das sei nicht nur das Heilige Land, »wo alles so schön tickt. Ich habe sehr früh die Frage der Gerechtigkeit für die Palästinenser in den Blick bekommen und dann auch versucht, bei eigenen Reisen Begegnungen mit Menschen zu haben und zum Beispiel auch zu vermitteln, dass es arabische Christen gibt«.

Seine Botschaft - »und die ist nach wie vor nicht bequem«: Europa habe einen Migrationshintergrund. »Nicht nur, weil das Christentum einen orientalischen Hintergrund hat, sondern auch weil unsere gesamte Kultur, die wir über die griechische Geschichte hierher gebracht haben, eigentlich eine orientalische ist.«

2015/2016 habe Deutschland über seine Willkommenskultur nachdenken müssen. »Jesus war auch ein Flüchtling. Er floh vor Herodes«, gibt Apel zu bedenken. Genauso wie die christliche Bewegung, die 300 Jahre lang verfolgt wurde. Das Christentum, das Judentum und der Islam stammen aus dem Nahen Osten. »Und die Christen im Nahen Osten sind stolz darauf. Unsere Aramäer hier in Pohlheim sind die Nachfahren von denen, über die im Neuen Testament gesagt wird, sie waren die ersten Christen.« Wenn in der Bibel von den »Leuten aus Antiochia die Rede sei, seien damit die Aramäer gemeint. Oft würden sie hier für Muslime gehalten, wie Ausländer behandelt. »Es bleibt also eine Herausforderung lange über meine Tätigkeit hinaus. Wir bilden noch nicht diese Buntheit unserer Gesellschaft wirklich ab.« Die Aufgabe von Ökumene sei es, auch immer diesen Horizont ins Spiel zu bringen.

Den Horizont bezieht Bernd Apel auch auf den Blick auf andere Religionen. Mit ein Grund, den Rat der Religionen ins Leben zu rufen. »Da müssen noch viel mehr ein Stück weit über den Tellerrand hinaus schauen.«

Als Christ müsse man sich klar machen, dass andere Menschen einen anderen Blick auf Gott und Jesus hätten. »Anders an Gott glauben, muss nicht heißen, an einen anderen Gott glauben«, zitiert er seinen Schwager, einen Theologieprofessor. Das gelte zunächst einmal zwischen den Religionen. Das heiße für ihn, dass Juden, Christen, Muslime den gleichen Gott hätten, aber unterschiedlich auf Gott schauten. Für ihn bedeute das, »die Freiheit zu haben, zu unterscheiden zwischen meinem Bild von Gott und dem, was Gott vielleicht ist. Es ist Gott zuzutrauen, dass er anders ist als mein Bild von ihm.« Bei Jesus dagegen sei klar, in welcher Zeit, in welcher Kultur er gelebt habe. »Wir wissen ungefähr um seine Lebensumstände. Er war ein Mann Anfang 30, Jude, er hat aramäisch gesprochen, hat eine handwerkliche Ausbildung.« Das sei alles erforscht. »Da würde man heute sagen müssen, er war sozusagen eine ›person of colour‹«, stellt Apel in den Raum. Ja, das sei ein politischer Begriff, würde Jesus jedoch sein Palästinensertum absprechen. Aber auch hier müsse man den Kontext beachten.

An einer Wand in Apels Büro hängt ein Bild. »Bismillah« steht drauf. »Das heißt: ›Im Namen Gottes‹. Das kann ich als Christ voll unterschreiben.« So werde bei seinem Abschiedsgottesdienst auch ein Muslim ein Segenswort sprechen.

Nach über drei Jahrzehnten im Beruf sei er dankbar, habe eine reiche und erfüllte Zeit erlebt. Der Ökumenepfarrer schmunzelt: »Ja, ich bin vielleicht manchen Leuten auf den Fuß getreten. Insofern bitte ich ein bisschen um Vergebung. Aber: Nur christlich gedacht, ist zu kurz gesprungen.«

Der feierliche Gottesdienst zur Entpflichtung von Bernd Apel findet am morgigen Sonntag, 25. September, ab 14 Uhr in der Marienstiftskirche in Lich statt.

Auch interessant