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Ein Osternest im eigenen Garten

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Von: Burkhard Bräuning

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In früheren Jahren waren drei und manchmal sogar noch mehr Nester in unserem Garten. Da hatte der Hase eine Menge zu tun. © Bräuning

Ostern feiern wir die Auferstehung Jesu Christi. Es ist - nach dem dunklen und stillen Karfreitag - ein Freudenfest. Wenn die Nächte des Wachens und Betens vorbei sind, kommt das Licht zurück. Für Kinder ist Ostern aber vor allem der Tag, an dem der Osterhase in den Garten hoppelt und Eier in ein feines Nest legt. Wir zeigen, wie man mit Moos, Ruten und bunten Blüten dem Hasen eine kuschelige Höhle bauen kann.

Das Bauen eines Osternestes gehört zu den Osterbräuchen, die zum Teil eine sehr lange Tradition haben. Auch das Färben von Eiern zu Ostern ist ein weit verbreiteter Brauch, der von Armenien über Russland, Griechenland, den Mittelmeerraum bis hin nach Mitteleuropa bekannt ist.

Damit nun der Osterhase die Eier bringen kann, müssen die Kinder für ein Nest sorgen. Das kann man relativ einfach bauen, indem man ein bisschen Moos auslegt. Aber es geht auch schöner und aufwendiger. Wir haben vor einigen Jahren mal sozusagen ein Musternest gebaut. Wie, das zeigen wir heute. Das Nest schmückte damals den Garten unseres Grundstücks im Seenbachtal. Diese Art Nester sind keine spezielle Erfindung der Kinder im Vogelsberg. So baute man früher in vielen Dörfern Mittelhessens die »Anlieferungsstelle« für Ostereier.

Viel Zeit für die Feinarbeiten

Alles, was man für den Bau benötigt, findet man im eigenen Garten oder draußen im Feld. Wer etwas Fantasie hat, der kann gerne von unserer Bauanleitung abweichen, denn die soll nur eine Anregung sein, eine Idee vermitteln. Man benötigt vor allem viel Moos. Ein großer Korb voll muss es schon sein, damit das Dach unseres Osternestes (eigentlich ist es ja eine Höhle) schön blickdicht wird (Regen hält es nicht ab). Moos wächst überall da, wo viel Schatten ist. Man muss also nicht lange suchen. In unserem Mustergarten ist es reichlich vorhanden, denn die Besitzer mögen keinen Wembley-Rasen. Also lassen sie wachsen, was da wachsen will: Gras, Moos, Gänseblümchen und Löwenzahn.

Benötigt werden außerdem Ruten. Folgende Gehölze sind dafür geeignet: Haselnusssträucher, Gelber und Roter Hartriegel und natürlich die besonders biegsamen Weidenruten. Acht bis zehn Stück mit einer Stärke von acht bis zehn Millimetern benötigt man für die tragende Konstruktion. Weitere acht bis zehn mit einer Stärke von bis zu fünf Millimetern braucht man für das Quergeflecht.

Ausgepolstert wird das Nest mit Heu, man kann aber auch Moos oder Stroh nehmen. Wie nun das Nest gebaut wird, beschreiben wir anhand der Fotos. Auf diese und ähnliche Weise sind in unserem Garten im Laufe von vielen Jahrzehnten schon Dutzende Nester entstanden.

Kinder haben viel Fantasie, und wenn man sie lässt, dann bringen sie einige eigene Ideen ein, die dem Nest dann etwas Besonderes, ganz Individuelles geben - zum Beispiel Minizäune. Oder Wegebegrenzungen aus kleinen Steinen. Wer das Moosdach etwas bunter haben möchte, der kann Obstbaumblüten und Blumen zum Dekorieren verwenden. Unsere jüngste Tochter mag es richtig bunt. Das hat bei ihren Nestern (und auch beim Musternest) dazu geführt, dass die Feinarbeiten viel mehr Zeit in Anspruch genommen haben als der Rohbau.

Vorsicht ist natürlich geboten, wenn es darum geht, Ruten zu schneiden und zu kürzen. Vielleicht sollten da Mutter oder Vater assistieren. Das muss jede Familie für sich entscheiden.

Früher, als ich noch ein Kind war, lagen tatsächlich nur hart gekochte und bunt gefärbte Hühnereier in den Nestern. Später kamen Süßigkeiten hinzu - und noch später saß dann auch mal der eine oder andere Schoko-Osterhase im Nest. Was auch immer die Kinder im oder unter dem Moos finden: Die Freude daran reicht niemals an den Spaß heran, den die Jungen und Mädchen beim Nestbau haben.

Der Osterhase und das Geheimnisvolle

Und Spaß hatten auch wir, also meine Geschwister und ich als Kinder. Mit Akribie und manchmal auch richtig kunstvoll haben wir unsere Nester gebaut. Im festen Glauben, dass der Hase darauf großen Wert legt. Und in ein schöneres Nest mehr legt, als in eins, das schon vom bloßen Anschauen in sich zusammenfällt. Natürlich ahnten wir, dass die Eier nicht wirklich vom Hasen gebracht wurden. Weil uns nicht entging, dass unsere Mutter am Karsamstag Eier färbte. Aber es war ja viel schöner, an den Osterhasen zu glauben. Denn das hatte eher etwas Geheimnisvolles. Ähnlich wie beim Nikolaus fragten wir uns: Wie schafft er es, allen Kindern auf der Welt Eier zu bringen - und dazu noch Süßigkeiten?

Ostern war aber viel mehr als nur Hase und Eier. Es gab Kuchen, das Haus duftete danach. Es gab gutes Essen. Die Familie war zusammen, und wenn dann noch die Sonne schien, war das Glück perfekt. Am zweiten Ostertag trafen sich Kinder und Jugendliche auf dem Bolzplatz. Eierwerfen war angesagt. Alle Eier, die den Flug nicht überstanden, wurden sofort verspeist. Gras und Erde wurden einfach an der Hose oder am Hemd abgewischt. Nein, so pingelig wie wir heute manchmal sind, waren wir damals nicht.

Damals wurde noch nach den Osterferien eingeschult. 1963 war es bei mir so weit. So eine richtig klare Erinnerung habe ich nicht mehr an meinen ersten Schultag. Unser Lehrer hieß Karl Sommer. Wir kannten ihn ja schon, weil er im Dorf wohnte, direkt neben der Schule. Er war ein wunderbarer Lehrer. Ich weiß noch, was unsere erste Hausaufgabe war: Wir Erstklässler mussten auf unserer Schiefertafel (Hefte hatten wir damals noch nicht) drei Ostereier malen. Und ich fragte mich, warum meine älteren Geschwister stets über zu viele Hausaufgaben klagten. Ich kratzte im Stehen mit dem Griffel drei sehr unförmige Eier auf meine Tafel - und bekam am nächsten Tag die Quittung: »Burkhard, das machst du noch mal«, sagte Lehrer Karl Sommer. »Und dann malst du noch einen Baum und Blumen.« Ich mühte mich diesmal ehrlich (und sitzend) ab. Aber es war wieder nur Krickelkrackel. Ab dem Tag war mir klar: Ein Maler werde ich nicht. Aber Osternester kann ich bauen. Wenigstens das.

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