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Ein Pfarrer mit Lampenfieber bis zum Schluss

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Die Tour de France ist neben der Eintracht Frankfurt die große Leidenschaft von Dieter Sandori. Die gesammelten Souvenirs befinden sich in einer großen Vitrine im Büro. Foto: Zielinski © Zielinski

Dieter Sandori geht zum 1. September in den Ruhestand. Der Fußball-, Tour de France- und Frankreich-Fan war seit 1986 Pfarrer in Burkhardsfelden.

Reiskirchen/Grünberg. (paz). Er ist bekennender Eintracht-Fan, liebt die Tour de France und ist ab September im Ruhestand, so dass er mehr Zeit haben wird, seinen Hobbies nachzugehen: Pfarrer Dieter Sandori wurde vor einigen Wochen in einem Gottesdienst von Probst Matthias Schmidt entpflichtet. Am vergangenen Wochenende kehrte er für einen Gottesdienst während des Festwochenendes in Burkhardsfelden kurzfristig zurück. Seit 1986 war Sandori als evangelischer Pfarrer für Burkhardsfelden zuständig, 2010 übernahm er auch die Pfarrstelle seiner Frau, die von Lindenstruth nach Sellnrod/Altenhain wechselte.

Doch von vorne: Am Heiligabend des Jahres 1956 wurde Dieter Sandori in Leibolz (bei Rasdorf) im Landkreis Fulda geboren, seine Kindheit verbrachte er größtenteils in Langenschwarz. Nach dem Abitur wusste er zunächst nicht recht, was er machen sollte. »Der Beruf des Brauers hätte mich interessiert, Chemie und Physik allerdings weniger«, erinnert er sich im Gespräch mit dem Anzeiger. Sandori hatte gerade seine Musterung hinter sich, als er ein Einladungsschreiben der Landeskirche Kurhessen-Waldeck erhielt. »Meine Religionslehrerin hat mich wohl weiterempfohlen«, sagt er.

Aus Interesse folgte er der Einladung. »Schon auf der Rückfahrt im Zug war mir klar: Das möchte ich machen.« Für sein Studium musste Sandori Hebräisch und Griechisch lernen. »Das große Latinum hatte ich zum Glück in der Tasche.« Dass er sich für die Universität Erlangen entschied, lag mit daran, dass man dort vor Beginn des ersten Semesters bereits mit Sprachkursen beginnen konnte.

»Die Uni Erlangen war sehr klein. Im Gegensatz zu Marburg, wo damals 1000 Studenten Theologie studierten, waren es hier nur 450.« Da es üblich war zu wechseln, studierte Sandori ab dem vierten Semester in Göttingen und schließlich ab dem sechsten in Marburg. »Dahin habe ich meiner späteren Frau zuliebe gewechselt«, verrät er. Ingrid Volkhardt-Sandori hatte er während eines Gemeindepraktikums kennen und lieben gelernt.

Vikariat in Fernwald

1983 machte er sein erstes Examen und bekam ein Vikariat bei Pfarrer Ewald Steiner in Steinbach und Albach zugewiesen. Hier lernte er unter Anleitung, Gottesdienste zu halten. Nach Ablauf der Zeit beschlossen Dieter Sandori und seine Frau, die ihr Studium ein Jahr vor ihm abgeschlossen hatte, sich eine Pfarrstelle zu teilen. »Wir haben eine Liste mit 50 Orten erhalten und uns diese nach und nach angesehen.« Ihre Wahl fiel schließlich auf die Gemeinden Burkhardsfelden und Lindenstruth.

Ganz einfach sei seine Anfangszeit in Burkhardsfelden nicht gewesen, erzählt er. Während einige sich gefreut hätten, dass »jemand Junges kommt«, hätten Andere sich gewundert, »was die jetzt so von den Unis mitbringen«. Auch seine Besuche auf dem örtlichen Fußballplatz seien anfangs kritisch beäugt worden. »Der geht doch nur dahin, damit wir auch in die Kirche kommen«, hätte man im Ort vernommen.

Doch dem war nicht so. »In der Burkhardsfeldener Mannschaft gab es damals einen Mittelstürmer, der mehr Tore geschossen hat als die gesamte zweitplatzierte Mannschaft der gleichen Liga«, berichtet der Pfarrer. Den habe er spielen sehen wollen. Schnell wurde Sandori, der während seiner Studienzeit bei »Barfuß Bethlehem« gespielt hat, zum regelmäßigen Besucher.

Gottesdienst auf dem Fußballplatz

Kaum drei Wochen nach seinem Amtsantritt luden ihn die Sportfreunde Burkhardsfelden nicht nur zu ihrer 75-Jahr-Feier ein, sondern baten ihn auch, ein Grußwort zu sprechen. »Darüber habe ich mich sehr gefreut. So etwas würde einem in der Stadt nicht passieren. Man fühlt sich sehr wertgeschätzt.« Auch einen Gottesdienst hat Sandori schon auf dem Fußballplatz abgehalten. »Das war 2006 während der WM, die stark von der Kirche begleitet wurde«, erklärt er. Andere Aktionen wie Torwandschießen oder Live-Übertragung der Spiele wurden in dieser Zeit gemeinsam mit der Chrischona-Gemeinschaft organisiert.

Dieter Sandori scheut den Kontakt mit Menschen nicht, im Gegenteil. Abgesehen von normalen Gottesdiensten hat er im Laufe seiner Amtszeit sehr viele Haus- oder auch Krankenhausbesuche absolviert und hatte stets ein offenes Ohr für seine Schäfchen. Hinzu kamen monatliche Gottesdienste im Seniorenzentrum Wiesecktal und im Martinsheim Lindenstruth.

Seine Entscheidung, Pfarrer zu werden, hat Dieter Sandori nie bereut. Geblieben ist allerdings das Lampenfieber. »Manchmal hat man ja auch Sachen zu predigen, die nicht alle hören wollen. So habe ich beispielsweise einmal gesagt, dass der Mensch nicht die Krönung der Schöpfung ist, weil danach ja noch der Ruhetag kam. Das fanden nicht alle gut.«

Der langjährige Pfarrer ist davon überzeugt, dass es im im Ruhestand nicht langweilig wird. Dafür sorgen vor allem seine beiden Enkel. Mit dem zwölfjährigen Mathis und seinem fünf Jahre jüngeren Bruder sind die Eheleute Sandori kürzlich nach Paris gefahren. Und da sind wir schon bei einer weiteren großen Leidenschaft: Frankreich. Durch einen Schüleraustausch hat er Gefallen an Land und Leuten vor allem in der Bretagne gefunden.

»Früher waren wir oft mit dem Campingbus dort. Heute reisen wir lieber bequemer«, erzählt er. Der Pfarrer, der selbst gerne Rennrad fährt, ist großer Fan der Tour der France und hat die Rennen oft live verfolgt. Für dort gesammelte Souvenirs hat er in seinem Büro eine große Vitrine eingerichtet. »Etwa zwei Stunden vor den Rennen werden die Give-aways der Sponsoren im Publikum verteilt«, erläutert er, wie er zu der Sammlung kam.

Dauerkarte für die »Eintracht«

Seit 2018 wohnen Sandori und seine Frau in Grünberg. Hier kümmert er sich nicht nur um Haus und Garten, sondern startet auch wieder seine Radtour über Lich, Reiskirchen, Saasen und zurück. Auch für die Heimspiele der Eintracht Frankfurt hat er nun wieder mehr Zeit. »Seit 2007 habe ich eine Dauerkarte«, verrät er.

Letzte Frage: Gibt es ein Lieblingszitat aus der Bibel? Sandori nickt. »Es steht in Jeremiah 29, Vers 13 und 14: ›Gott spricht: Wenn Ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, will ich mich von Euch finden lassen›. Ich finde, das relativiert unsere Anstrengung, zum Glauben zu finden. Wer sucht, wird den Glauben irgendwann entdecken. Jeder Mensch hat seine Gaben und Talente, weil sie ihm geschenkt sind. Christsein ist eine Haltung und ich hatte das Glück, dass ich mit meiner Haltung Geld verdienen konnte, ohne mich dabei zu verbiegen.«

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Der Pfarrer auf dem Weg zu seinem ersten Gottesdienst in Burkhardsfelden am 13. April 1986. Foto: privat © privat

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