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Eine zumeist unsichtbare Gefahr

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Vor allem in den Sozialen Medien häufen sich zuletzt wieder Meldungen zu verdächtigen Funden, die einen Giftköder vermuten lassen. Symbolfoto: dpa © Red

Kreis Gießen . Die Versuchung für die Vierbeiner ist oftmals viel zu groß, doch für die Besitzer ist es ein echtes Horrorszenario, wenn der Hund beim Gassigehen etwas frisst, was er nicht soll. Schnell schießen dem Herrchen Bilder von Giftködern in den Kopf, die für den Hund gravierende Folgen haben können. Aktuell häufen sich wieder Meldungen und Warnungen von Hundehaltern vor allem in den Sozialen Medien, dass auf beliebten Wegen wieder verdächtige Funde, die einen Giftköder vermuten lassen, gefunden werden.

Der Gießener Anzeiger sprach mit der Fernwalder Tierärztin Dr. Yvonne Osygus sowie mit Hundetrainerin Jeannine Dehl, was im schlimmsten Fall zu tun ist, nämlich dann, wenn der Hund einen Giftköder gefressen hat, und wie man ihn bereits im Vorfeld so trainieren kann, dass er fremde Leckereien direkt links liegen lässt

Wenn bemerkt wird, dass der Hund einen Giftköder gefressen hat, sollte man umgehend den Tierarzt kontaktieren. »Auch die Giftnotzentralen können oft schnell und fachlich kompetente Hilfe anbieten. Diese schätzen nach Gewicht des Tieres und ungefährer Menge des Giftes das Gefährdungsrisiko des Tieres ein und geben oft gute Tipps zur Notfall-Erstversorgung«, erklärt Tierärztin Osygus. Grundsätzlich heißt es aber auch Ruhe bewahren und nicht kopflos in Panik zu verfallen. »Am besten hat man die Nummer von seinem Tierarzt und der Giftnotzentrale in seinem Handy eingespeichert und kontaktiert diese zügig«, rät Osygus.

Grundsätzlich besteht jedoch für ein Tier, das Giftköder gefressen hat, immer Lebensgefahr. Je eher die Behandlung beginnt, desto höher sind allerdings auch die Überlebenschancen. Helfen kann es - solange sich das Gift noch im Magen befindet - die Tiere umgehend erbrechen zu lassen. Ist das Gift bekannt, wie zum Beispiel das am häufigsten verwendete Rattengift, kann der Tierarzt mit entsprechenden Medikamenten entgegenwirken, weiß die Fernwalder Tierärztin.

Nach Absprache mit dem Arzt oder der Giftnotzentrale können auch Kohletabletten als erstes Notfallmedikament verabreicht werden. Diese sollten ohnehin in keiner Hausapotheke fehlen, denn »Kohletabletten saugen nach Einnahme Giftstoffe wie ein Schwamm auf und können gegebenenfalls schon sofort zu Hause eingegeben werden«, sagt Osygus. Anders als bei der Giftaufnahme verhält es sich bei Fremdkörpern, wie Rasierklingen oder Nägeln. Denn hier besteht hochgradige Lebensgefahr. Erbrechen sollte in diesem Fall vermieden werden, damit die scharfen Gegenstände nicht noch mehr Schaden anrichten. »Die Fremdkörper müssen, wenn möglich operativ entfernt werden. Die Überlebenschance ist dabei als vorsichtig zu bewerten«, berichtet die Tierärztin.

Symptome oft unspezifisch

Die auftretenden Symptome nach Kontakt mit Giftködern sind sehr unspezifisch und können sowohl zeitnah oder, wie bei Rattengift, unter Umständen auch erst nach 48 Stunden auftreten. »Immer in Verbindung mit einer Giftaufnahme stehen Symptome wie Erbrechen, Durchfall, Würgen, Speicheln, Zittern, Apathie und Schwäche. In fortgeschrittenen Fällen sind es Atembeschwerden, Blut im Stuhlgang, Urin oder Erbrochenem und Zusammenbruch mit Bewusstlosigkeit«, erklärt die Tierärztin.

Ausgelegte Giftköder als solche auch zu erkennen, ist für die Halter selbst sehr schwierig. Das weiß auch Hundetraining Jeannine Dehl vom Hundezentrum Miteinander. Die frühere Gießenerin wohnt heute in Augsburg, gibt aber für die Hundeschule mit Sitz in Hohenahr und Außenstelle in Biebertal noch heute regelmäßig Online-Seminare und Kurse. So leitet sie den am 30. April und 7. Mai startenden Kombikurs »Anti-Giftköder--Training«. Sie sagt, dass es bei den vielen verschiedene Formen von Giftköder schwierig sei diese zu erkennen. »Auffällig herumliegende Wurst- oder Fleischstücke, besonders auf beliebten Gassi-Strecken sind per se schon verdächtig. Sie sollten, wenn möglich, eingesammelt und entsorgt beziehungsweise sollte der Hund etwas davon gefressen haben, auch mitgenommen werden, um möglicherweise festzustellen, ob eine schädliche Substanz enthalten ist«, erklärt Dehl. Häufig sind, wenn klassische Gifte wie Schneckenkorn verwendet werden, die Substanzen stark eingefärbt, es gibt aber auch Gifte, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind, für Hunde aber dennoch eine sehr große Gefahr darstellen.

Auch die Polizei sollte bei einem Fund umgehend informiert werden. Dort ist ein Anstieg der Meldungen, anders als auf Social-Media-Portalen, zu ausgelegten und gefundenen Giftködern nämlich nicht festzustellen, wie der Leiter der Pressestelle des Polizeipräsidiums Mittelhessen, Jörg Reinemer, bestätigt. »Im Landkreis Gießen kam es 2019 und 2021 zu einer niedrigen zweistelligen Anzahl solcher Straftaten, die gemeldet wurden, 2020 war es sogar nur eine einstellige Anzahl«, gibt Reinemer an. Dass die Aufklärungsrate in solchen Fällen äußerst gering ist, kann der Polizeisprecher bestätigen. »Die Aufklärungsquote bewegt sich in einem niedrigen Bereich. Die Täterermittlung ist schwierig. Oftmals sind wir auf Zeugen angewiesen. Aber auch die Spurensicherung ist sehr wichtig.«

Training mit jedem Hund möglich

Da Vorbeugen bekanntlich besser als Heilung ist und auch der Halter selbst entspannter beim Ausführen seines Vierbeiners sein kann, ist ein gezieltes Training für den Hund sinnvoll.

Doch wie bringt man dem Hund bei, dass er herumliegende Leckereien keine Beachtung schenkt? Vorweg versichert Hundetrainerin Dehl, dass das Training mit jedem Hunden möglich sei. »Je nach bereits vorhandener Lernerfahrung des Hundes erfordert es ein mehr oder weniger intensives Training. Hat der Hund schon oft und gerne draußen Leckereien gefunden und verspeist, bedarf es etwas mehr Training als bei einem, der diese Erfahrungen kaum oder gar nicht gemacht hat«, weiß die Expertin.

Im ihrem Kurs wird zunächst Grundwissen über die verschiedenen Giftstoffe übermittelt und wie Halter Symptome einer Vergiftung erkennen können. Welche Erste-Hilfe-Maßnahmen ergriffen werden können und welche Informationen für den behandelten Tierarzt wichtig sind, wird ebenfalls thematisiert.

Nach der Theorie folgt der Praxisteil, in dem die Halter lernen, ihrem Hund verschiedene Signale beizubringen, um zum Beispiel aus Sicht des Hundes Essbares anzuzeigen, freiwillig auszuspucken oder etwas liegen zu lassen - und das alles ohne schimpfen oder strafen. «Wir möchten, dass der Hund auf lange Sicht freiwillig und selbstständig von für ihn Essbarem Abstand hält. Diese Kooperation und Freiwilligkeit erreicht man nur durch belohnungsbasiertes Training auf dessen Basis alle Trainer des Hundezentrums arbeiten«, betont Dehl.

In der Praxis von Dr. Osygus kommt es zum Glück eher selten vor, dass ein Hund, mit einer Vergiftung durch Köder, behandelt werden muss. Zwar kommen häufig Tierhalter zur ihr, die beim Spaziergang bemerkt haben, dass ihr Vierbeiner etwas Unbekanntes aufgenommen hat. Aber: »In den meisten Fällen stellt sich heraus das es eher Essensreste oder vergammeltes Material ist, das weggeworfen wurden. Das Gift aufgenommen wurde, das entweder für Ratten bestimmt war oder tatsächlich in selten Fällen bewusst von Tierhassern platziert wurde, kommt bei uns drei- bis fünfmal mal im Jahr vor«, erzählt die Tierärztin.

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