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Einfach mal nichts machen

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Streng, aber tiefgründig: So schauen die Figuren auf den Porträts von Mirka Holsteinova drein. © Schultz

Jens Bleckmann und Mirka Holsteinova zeigen ihre Werke in der Galerie 23

Gießen . Auch die aktuelle Ausstellung in der Galerie 23 bringt wieder große Freude für die Besucher. Unter dem merkwürdigen Motto »Eine Stunde nix machen« zeigt man die bemerkenswerten Arbeiten zweier Künstler des Ateliers 23, Jens Bleckmann und Mirka Holsteinova. Die Kombination von Malerei und grafischer Kunst erweist sich als sehr attraktiv und in der Kombination als sehr anregend. Am vergangenen Freitag war Vernissage.

Zunächst ist festzustellen, dass die Arbeiten sich auf bemerkenswertem handwerklichen und inhaltlichen Niveau befinden. Jens Bleckmann, seit 2010 Mitglied des Ateliers 23, gehe in seinen Collagen zunächst von aufgeklebten Elementen aus, erläuterte Leiterin Andrea Lührig. »Er schneidet Gefundenes sehr sorgfältig aus Zeitschriften aus und lässt sich dann von diesen Fundstücken inspirieren.« Gelegentlich fügt er Wiederholungen bestimmter Elemente ein, stets abgewandelt, die leise seine gestalterische Hand merken lassen. Einmal erkennt man ein sehr kleines Porträt von Willy Brandt.

Felix Andreas Lachmann von der Galerie machte auf die architektonischen Elemente aufmerksam, die in den Werken auftauchen und lobte gewisse halb unsichtbare Elemente, die zur Besonderheit von Bleckmanns Stil beitragen. Der ist tatsächlich höchst charakteristisch. Die Bilder mit ihren zeichnerischen und collagierten Elementen wirken unmittelbar verbindlich.

Bleckmann vereint in seinen Werken unterschiedlichste Formen, die in der Komposition allesamt eine tiefe Sicherheit der Ausführung vermitteln. Er vereint Anklänge an Comics und paradoxe Welten, spielerisch eingefügte architektonische Elemente erweitern das Spektrum und verliehen den Arbeiten eine partielle Räumlichkeit - zudem eröffnen sich zusätzliche Ebenen der Wahrnehmung.

Die Elemente werden zumeist weiterentwickelt und stehen nicht isoliert, sie werden in die Komposition eingearbeitet. So ergibt sich der Eindruck einer starken gestalterischen Absicht ohne die geringste Unsicherheit; Der Gießener überarbeitet seine sehr vielfältigen Arbeiten häufig und über einen Zeitraum hinaus. Sie strahlen eine magische Entschlossenheit aus.

Mirka Holsteinova, Atelierkünstlerin seit 2018, lebt ebenfalls in Gießen. Sie beschäftigte sich in den letzten vier Jahren fast nur mit Porträts und auch lange mit Aquarellzeichnungen, wo sie es spannend fand, dass sich der Zufall und die Kontrolle vermischen. »Wenn man beim Aquarell viel Wasser nimmt, dann ist das nicht mehr ganz kontrollierbar, und das fand sie, glaube ich, ganz abenteuerlich,« sagte Lührig. Dann habe sie aber mal etwas Neues ausprobieren wollen und fing mit der Malerei in Acryl auf Leinwand an.

»Auch hier begann sie mit Porträt, und dabei entwickelt sich der Charakter der Person von den Augen her sehr unterschiedlich, und es stellt sich sozusagen heraus, was für ein Kleid sie braucht,« sagte Lührig. Sie habe für diese Schau eigentlich nur Porträts erwartet, »aber eines Morgens kam sie ins Atelier und sagte, ›Heute mach ich Landschaft.‹ Die ersten Arbeiten waren »sehr zeichnerisch mit vielen Linien, fast filigran, und inspiriert von Landschaftsfotos. Dann legte sie die weg, und man bekam das Gefühl, nun entstanden die Landschaften im Kopf«, erklärte Lührig. Je mehr Landschaften entstanden, desto grafischer wurden sie.

Holsteinova übermale alle Bilder, »Sie können davon ausgehen, dass sie vorher völlig anders aussahen« sagte Lührig. »Ich hatte das Gefühl, dass Mirka den Prozess des Malens als sehr lustvoll empfindet, sinnlich.« Zu den Beziehungen der Malerin zu ihren Porträts sagte Lührig: »Sie hat eine große Distanz zu denen, es sind alles nicht ihre Freunde, es sind nicht ihre Verwandten, es ist nicht ihre Mutter.«

Holsteinova zeigt überwiegend Landschaften, einige im großen, die meisten im kleinen Format, und kleine Porträts. Die Figuren dort schauen zumeist streng bis grimmig drein, irgendwie aber tiefgründig. Heraus ragt ein weibliches Porträt einer jungen Frau, deutlich abstrahiert ausgeführt, die eine strenge Contenance ausstrahlt und den am stärksten definierten Ausdruck von allen trägt. Ihr Ausdruck regt sehr dazu an, nachzudenken - irgendetwas bewegt sie jedenfalls. Zudem ist das Bild hochästhetisch.

Die großen abstrakten Landschaften fordern dazu auf, Farbflächen und Werte in ihrem gelungenen Zusammenspiel zu erleben. Formal sind das starke Kontraste, kompositorisch und farblich herrscht tiefe Ausgeglichenheit oder spürbare Dramatik. Die kleineren abstrakten Bilder wirken weniger explizit, wie Stationen eines kreativen Wegs.

Insgesamt sieht man wieder eine eindrucksvolle und fast schon physisch ansprechende Schau - man kann die Galerie nur zur Auswahl und Förderung solcher Talente beglückwünschen. Zu sehen sind die Werke im Seltersweg 55 (dienstags bis freitags von 14 bis 18 Uhr sowie samstags von 11 bis 16 Uhr).

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