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Hans-Theo Daum

Fusion

Eins, zwei, drei - ergibt eins

Die Dekanate Kirchberg, Hungen und Grünberg fusionieren und heißen ab 1. Januar Dekanat »Gießener Land«.

Kreis Gießen . Aus drei mach eins - ab 1. Januar sind die Dekanate Kirchberg, Hungen und Grünberg unter einem Dach. Und das nicht nur räumlich, die drei Dekanate sind verschmolzen. Das sozusagen brandneue »Evangelische Dekanat Gießener Land« hat seinen Sitz nun im Flachsbachweg 3 in Grünberg.

Mitten im Schwedendorf steht das schmucke Gebäude, in dem die neuen Räumlichkeiten angemietet wurden. Die Bildung einer neuen kirchlichen Verwaltungseinheit geschah nicht von heute auf morgen. Wie Hans-Theo Daum, Dekan des bisherigen Dekanats Kirchberg, im Gespräch mit dem Gießener Anzeiger erzählte, brauchte es so einiges an Vorarbeit.

»Akzente gesetzt«

Eine Zusammenarbeit der drei Dekanate ist übrigens nichts Neues: Bereits seit 2002 gibt es eine »Kirchliche Arbeitsgemeinschaft«, hat man bereits Hand in Hand gearbeitet. »Damit haben wir in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, der EKHN, Akzente gesetzt, war es doch die erste Arbeitsgemeinschaft dieser Art«, berichtet Daum. Da es im Sinne der EKHN lag, größere Einheiten zu bilden, habe man sich »auf den Weg gemacht«. Und nein, nicht alle hätten frohes Mutes diesen Weg beschritten, räumt der Dekan ein. Die Arbeitsgemeinschaft funktioniere doch auch so gut, wurde als Argument gegen eine Fusion zu Felde geführt. Aber der Zusammenschluss schaffe Synergien, erleichtere die Verwaltungsarbeit. Auch finden sich die Handlungsfelder Öffentlichkeitsarbeit, gesellschaftliche Verantwortung, Bildung und Ökumene nun unter einem Dach. Bisher waren sie auf drei Dekanate verteilt.

Was den Weg für eine Fusion ebnete, war auch ein Signal der EKHN. 2015 zeichnete sich ab, dass die Landeskirche dem Fortbestand der Arbeitsgemeinschaft nicht mehr zustimmen würde. Somit sagten die Synodalen ja zu einer Fusion zu und setzten den 1. Januar 2022 als Termin (die Synode ist ein Gremium der kirchlichen Selbstverwaltung, das aus gewählten Laien und Geistlichen besteht. Sie besetzt unter anderem per Wahl wichtige Leitungsämter, beschließt den Haushalt und trifft wichtige kirchenpolitische Entscheidungen, Anm.d.Red.)

Vorteile durch die Fusion sieht Hans-Theo Daum auch in einer leichteren Zusammenarbeit der Kirchengemeinden. So könnten Vertretungen zum Beispiel einfacher geregelt werden. Nachdem der Beschluss gefallen war, brauchte das Kind auch einen Namen. Plädierten manche für »Dekanat Grünberg« - sei doch hier künftig der Sitz - entschied man sich letztendlich für »Dekanat Gießener Land«. Dies auch unter dem Aspekt, dass der Begriff schon von der Homepage »giessenerland-evangelisch.ekhn.de« bekannt ist.

Umzug, neuer Name - es ist schon vieles sozusagen »abgehakt« auf der Liste. Eines fehlt indes noch: Gab es bislang bei drei Dekanaten auch drei Dekane, muss nun noch ein neuer Dekan, eine neue Dekanin an die Spitze. Zwar lag eine Bewerbung vor, doch die EKHN wiederholte die Ausschreibung. Nicht, weil man die Person, die sich beworben hatte, ablehnte. Es ging schlicht und ergreifend darum, ein Auswahl zu haben. Doch es blieb bei dieser einen Bewerbung.

Ist der Job eines Dekans so unattraktiv? Hans-Theo Daum schmunzelt. »Nein«, versichert er. Die Aufgaben seien mit der Zeit nicht leichter, sondern eher anspruchsvoller geworden. Doch das sei nur eine Vermutung, da »stochere ich im Nebel«. Daum selbst wird als dienstältester Dekan noch bis April, also bis zur Einführung des neuen Dekans oder der neuen Dekanin, die Zügel in der Hand behalten. Danach will er sich weiterhin mit einer halben Stelle der Notfallseelsorge widmen und »eventuell noch bis zum Ruhestand in gut eineinhalb Jahren mit einer halben Stelle im neuen Dekanat« tätig sein.

Dekanin Barbara Alt (Dekanat Hungen) ist bereits im Ruhestand, bis zum Jahresende 2021 ist hier ihre Stellvertreterin Barbara Lang Ansprechpartnerin. Norbert Heide (Dekanat Grünberg) wird sich künftig statt mit einer halben nun mit einer vollen Stelle als Schulpfarrer an der Theo-Koch-Schule engagieren.

Zwar wird hinter verschlossenen Türen bereits über die Personalie der neuen Dekanatsleitung gemunkelt, doch bevor die Synode keinen Beschluss gefasst hat, will man hier nicht vorgreifen. Es bleibt also spannend.

Nachbarschaftsraum

Doch wie wirkt sich die Fusion auf die Kirchengemeinden vor Ort aus? Werden Pfarrstellen eingespart? Einsparungen, so erläutert Daum, habe die EKHN schon vor rund zwei Jahren beschlossen. Umgesetzt werden sollten diese bis 2024. »Ein großer Teil davon ist schon umgesetzt.« Unter dem Begriff »EKHN 2030« gebe es künftig neue Formen der Zusammenarbeit der Kirche, respektive der Gemeinden. »Nachbarschaftsräume« ist das Stichwort, unter dem die Kirchengemeinden stärker zusammenarbeiten sollen. Das Dekanat werde den Prozess begleiten. Die Gemeinden Wetterfeld, Ober-Bessingen; Röthges und Münster (WORM) etwa praktizieren eine solche Zusammenarbeit bereits.

Auch in der Kirche müsse man ein wenig »weg vom Kirchturmdenken« und über den Tellerrand blicken, meint Daum. Je 3000 bis 6000 Mitglieder, also drei bis vier Gemeinden, sollen einen solchen Nachbarschaftsraum bilden. Doch das ist - zumindest für eine Weile - noch Zukunftsmusik. Vorerst will man sich im neuen Dekanat der inhaltlichen Arbeit widmen. Die Gremien werden sich neu finden und auch die Pfarrer haben fortan eine gemeinsame Zuständigkeit. »Ich hoffe, dass alles nun als Einheit gesehen wird.« Doch jetzt ist Hans-Theo Daum erst einmal froh, dass der Umzug geschafft und im Vorfeld schon ganz viel erledigt wurde.

Noch sind nicht alle Kisten ausgepackt. Beim Rundgang erklärt Dr. Angela Stender, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, dass es noch ein wenig an Möbeln und Sitzgelegenheiten fehlt. Im Büro im Dachgeschoss »fühle ich mich schon richtig wohl«. Im neuen Domizil ist Platz für die Bereiche Verwaltung, Sekretariat, Dekanatsleitung, Gemeindepädagogik, Jugendarbeit und Kirchenmusik. Ebenso finden sich hier die zuständigen Mitarbeiter für die zuvor erwähnten Handlungsfelder Öffentlichkeitsarbeit, Ökumene, gesellschaftliche Verantwortung und Bildung. Auch an die ehrenamtlichen Mitarbeiter hat man gedacht, so gibt es auch einen Raum etwa für den Synodenvorstand. Ins Auge fällt ein Lift, der an der Treppe zum Obergeschoss angebracht ist. Da die Dekanate bei der Planung des Gebäudes einbezogen waren, konnten eben auch solche Dinge berücksichtigt werden. Nachhaltigkeit war ein wichtiges Thema. Das Gebäude ist in Holzbauweise errichtet, geheizt wird mit Fernwärme aus Holzabfällen. Einzig die computergesteuerte Heizung hat man noch nicht so recht im Griff. Doch auch da ist Daum zuversichtlich.

»Jetzt muss sich erst mal alles einspielen. Die Mitarbeiter in der Verwaltung haben den Umzug bewältigt und dabei den Betrieb aufrecht erhalten. Die haben Unglaubliches geleistet. Hut ab.«

Zuständigkeit

Zum Schluss noch ein paar Zahlen: Die Zuständigkeit des Dekanats Gießener Land erstreckt sich über 600 Quadratkilometer mit rund 180 000 Einwohnern, von denen 58 484 der evangelischen Kirche angehören. Die Grenzen des Dekanats sind nicht mit den Landkreis-Grenzen identisch. So gehören auch Ortschaften aus dem Vogelsberg dazu, Ortschaften aus dem Landkreis Gießen wiederum zu anderen Landeskirchen.

Zwei Beispiele: Während die Kernstadt Allendorf/Lda. zur EKHN gehört, liegen ihren Stadtteile Nordeck und Winnen im Einzugsgebiet der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Die Wettenberger Kirchengemeinden hingegen sind Teil der Evangelische Kirche im Rheinland. Das hat aber historische Gründe. »Die Landeskirchen beziehungsweise ihre Grenzen wurden früher von den Fürstentümern bestimmt«, erklärt Daum.

Ob man sich irgendwann auf den Weg macht, die kommunalen und kirchlichen Grenzen in Einklang zu bringen, kann aber auch der Dekan nicht vorhersagen.

Im Grünberger Schwedendorf findet man das evangelische Dekanat »Gießener Land«.

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