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Erntedankfest ein alter Hut?

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Von: Debra Wisker

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Das Erntedankfest soll auch daran erinnern, dass eine reich gedeckte Tafel nicht überall gegeben ist. Symbolfoto: dpa © Red

Nahrung in Hülle und Fülle ist keine Selbstverständlichkeit, sagt Pfarrer Andreas Lenz. Er hat über das Erntedankfest in Krisenzeiten mit Anzeiger-Redakteurin Debra Wisker gesprochen.

Kreis Gießen . Am Sonntag ist Erntedankfest. Ernte? Danken? Die Regale im Supermarkt sind voll, die Auswahl an Lebensmitteln ist mehr als reichlich. Das scheint selbstverständlich. Warum sollte man also alljährlich ein Fest, einen besonderen Gottesdienst feiern? Pfarrer Andreas Lenz aus Treis spricht mit dem Anzeiger über das Erntedankfest und darüber, warum wir - trotz oder gerade wegen der Fülle an Nahrung - allen Grund haben, dankbar zu sein.

Schon in vorchristlicher Zeit war es in fast allen Kulturen ein traditionelles Ritual, für eine gute Ernte zu danken. Und auch im Alten Testament ist diese Tradition erwähnt, es ist längst im Christentum fest verankert, Gott für die Ernte zu danken. Eben das Erntedankfest zu feiern.

»Es ist das Wissen um die Abhängigkeit von der Natur und dass unser Überleben letztlich abhängt von der Ernte«, erklärt Lenz. In der Bibel gebe es ganz viele Psalmen, die das betonten. Hier nannte Lenz den Psalm 104. »Der ist eine fast schon mystische Naturbetrachtung«, so der 59-Jährige. Etwa wenn dort stehe: »Licht ist dein Kleid, das du anhast.« Oder: »Herr, wie sind deine Werke so groß und viel. Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.« Dieser Psalm werde bei vielen Erntedankgottesdiensten verlesen.

Lenz blickt ein wenig zurück. Zwei Generationen vor uns wurde die Ernte richtig eingebracht und das wurde auch richtig gefeiert. Die Menschen säten, bestellten Felder und Nutzgärten, freuten sich über den Ertrag, freuten sich, wenn die Scheunen voll waren.

»Davon sind wir heute sehr weit entfernt, was auch dieses Fest nicht mehr so natürlich erscheinen lässt.« Der Zusammenhang zwischen Lebensmitteln und Natur sei für fast alle Menschen völlig entkoppelt. »Du gehst von morgens um 7 Uhr bis spätabends in den Supermarkt und hast eigentlich die Qual der Wahl. Und überall bekommt man Tipps, wie man es schafft, weniger zu essen«, zeigt Lenz einen typischen Widerspruch unserer Zeit auf. Aber genau darum mache es auch Sinn, Erntedank zu feiern, sei das Fest eben kein alter Hut.

Denn in Krisenzeiten, wie wir sie gerade durch den Ukraine-Krieg erlebten, sei eben nicht mehr alles selbstverständlich. »Auch Nahrung in Hülle und Fülle nicht. Man denkt nach, wie kostbar diese Dinge sind. Es ist eigentlich traurig, dass der Verlust von Menschen und Dingen dazu führt, dass man lernt, deren Wert erst richtig zu verstehen und zu schätzen.« So sehe er das auch beim Erntedankfest 2022. »Beim Vaterunser sagen wir ›Unser täglich Brot gib uns heute‹, aber wir haben dieses Lebensgefühl nicht mehr, von Gott zu erbitten, was wir brauchen«, so Lenz.

Erschrocken habe ihn eine Umfrage des Magazins Spiegel, die besagte, dass 41 Prozent der Deutschen Wut als aktuelles Lebensgefühl benannt hätten. Das könne man in Teilen vielleicht verstehen, aber »Wut ist kein gutes Gefühl, das einen leiten kann.« Dennoch sei eine Krise immer auch eine Chance - eine Chance, für das, was man hat, dankbar zu sein.

»Dieser Gedanke, dass das ganze Leben ein Geschenk ist, dass wir die Güter, die wir haben, nicht als Besitz, sondern als geliehene Gabe verstehen, könnte zu einem Umdenken führen. Den Satz, man bekomme nichts geschenkt, empfinde er als zynisch. »Das ist nicht wahr.« Wenn man das Leben als verdientes Geschenk sehe und anfange, dafür zu danken, finde man auch zu einer Haltung, in der Solidarität wieder möglich sei.

»Wir sind ein Teil der Natur«

Ein wichtiger Aspekt beim Erntedankfest sei, dass »wir Menschen Teil der Natur sind. In dieser industrialisierten Welt nimmt man das kaum mehr wahr. Bauern empfinden das noch. Aber beispielsweise Kinder in der Stadt empfinden ihre Nahrung und sich selbst nicht als so eine Einheit. Doch mittlerweile wissen wir alle, dass das eine Überlebensfrage für uns als Menschheit ist.«

Ernte und Nahrung bezeichnete Lenz als wichtige ethische Fragen unserer Zeit. »Können wir uns diesen Fleischkonsum überhaupt noch erlauben?«, sei eine davon. Er finde es gut, dass viele junge Menschen im Sinne der Nachhaltigkeit und Ökologie auf ihre Ernährung achteten. Nachhaltig, ökologisch und regional einkaufen sei keine abstruse Idee irgendwelcher Öko-Freaks, es gehe in der Tat um das Überleben der Menschheit. Deshalb seien auch die »Fridays for future« so wichtig. »Wir haben die Natur geliehen bekommen, von Gott für die nächsten Generationen.«

In Treis feiert man das Erntedankfest gerne auf dem Bauernhof von Jens Amend. Das sei gerade für die Kinder ein besonderes Erlebnis. Da die Wettervorhersage eher trübe ist, wird in diesem Jahr aber in der Kirche gefeiert.

Beim Erntedankgottesdienst sind alle Generationen beteiligt, tragen die Kleinen Früchte, Korn und Gemüse zum Altar. Die Kollekte geht an »Brot für die Welt«.

Der klassische Bibeltext der Speisung der 4000 habe das Element des Brotbrechens. »Da Teilen des Brots ist ein uralter Ritus. In dieser Geste steckt eigentlich alles drin. Teilen und weitergeben«, unterstreicht Andreas Lenz. Foto: Wisker

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