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Fachkräftemangel größtes Problem

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Reiner Hühne Foto: Ewert © Ewert

Kreis Gießen (wf). »Wir stehen angesichts der Ereignisse und Entwicklungen im Laufe der letzten Monate und vergangenen zwei Jahre vor Aufgaben und Problemen, die wir in dieser Form bis jetzt nicht kannten.« So begann, wenig euphorisch, Reiner Hühne, Obermeister der Innung für Elektro- und Informationstechnik, seinen Bericht vor der in der »Ratsstube Edelweiß« in Steinbach tagenden Innungsversammlung.

Probleme, zu deren Entstehen weder das Handwerk im Allgemeinen noch die Elektro-Innung Gießen im Speziellen beigetragen hätten, deren Auswirkungen aber das Handwerk vor neue Aufgaben, verbunden mit erheblichen Schwierigkeiten, stelle.

Lieferprobleme

»Die Lieferschwierigkeiten von Materialien haben die komplette Handwerksbranche fest im Griff«, so Hühne, der auf teilweise monatelange Wartezeiten für Materialen verwies, »die früher von heute auf morgen lieferbar waren«. Die Pandemie und der völkerrechtliche russische Angriffskrieg auf die Ukraine und ihre Folgen seien bekanntermaßen die Hauptgründe für die »Mangelerscheinungen«, die speziell das Elektrohandwerk in Form des Chipmangels betreffe. Entspannung ist laut Obermeister eher nicht in Sicht »und eine Beruhigung des Marktes in naher Zukunft nicht zu erwarten«.

Ein weiteres Problem sei in Verbindung mit der Energiewende und der Digitalisierung der Fachkräftemangel. »Ich kann euch noch nicht sagen, wer das alles umsetzen kann und will«, blickte Hühne in eine eher nebulöse Zukunft. Fest stehe, dass die Politik in Sachen Fachkräftegewinnung, die bei der Ausbildung beginne, dringend handeln müsse.

Dazu hatte der Obermeister auch einen Vorschlag parat: »Eine Idee wäre ein Ausbildungszuschuss, ein etwas erschwerter Zugang zu den Studienplätzen und/oder die Anerkennung der Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung.« Letzteres erfordere endlich ein Umdenken, das in der Familie und in der Schule beginnen und in Wirtschaft und Gesellschaft durchdringen müsse.

Um junge Menschen für eine Ausbildung im Handwerk zu interessieren, haben die benachbarten Kreishandwerkerschaften Lahn-Dill und Gießen eine erfolgversprechende Aktion namens »Azubi-Guides« gestartet und zu deren Unterstützung auch einen Förderverein »Handwerk Mittelhessen« gegründet. Junggesellinnen und Junggesellen unterschiedlicher Gewerke, die soeben ihre Ausbildung abgeschlossen haben und als »Azubi-Guides« eine spezielle Schulung zur Vorbereitung auf ihre Aufgabe hinter sich haben, gehen in die oberen Klassen allgemeinbildender Schulen und informieren die nur unwesentlich jüngeren künftigen Schulabgänger und potenziellen Azubis »auf Augenhöhe« über die Ausbildungsmöglichkeiten im Handwerk, das weit über 100 unterschiedliche Ausbildungsvarianten zu bieten hat.

Als Fördermitglied unterstütze die Elektro-Innung diese zielgerichteten Werbemaßnahmen ausdrücklich, wobei sich Reiner Hühne über ein stärkeres Förder-Engagement von Elektro-Industrie, Energieversorgern und Großhändlern freuen würde. Denn es gehe auch um deren Zukunft in einem wirtschaftlichen Räderwerk, das nur funktioniere, wenn alle Räder und Rädchen ineinander greifen.

Nach der Corona-Pause fand in diesem Jahr in Frankfurt die weltweit wichtigste Branchenmesse »Light + Building« statt. Allerdings war sie mit knapp 100 000 Besuchern nur halb so gut frequentiert wie vor Corona. Dennoch sei die Messe laut Hühne als Erfolg zu werten, da der Anteil der Fachbesucher hoch gewesen sei. Der Obermeister wies darauf hin, dass die Innung eigens einen Bustransfer nach Frankfurt zur Verfügung gestellt habe und motivierte die Inhaber heimischer Elektrobetriebe, diese alle zwei Jahre und stets in der Mainmetropole stattfindende Leistungsschau mitsamt ihren Mitarbeitern zu besuchen.

Neues Projekt zur Energiewende

Im Blick auf die Umsetzung der Energiewende befürwortet der Obermeister der Elektro-Innung eine stärkere Zusammenarbeit mit anderen Innungen, zum Beispiel den Dachdeckern. In diesem Zusammenhang wies er auf ein vom Leiter des Bildungs- und Technologiezentrums für Elektro- und Informationstechnik (BZL) Lauterbach gemeinsam mit dem Landesfachverband der Dachdecker geplantes Projekt hin. Dabei handele es sich um einen Fachlehrgang für das Elektrohandwerk zum Erwerb von Fähigkeiten, die bei der fachgerechten Montage von Photovoltaik-Modulen auf Dächern erforderlich sind. Unter Einbezug beispielsweise der Themen Schnee- und Windlasten.

Am Ende sollte oder könnte laut Hühne ein »kleiner Dachdeckerschein« stehen, der es dem Elektrohandwerker erlauben würde, bei der PV-Montage sozusagen auch in das Feld der Dachdecker einzugreifen. Im Gegenzug solle dem Dachdecker das Know-how bis hin zum DC-seitigen Anschluss der Wechselrichter - DC steht für »Direct Current« (=Gleichstrom) - vermittelt werden. »Ich persönlich halte das für eine gangbare Lösung«, so Hühne.

Neu ist das Vorhaben der Stadt Gießen, eine Gesellschaft zu gründen mit dem Ziel, stadteigene Dächer mit PV-Anlagen auszustatten. Da der Gesetzgeber den Kommunen eine Öffnung ihrer Vergabeverfahren bis hin zu europaweiter Ausschreibung auferlegt hat, sei die Gründung der neuen Gesellschaft, die Planung und Vergabe übernehmen soll, notwendig. Erreicht werden sollen mit der neuen GmbH eine Vereinfachung der Vergabeverfahren und in deren direkter Folge das Verbleiben der Wertschöpfung bei den heimischen Gewerken.

Schließlich wies Obermeister Hühne noch auf die in diesem Jahr getroffene Entscheidung der Bundesregierung und auch der hessischen Landesregierung hin, nach der den Elektro- und Informationstechnik-Handwerken der Status der »Systemrelevanz« zuerkannt wurde. »Das könnte für unsere Betriebe in Zukunft von Wichtigkeit sein.«

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