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»Fertighaus kann jeder«

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Von: Imme Rieger

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gikrei_wwEsszimmer_Wohnz_4c © Imme Rieger

Die Familie Kane verwandelt in Lang-Göns eine Ruine in ein Schmuckstück.

Langgöns (imr). »Am Anfang war es ein Schandfleck, jetzt ist es ein Schmuckstück«, freuen sich Janina und Christopher Kane. Das Ehepaar hat das historische und denkmalgeschützte »Boppehaus« in der Moorgasse 4, mitten im alten Ortskern von Lang-Göns, innerhalb von 13 Monaten von Grund auf renoviert und damit aus einem etwa 40-jährigen Dornröschenschlaf geweckt. »Es war uns ein Herzensprojekt«, sagen die beiden. Anfang November sind sie mit ihrer kleinen Tochter eingezogen, das war sogar zwei Monate früher als ursprünglich geplant.

Das Fachwerkhaus zählt zu den ältesten im Ort. Vor der Kernsanierung glich das Gebäude, das vermutlich aus dem 18. Jahrhundert stammt, vielleicht aber sogar deutlich älter ist, einer Ruine. Der Großvater von Christopher Kane hatte das Haus 1990 gekauft, es stand seit ca. 1985 leer.

Dem Enkel als gebürtigem Lang-Gönser war es schon immer ein Anliegen, genau hier, auf dem Familiengrundstück, dauerhaft wohnen zu bleiben, auch seine Frau hatte nichts dagegen. »Das Haus hat einen eigenen Charme, es ist individuell und liegt auf einem Familiengrundstück«, nennt der Bauherr einige Vorteile. Lange hat das Paar überlegt, ob es das Wagnis der Sanierung eingehen soll.

»Hier kann man nicht reingehen«

»Meine Schwiegermutter sagte früher immer: ›Hier kann man nicht reingehen.‹ Aber jetzt wohnen wir hier, da sind wir schon richtig stolz drauf«, freut sich Janina Kane. Am 20. Januar 2020 hatte das Ehepaar zum ersten Mal mit dem Gedanken gespielt. Beide erinnern sich: »Früher hieß es immer ›Das wird mindestens »ne halbe Million kosten‹, deswegen hatten wir nie einen Gedanken daran verschwendet, das Projekt zu starten, man konnte es sich einfach auch nicht vorstellen. Als Statiker und Architekt dann vor Ort waren, konnten sie uns zum Glück schnell vom Gegenteil überzeugen.«

In der kurzen Zeit seit dem Einzug der jungen Familie gab es schon zahlreiche positive Rückmeldungen, nicht nur aus dem Familien- und Freundeskreis, sondern auch von Fremden: »Wir bekommen sehr viele Komplimente, die Leute gehen auf der Straße vorbei, sprechen uns an und sagen, wie gut ihnen das Haus jetzt gefällt«, erzählt die Hausherrin stolz und führt gemeinsam mit ihrem Ehemann durch das Anwesen, in dem die Familie jetzt auf zwei Etagen mit insgesamt 145 m² lebt. 70 m² hat der Dachboden, der aber nur gedämmt und nicht ausgebaut wurde. Ein Anbau soll im kommenden Jahr die Funktion eines Freisitzes bekommen, auch ein Ofen kann dort an den Kamin angeschlossen werden.

Ein ganz besonderes Lob geht an den Architekten Berchtold Büxel aus Lich, der das Projekt maßgeblich begleitete. Als überaus positiv erlebt haben die Kanes auch die Vergabe der Gewerke an örtliche und regionale Firmen: »Das hat sehr gut funktioniert, auch die Firmen untereinander haben sich perfekt abgestimmt. Das ist der Vorteil, denn diese regionalen Unternehmen kennen sich meistens schon von anderen Baustellen«, weiß Christopher Kane inzwischen aus Erfahrung.

Das Schwierigste der ganzen Sanierung sei die Aufarbeitung der alten Balken gewesen. Kane hat dies zur Chefsache gemacht: »Sie mussten gesäubert, geschliffen und gehobelt werden, das war alles sehr aufwendig. Am Ende wurden sie dann noch lasiert. Ich habe drei Monate lang nur Balken geschliffen, bevor der Innenausbau beginnen konnte.«

Auch die Treppe war ein Mammutprojekt: Unzählige Schichten Lack hafteten darauf, sie wurde als letztes vor dem Einzug von einer Fachfirma aus der Schillerstraße aufgearbeitet. »Freitags musste der frische Lack noch trocknen, samstags sind wir eingezogen«, erzählen Kanes von diesem perfekten Timing.

Zur vielbefahrenen Straße hin wurden spezielle Schallschutzfenster eingebaut, dort befindet sich im Parterre jetzt ein Arbeitszimmer, im Obergeschoss ist das Wohnzimmer. Im seitlich zur Straße gelegenen Schlafzimmer des Paares sind normale Fenster eingebaut, »wir können hier gut schlafen und hören von der Straße nicht viel«.

Wer vor dem Haus steht, erkennt die schiefen Balken: Es musste viel ausgeglichen werden, besonders bei den Böden, «auch alle Wände sind schief«. Ein ganz besonderes Kleinod ist die neue alte Haustür. Das uralte Stück wurde von einem Schreiner aus Muschenheim fachgerecht aufgearbeitet. Dabei mussten auch unzählige Nägel entfernt werden. »Warum die alle in der Tür steckten, wissen wir auch nicht.« Architekt Büxel hatte den Kontakt vermittelt, »denn es gibt kaum noch Schreiner, die Türen denkmalgerecht aufarbeiten können«, berichten die Hausbesitzer.

Hier einige Details der Sanierung: Der Keller wurde bei den Umbaumaßnahmen komplett zugeschüttet, denn dort sammelte sich immer wieder Wasser. Der darüber liegende Raum, das Schlafzimmer, konnte dadurch etwa 50 Zentimeter heruntergesetzt werden, damit es ebenerdig zum Eingangsbereich wird. Im Esszimmerbereich wurden neue Dielen verlegt, im Wohnzimmer konnten die alten erhalten werden. Die ursprüngliche Wohnzimmertür im Obergeschoss und die Badezimmertür wurden zugemauert, ein neues Gäste-WC entstand im Obergeschoss.

Die Entscheidung, welche Balkenfarbe die Außenfassade bekommen soll, fiel den Kanes »richtig schwer«: »Die Meinungen gingen da wirklich sehr auseinander, der eine Teil war klar für einen Braunton, der andere Part hätte sich für Grau entschieden. »Letztendlich ist es der Braunton geworden, weil diese Farbe unserer Meinung nach eher zu Holz passt und auch im Ortsbild besser aussieht.«

Im kommenden Jahr soll noch ein Vorgarten das i-Tüpfelchen der Sanierung werden. Dazu wird die Einfahrt auf den Hof des Anwesens auf die linke Seite verlegt: »Das möchten wir schon aus Rücksicht auf unsere kleine Tochter machen.« Hier und da müsste auch im Haus noch etwas gemacht werden, »die letzten fünf bis zehn Prozent fehlen noch«, bekennt der Hausherr. Aber im Großen und Ganzen ist alles rundum und sehr eindrucksvoll gelungen.

400 000 Euro hat die Sanierung insgesamt gekostet, rund 100 000 Euro davon konnten mit Fördergeldern finanziert werden. »Auch hier hat uns der Architekt sehr unterstützt, denn er wusste, welche Förderungen beantragt werden können und hat diese dann auch für uns übernommen.« So haben die Kanes allein 60 000 Euro vom Landkreis Gießen zugesagt bekommen. Dieses Geld stammt aus einem Topf zur »Revitalisierung der Ortskerne im Landkreis Gießen«.

Noch Mittel im Förderprogramm

Sie möchten andere Besitzer von sanierungsbedürftigen Häusern darauf aufmerksam machen, denn sie wissen: »Dieses Förderprogramm wird aktuell gar nicht ausgeschöpft.« 30 000 Euro gab es darüber hinaus von der KfW, 4000 Euro für den Einsatz eines Energieeffizienzberaters, 4000 Euro Zuschuss vom Denkmalschutz für die Sanierung der Tür und noch mal 1000 Euro für Lehmbauarbeiten.

»Wir hoffen, dass wir ein Vorzeigeprojekt werden und stehen gerne für Informationen zur Verfügung«, betont das Ehepaar. »Wir wissen, dass Bauherren im Moment schwere Zeiten haben und sind sehr, sehr froh, dass wir den Schritt 2021 getan haben, denn 2022 wären die Kosten um 40 Prozent höher gewesen, auch die Zinsen sind jetzt höher«, sagen die beiden.

Dennoch möchten sie potenzielle Interessenten, die es ihnen nachtun möchten, ermutigen: »Habt Geduld. Es kommen auch wieder bessere Zeiten.« Ihre Entscheidung, das einstmals vollkommen marode Gebäude wieder bewohnbar zu machen, haben sie auf jeden Fall nicht bereut und sagen heute schmunzelnd: »Fertighaus kann jeder«.

Weitere Informationen www.boppehaus.blog oder via Instagram boppehaus.blog folgen.

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gikrei_wwL1013098_291122_4c © Imme Rieger
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Im frischen Glanz erstrahlt das historische »Boppehaus« der Familie Kane. © Imme Rieger

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