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»Finanzen sind das Entscheidende«

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Von: Volker Böhm

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Der Pohlheimer Politikwissenschaftler Ernst-Ulrich Huster ist einer der Autoren des dritten hessischen Sozialberichts mit dem Schwerpunktthema Alleinerziehende. Foto: Böhm © Böhm

Der Pohlheimer Politikwissenschaftler Ernst-Ulrich Huster hat sich für den dritten hessischen Sozialbericht mit der Situation von Alleinerziehenden beschäftigt.

Pohlheim. Knapp ein Fünftel der Menschen in Hessen sind Alleinerziehende. Ihre Lage ist sehr unterschiedlich, aber immerhin 45,2 Prozent von ihnen und ihre Kinder leben mit dem »Armutsrisiko«. Das heißt: Sie befinden sich an der Schwelle zur Armut oder sind längst mitten drin. Viele sind arbeitslos, arbeiten nur Teilzeit oder sind im Niedriglohnsektor beschäftigt. Zusammen mit Unterhalt, Kindergeld, Kinderzuschlag und Wohngeld kommen sie nur knapp über das Niveau des Bürgergeldes. In der Folge wachsen die Kinder unter schlechteren Bedingungen auf, was negative Folgen für deren Bildung und Teilhabe hat. Diese nachdenklich machenden Erkenntnisse stammen aus dem dritten Hessischen Sozialbericht, den Sozialminister Kai Klose (Grüne) kürzlich vorgestellt hat. Alleinerziehende sind diesmal das Schwerpunktthema - wobei dies angesichts von nicht mal 30 von 364 Seiten eher relativ zu verstehen ist. Auch ein Experte aus dem Landkreis Gießen hat an dem Bericht - wie bereits an den ersten beiden - mitgearbeitet: Professor Dr. Ernst-Ulrich Huster aus Pohlheim. Der Anzeiger traf den 77-jährigen Politikwissenschaftler zum Interview.

Wie viele Alleinerziehende kennen Sie persönlich und wissen über deren Lebensumstände Bescheid?

(überlegt lange) Auf die Frage war ich nicht gefasst. Also ehrlich gesagt; Die, die ich kannte, waren relativ schnell wieder verbandelt. Im Bekannten- und Freundeskreis von mir und meiner Frau hat es relativ wenig Scheidungen gegeben. Gegenüber von uns lebt eine Frau, die alleinerziehend ist. Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich Alleinerziehende mehr aus der Literatur kenne.

Dann allgemein gefragt: Wie geht es Alleinerziehenden in Hessen?

Die Gruppe ist sehr heterogen. Man hat meistens das Bild der armen Alleinerziehenden im Kopf. Aber ich habe auch eine gut ausgebildete Akademikerin interviewt. Alleinerziehende werden im Steuerrecht ungerecht behandelt. Sie benötigen Kinderbetreuung auch in den Randzeiten und sie fühlen sich überfordert, weil sie alles alleine regeln müssen, was man sich sonst mit einem Partner teilt. Diese Punkte ziehen sich durch alle Interviews.

Was war Ihre Aufgabe beim dritten Hessischen Sozialbericht und wie sind Sie vorgegangen?

Meine Aufgabe war, mit Betroffenen zu sprechen. Ich habe zunächst die Internetseiten aller Landkreise, von Diakonischen Werken, Caritas und Paritätischem Wohlfahrtsverband nach Angeboten für Alleinerziehende durchforstet. Außerdem hatte ich eine große Untersuchung des Verbandes alleinerziehender Mütter und Väter in Hessen. Von den Institutionen sind mir 15 Betroffene, darunter auch zwei Männer, für Interviews vermittelt worden.

Welche Kernergebnisse liefert der Bericht?

Das Entscheidende ist die finanzielle Situation. In vielen Fällen wird der Unterhalt nicht oder nicht vollständig gezahlt. Und als Betroffene hat man das Problem, dass man nachweisen muss, kein Geld bekommen zu haben anstatt andersherum. Von einer Beratungsstelle der Diakonie habe ich erfahren, dass 30 bis 40 Prozent der Bescheide, ob vom Arbeitsamt oder Sozialamt, fehlerhaft waren. Die Anrechnungsmodalitäten der unterschiedlichen Leistungen sind so kompliziert, dass selbst die Sachbearbeiter bei den Behörden teilweise überfordert sind. Daraus resultierte in allen Interviews die Forderung nach einer Kindergrundsicherung. Die Betroffenen haben sehr großen Bedarf nach Hilfe bei alltäglichen Dingen wie Einkaufen und Wäsche machen. Den Kindern einen Urlaub ermöglichen zu können, wurde auch als Wunsch genannt. Eine Mutter hat mir gesagt: »Wir werden als stark angesehen. Wir sind auch stark, aber wir sind erschöpft.«

Warum sind Alleinerziehende so stark vom Armutsrisiko betroffen?

Viele von ihnen leben in Großstädten wie Frankfurt. Da braucht man ein ganzes Einkommen, um die Miete zu finanzieren. Dabei gibt es 20 Prozent der Betroffenen, die eine geringe Qualifikation haben und mit ihrem Einkommen nicht über die Mindestsicherungsgrenze kommen. Und wenn diese Menschen kleine Kinder haben, können sie nicht Vollzeit arbeiten.

Sind die Bedingungen für Alleinerziehende in der Stadt mit mehr ÖPNV und flexibleren Kita-Öffnungszeiten, aber höheren Mieten besser als auf dem Land mit geringeren Lebenshaltungskosten und besserem Sozialgefüge, aber schlechterem ÖPNV und weniger Betreuungsangeboten?

Das kann man so nicht sagen. Für Wohlhabende ist sicher besser, in der Stadt zu leben. Außerdem gibt es dort viel mehr Angebote für Alleinerziehende, in Frankfurt füllen diese eine ganzen Ratgeber. Aber für arme Menschen sind die finanziellen Bedingungen in der Stadt restriktiver.

Ist die Lage bei alleinerziehenden Müttern und Vätern unterschiedlich?

Ja. Es gibt eher dafür Verständnis, wenn ein Mann eine volle Stelle hat und die Kinderbetreuung irgendwie organisiert. Ich habe einen Kellner interviewt, der seinen Vermieter dazu bekommen hat, Leihopa zu spielen. Alleinerziehende Väter können auch stärker ihre Familie zur Mithilfe mobilisieren. Aber sie sind auf diese Rolle nicht vorbereitet. Sie brauchen ganz praktische Unterstützung.

Welche Schlüsse zur Verbesserung der Lage müssten aus dem Sozialbericht gezogen werden?

Wir brauchen eine Kindergrundsicherung mit einem einfachen Genehmigungsverfahren. Ich nehme eher in Kauf, dass es Mitnahmeeffekte gibt, als dass diejenigen, die es wirklich brauchen, darauf verzichten, weil der Antrag zu kompliziert ist. Wichtig ist auch eine vernünftige Kinderbetreuung, denn Alleinerziehende haben es schwerer, bestimmte Erziehungsaufgaben zu übernehmen. Es kommt da nicht nur auf die Quantität, sondern die Qualität an. Wir brauchen Entlastungselemente für Alleinerziehende. Das ist kommunal sicher nur ehrenamtlich zu organisieren. Ich meine damit eine Generationenbrücke wie in Linden, Selbsthilfegruppen oder Leih-Omas und -Opas. Da es bei den Betroffenen große Erschöpfungszustände gibt, sind präventiv Kuren zusammen mit den Kindern sehr wichtig. Mir hat ein Vater erzählt, dass er viermal Widerspruch einlegen musste, bis die Krankenkasse die Kur genehmigt hat. Für ein so wohlhabendes Land ist das nicht akzeptabel.

Betroffene, Verbände und Selbsthilfegruppen haben gefordert, dass das Steuerrecht geändert wird, dass also Alleinerziehende den Paar-Eltern gleichgestellt werden. Sehen Sie dafür eine Chance?

Das wäre steuerrechtlich eine Revolution und man müsste damit im Grunde das schwedische Steuerrecht übernehmen, in dem es keine Steuerklassen gibt. Jeder wird besteuert - unabhängig von seinem Status. Ich stimme der Forderung zu, denn wenn Alleinerziehende steuerrechtlich nicht mit Paaren gleichgestellt werden, bleiben Diskriminierungstatbestände. Angesichts meines fortgeschrittenen Alters werde ich das nicht mehr erleben.

Was kann in Pohlheim für Alleinerziehende getan werden?

Wir werden uns mit dem Thema »Präventionsketten« beschäftigen. Damit ist gemeint, dass von der frühkindlichen Erziehung bis zum Berufseintritt alle daran beteiligten Institutionen in eine Arbeitsgemeinschaft eintreten und den Weg des Kindes oder Jugendlichen begleiten und nicht jedes Mal eine neue Anamnese angestellt werden soll. Beispiele dafür gibt es in Kassel, Wiesbaden oder Weiterstadt. Dann die bereits angesprochene Generationenbrücke. Und last but not least: Kitas, Kitas, Kitas.

Ernst-Ulrich Huster ist 77 Jahre alt und stammt aus Welbsleben, einem kleinen Ortsteil der Stadt Arnstein in Sachsen-Anhalt. Als Siebenjähriger verließ er mit seinen Eltern die DDR. Huster ist Politikwissenschaftler und Hochschullehrer. Er arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Professor für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialpolitik an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum und als Privatdozent für Politikwissenschaft am Fachbereich für Sozial- und Kulturwissenschaften der Justus-Liebig-Universität Gießen. Huster publiziert vor allem zur Sozial- und Verteilungspolitik, Sozialethik und politischen Soziologie. Er gilt als einer der Pioniere der Reichtums- und Armutsforschung im deutschsprachigen Raum und wirkte unter anderem als Gutachter am ersten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung sowie an den drei Sozialberichten Hessens mit. Huster ist SPD-Mitglied und gehört dem Pohlheimer Stadtparlament an. Er hat zwei erwachsene Kinder und zwei Enkel. (red/vb)

Mit der Kindergrundsicherung will die Bundesregierung Familien stärken und Kinder aus der Armut holen. Bundesfamilienministerin Lisa Paus hat Eckpunkte vorgelegt: Vorgesehen sind ein einkommensunabhängiger Garantiebetrag als Ersatz für das Kindergeld, der für alle Kinder und Jugendlichen gleich hoch ist, und ein vom Elterneinkommen abhängiger, nach dem Alter gestaffelter Zusatzbetrag. Die Kindergrundsicherung soll 2025 kommen. (vb)

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