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Flüssiges Gold im Glas

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Von: Klaus Kächler

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Mit routinierten Handgriffen bedient Helga Zerb die Hydraulikpresse. Nur durch die ehrenamtliche Mitarbeit der OGV-Mitglieder wird die Kelterei in Langsdorf möglich gemacht. © Red

Kreis Gießen . Was für Alchemisten seit ewigen Zeiten ein Traum geblieben ist, wird derzeit überall im Landkreis praktiziert: Es ist Kelterzeit und und in vielen Hinterhöfen rattern die Saftpressen, um aus reifen Äpfeln flüssiges Gold zu machen.

So auch im »Schneppenhain« in Langsdorf, wo der hiesige Obst- und Gartenbauverein (OGV) seine Presse stehen hat. Seit 30 Jahren tut die große Hydrauligpresse hier schon ihren Dienst. Wie an jedem Freitag und Samstag der letzten Wochen herrscht wieder viel Betrieb, denn von hier kann man nicht nur den Saft der eigenen Äpfel mitnehmen, wer möchte, kann sich den leckeren Most auch gleich per »Bag-in-Box« haltbar machen und in Fünf-Liter-Kartons fix und fertig abfüllen lassen.

»Als damals die Presse angeschafft werden sollte, waren viele Mitglieder skeptisch«, erinnert sich Helga Zerb, die heutige Vorsitzende des OGV 1881 Langsdorf. Immerhin habe man dafür 20 000 D-Mark investieren müssen, was dem kompletten Vereinsvermögen entsprochen habe. So sei der Kauf auch bei der Jahresversammlung knapp abgelehnt worden.

Da der damals »junge Vorstand« aber von seiner Idee so überzeugt gewesen sei, habe man kurzerhand im Sommer eine Sondersitzung einberufen, als die größten Skeptiker im Urlaub waren, schildert Helga Zerb mit einem Schmunzeln. Prompt sei der Antrag angenommen worden und noch im selben Jahr habe man mit der neuen Presse gekeltert - mit großem Erfolg.

»Heute sind wir froh, dass wir sie haben«, so die Vorsitzende. Immerhin verschafften die Einnahmen aus der Kelterei dem Verein viel finanziellen Spielraum für seine zahlreichen Aktivitäten.

Mit den Jahren kamen weitere Komponenten hinzu, die das Keltern immer attraktiver machten. Etwa ein »Elevator«, der die Äpfel aus einer Wanne nach oben transportiert, sie dabei wäscht und als Mus wieder ausspuckt. Dieser kann dann direkt auf den Lagen der Presse verteilt werden.

Ebensfalls steigender Nachfrage erfreue sich das »Bag-inBox«-System. »Viele haben heute weder Zeit noch Platz, um selbst noch Apfelsaft einzukochen«, erläutert Helga Zerb.

Allerdings steckt auch viel Arbeit dahinter: Das »Personal« an der Presse arbeitet ehrenamtlich. Die Mitglieder sind zum Teil bis in die späten Abendstunden auf den Beinen, um das Angebot am Laufen zu halten.

Die Räumlichkeiten in einem alten Stallgebäude im Hinterhof stellt Anja Köhler dem Verein zur Verfügung.

Wenn die Presse erstmal läuft, wird es hektisch, dann müssen die Kunden ihren Saft in mitgebrachte Behälter und/ oder die vorhandenen Fässer abfüllen.

Schon der erste Probeschluck überzeugt: Der frische Most schmeckt in diesem Jahr besonders süß und fruchtig.

»Die Äpfel sind zwar kleiner als in den Vorjahren, aber die Ausbeute ist die gleiche wie üblich. Und der Most ist in diesem Jahr zuckersüß«, so Zerb. Und das sei die beste Voraussetzung für einen guten Äppler, so die Expertin.

Doch vor dem Genuss steht die Arbeit. Mit Kind und Kegel geht es früh hinaus aufs Obstbaumstück. In Körben und Eimern werden die von den Bäumen geschüttelten Äpfel aufgelesen. Dass dies durchaus Spaß machen kann, zeigen die Kinder: Schon die jüngsten sind eifrig bei der Sache.

Die prall gefüllten Säcke müssen dann zur Kelterei gebracht werden.

Im Landkreis gibt es viele Obst- und Gartenbauvereine, aber auch Naturschutzgruppen, die aus den eigenen Äpfeln frischen Most machen. Am besten, man fragt vor Ort einfach nach.

In Langsdorf hat das Keltern eine lange Tradition. Doch der OGV bietet auch Schnittlehrgänge auf einer vereinseigenen Streuobswiese mit 60 Obstbäumen an,

Streuobstwiesen sind Lebensraum für Vögel, Insekten und Spinnen, aber auch Säugetiere wie Fledermäuse, Siebenschläfer und Gartenschläfer fühlen sich dort wohl. Wer einen Obstbaum pflanzen will, wird übrigens auch vom Landkreis unterstützt: Es werden 50 Euro pro hochstämmigen Obstbaum gezahlt, bei maximal 10 Stück subventionierbaren Hochstämmen pro Antragsteller und Jahr. (www.lkgi.de/umwelt-bauen-und-entsorgung/naturschutz/streuobstwiesen)

Der OGV Langsdorf hat derzeit 160 Mitglieder. Der Mitgliedsbeitrag beträgt sechs Euro im Jahr. Bis einschließlich Ende Oktober bietet der Verein jeweils freitags und samstags Keltertermine an. Diese können per Telefon unter 06404/ 4070360 ausgemacht werden.

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In der Mostpresse wird aus den reifen Äpfeln flüssiges Gold. © Klaus Kächler

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