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Für einen Moment ist er nur noch Sohn

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Von: Ingo Berghöfer

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Lehrer Jens Hausner (l.), der den Besuch von Angehörigen früher in Londorf lebender jüdischer Bürger organisiert und eine Ausstellung über elf jüdische Londorfer Familien kuratiert hat, erläuterte dem Präsidenten der Harvard-Universität, Lawrence Bacow, und dessen Schwester Lainey Details des Hauses, in dem ihre Mutter Ruth Wertheim bis zu deren Deportation am 14. September 1942 gelebt hatte. Foto: Berghöfer © Berghöfer

Harvard-Präsident Lawrence Bacow, dessen Mutter aus Londorf kommt, diskutierte mit Lollarer Schülern.

Lollar. Lawrence Seldon Bacow ist ein Mann, der es eigentlich gewohnt ist, mit den Mächtigen dieser Welt wie Xi Jinping, Barack Obama oder Angela Merkel auf Augenhöhe zu parlieren. Doch als er am Mittwoch in der voll besetzten Aula der Clemens-Brentano-Europa-Schule (CBES) den dort versammelten Schülern von seiner Mutter erzählt, verliert er kurz die Fassung und die Tränen schießen in seine Augen.

Bacows Mutter Ruth Wertheim war die einzige Angehörige der kleinen jüdischen Gemeinde, die die Deportation am 14. September 1942 überlebt hatte und nach einer Odyssee durch die Konzentrationslager Theresienstadt und Auschwitz sowie einem Sklavenarbeitslager in Schlesien und nach einem mehrere hundert Kilometer langen Fußmarsch schließlich wieder zurück nach Londorf kam. Das Dorf wurde der damals 18-Jährigen nicht mehr zur Heimat. »Meine Mutter wollte ihre deutsche Vergangenheit hinter sich lassen und nur noch Amerikanerin sein«, berichtet Bacow den mehreren hundert Schülern, die sich in der Aula der CBES versammelt haben. Das habe sich erst mit der Geburt ihrer Enkel und einer Herzattacke geändert. Im Wissen um die eigene Endlichkeit habe sich Ruth Bacow, geborene Wertheim, wieder für ihre Wurzeln im Lumdatal geöffnet.

Akribisches Gedenken

Acht Nachfahren von aus Londorf vertriebenen Juden und einige Angehörige sind an diesem Tag nach Londorf gereist, um der feierlichen Enthüllung der Gedenk-Stelen für ihre Angehörigen beizuwohnen. Es ist eine Reise in ein verändertes Deutschland, das sich seiner Vergangenheit stellt und sie nicht mehr verdrängt wie noch in den Jahrzehnten nach dem Krieg. Auf elf Hinweistafeln hat der CBES-Lehrer Jens Hausner in Zusammenarbeit mit der Digitalen ErinnerungsWerkstatt Kelkheim akribisch alle Infomationen über die Simons, Blumenthals oder Wertheims zusammengetragen, die sich in Archiven und Augenzeugenberichten finden ließen. Es ist ein nicht minder eindrucksvolles Memorial wie die steinernen Stelen geworden und wird ab Sonntag von 15 bis 17 Uhr zum ersten Mal im Museum der Rabenau zu sehen sein, das an diesem Tag auch zum ersten Mal seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie wieder seine Pforten öffnet.

Auch wenn die Kinder und Enkel der früheren Londorfer mit leuchtenden Augen auf den alten Fotos ihrer Angehörigen verweilen, ist der Blick der meisten Teilnehmer an dieser Gedenkfeier doch nach vorne gerichtet. »Wir können leider nicht die Vergangenheit ändern, aber wir können die Zukunft gestalten«, sagt der Gastgeber und CBES-Schulleiter Andrej Keller in seiner Begrüßungsansprache. Bacow greift diesen Gedanken auf. »Es ist nie zu spät, das Richtige ´zu tun« sagt er und erinnert daran, dass das oberste Gebot des Talmud an den Menschen ist, Mitzwa zu tun, was man am besten mit guten, gottgefälligen Taten übersetzen kann.

Und noch einmal erinnert der Ehrengast an seine Mutter, die nicht wie viele andere Holocaust-Überlebende ihre Traumata an die nächste Generation weitergegeben habe. »Mutter hat uns zur Freiheit erzogen«, sagt der 71-Jährige. Das sei nicht selbstverständlich gewesen. Er berichtet von einer Freundin, die bei jedem Pubertätskonflikt von ihrer Muter zu hören bekam: »Musst du mir Kummer bereiten? Haben mir denn die Nazis nicht schon genug Kummer gemacht?«

Anschließend führte der Harvard-Präsident eine Podiumsdiskussion mit neun anfangs noch sichtlich nervösen Schülern, doch das legt sich schnell, denn Bacow versichert seinen Mitdiskutanten: »Ich beiße nicht.« Später steigen auch noch Schüler aus dem Saal in das Gespräch ein. »Wie wichtig ist Religion in Ihrem Leben?« will ein Schüler wissen. Er habe schon sehr früh gemerkt, dass er anders sei als seine Mitschüler, weil es in der Gegend, in der er aufgewachsen sei, nur wenige jüdische Schüler gab. Ein Übriges habe dann noch ein ebenso wohlmeinender wie übereifriger Lehrer getan, der seiner Klasse zum Beispiel einen Weihnachtsbaum verwehrte, weil er Larry nicht christliches Brauchtum vorsetzen wollte. »Da hat also die ganze Klasse wegen mir auf ihren Weihnachtsbaum verzichten müssen. Sie können sich vorstellen, wie ich mich da gefühlt habe.«

Sorge und Hoffnung

Gefragt von den Schülern, ob er einen ähnlichen Zivilisationsbruch wie im Dritten Reich auch heute für möglich hält, hat Bacow wenig Trost zu bieten. Er berichtet, wie er einmal das Genozid-Museum in Ruanda besichtigt habe, das nicht nur an den Völkermord im eigenen Land erinnere, sondern auch an andere Massaker wie etwa an den Armeniern im Osmanischen Reich. Aber auch das Erstarken weißer Suprematisten im eigenen Land während der Amtszeit Donald Trumps bereite ihm Sorgen. Er bange um die Zukunft des »großen Experiments Demokratie«. Und dann zitiert er Martin Luther King, der einmal gesagt hat, dass die an einem Ort geduldete Ungerechtigkeit, die Ungerechtigkeit der ganzen Menschheit sei.

Immer wieder lockert der Harvard-Präsident seine Ausführungen mit Weisheiten aus dem Talmud auf. Deren letzte ist ein großes Kompliment an seine jungen Gesprächspartner: »Ich habe viel von meinen Lehrern gelernt, mehr noch von meinen Kameraden, aber das meiste habe ich von meinen Schülern gelernt.«

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