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Geschlossen - und doch offen

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Künstlerin Meike Redeker vor den Bildschirmen von »Sorry, we’re closed«. © Schultz

Medienkünstlerin Meike Redeker holt mit ihrer Ausstellung im Neuen Kunstverein Gießen den Kiosk-Charakter zurück

Gießen. Einen auf den ersten Blick missverständlichen Titel trägt die aktuelle Ausstellung im Neuen Gießener Kunstverein. In »Sorry, we’re closed« verwandelt die Künstlerin Meike Redeker den ehemaligen Kiosk optisch einerseits zurück in einen solchen. Zugleich ändert sie seine Bestimmung, indem sie eine Paketstation hinzufügt. Ziemlich kryptisch? Auf der Vernissage am Samstag fügte sich alles doch ganz einleuchtend zusammen.

Medienkunst

Meike Redeker, Jahrgang 1983, studierte in Istanbul Grafikdesign. und erwarb 2012 ihr Diplom in Kommunikationsdesign an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. 2015 kam das Diplom Freie Kunst dazu. Redeker, die in Berlin lebt, hat sich im Laufe ihres Studiums auf Medienkunst spezialisiert und arbeitet inzwischen als freie Künstlerin in diesem Feld. Wie alle Gastkünstler hat auch sie sich konkret auf den Kunstvereinskiosk als Ort und einstige Institution inhaltlich eingelassen und ihre Arbeit gleichsam maßgerecht auf ihn zugeschneidert. Bei der Planung stand noch nicht fest, ob eine normale Eröffnung im Inneren stattfinden kann. So legte man der Künstlerin nahe, doch eine Arbeit zu schaffen, die man von außen wahrnehmen kann. So kam auch die Idee zum Titel auf, »Sorry, we’re closed«. Das erinnerte Redeker an Schilder, die man in Läden auf der ganzen Welt sehen kann, natürlich auch in Kiosken. »Ich hab eine Vorliebe für die, ich mag diese alten Kioske im Tante-Emma-Laden-Stil,« sagte Redeker. »Ich fand es reizvoll, durch die Bildschirme in den Verkaufsfenstern Einblicke in die Tätigkeiten oder Situationen zu vermitteln, die hier möglicherweise stattfinden könnten.«

Das Erste, was auffällt, sind die drei großen Bildschirme in den Fenstern. Auf denen sieht man Aktionen, die typisch sind für einen klassischen Kiosk: drei Leute räumen Artikel aus den Regalen - der Raum des Kunstvereins ist wieder zum Kiosk geworden. Schaut man an den Monitoren vorbei, wird im Innenraum ein Postlager sichtbar, eine Ergänzung, die heute viele Läden aufweisen. Dort räumt jemand gerade Pakete ein - das Lager wird immer voller, während der Kiosk sich leert. Insofern ein direkter Zeitbezug, wo viele Läden sich an dem beteiligen, was ihnen bislang Schaden zugefügt hat, der Konkurrenz des Internethandels. Der steigt auf, während viele Kioske schließen.

Massenware und Identität

»Ich fand es auch für die Arbeit interessant, dass in diesem Kiosk jetzt beides vereint ist,« fügte Redeker hinzu, »letzten Endes ist das Massenware, die auf der ganzen Welt immer gleich aussieht. Das eignet sich gut für filmische Illusionen und Verdichtungen.« So scheint es zum Beispiel, als reichten die Personen in den verschiedenen Bildschirmen sich zuweilen gegenseitig etwas zu, es gibt keinen Moment des Stillstands. Das Ausräumen bezieht sich darauf, dass der hiesige Kiosk nicht mehr existiert und viele andere Kioske schließen müssen. Redeker: »Im Moment ist ja nicht der Tante-Emma-Laden das was boomt, sondern der Onlinehandel. Mich interessiert dabei der Trend.« Massenware ist ein Begriff, mit dem Redeker bereits arbeitet, ebenso wie Identität - »wie uns die Systeme formen, von denen wir umgeben sind. Und ich habe den Eindruck, dass wir immer gleicher werden, weil wir alle die gleichen Geräte und Waren konsumieren, woraus sich wieder gleiche Handlungen ergeben.« Bei »Sorry« sind auch »Illusionen und das Spiel mit ihnen ein wichtiger Aspekt,« so die Künstlerin.

Die Videos dauern etwa sechs Minuten, wobei es wichtig ist, mindestens zwei gleichzeitig zu sehen. Dann fällt der choreografierte Schnitt auf, in dem die Bewegungen der Figuren miteinander zu kommunizieren scheinen.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 5. März im Neuen Kunstverein, Ecke Licher Straße/Nahrungsberg.

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