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»Große Steine angepackt«

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Bürgermeister Michael Ranft vor seinem Arbeitsplatz. Der Erker im zweiten Stock gehört zu seinem Büro. Foto: Böhm © Böhm

Busecks Bürgermeister Michael Ranft ist seit etwas mehr als acht Monaten im Amt. Im Interview spricht er über lange Arbeitstage, die Finanzen und Windräder.

Buseck. Lange Arbeitszeiten ist Michael Ranft aus seiner Zeit als Rechtsanwalt gewöhnt. »Es gab Tage, da bin ich nachts um 2 Uhr aus dem Büro. Selten war es früher als 22 Uhr.« Das Amt als Busecker Bürgermeister fordert den CDU-Politiker zeitlich ähnlich stark. Kürzlich begann ein Arbeitstag um 9 Uhr und endete nach Mitternacht. Etwas mehr als acht Monate ist der 46-Jährige nun im Amt und muss sich mit vielen Herausforderungen und wichtigen Themen beschäftigen: die finanzielle Lage der Gemeinde, die Kinderbetreuung, die steigenden Preise nicht nur für Energie und die umstrittenen Pläne für einen Windpark in Oppenrod. Also ausreichend Themen für ein ausführliches Interview.

Würden Sie sagen, dass Sie in der Rolle als Bürgermeister angekommen sind?

Ja, das war im Prinzip schon in der ersten Woche der Fall. Es gibt zwar eine Eingewöhnungszeit, aber vom ersten Tag an gibt es Dinge, die man entscheiden muss.

Wie fällt Ihre persönliche Bilanz nach etwas mehr als acht Monaten aus?

Eigentlich positiv. Ich weiß, dass Entscheidungsprozesse in der Politik lange dauern. Aber ich glaube, wir haben schon eine Menge große Steine angepackt. Die Großprojekte wie die Wieseckinsel, die Baugebiete oder der Kunstrasenplatz in Beuern stehen alle auf der Tagesordnung. Ganz wichtig ist, dass wir mehr Personal für die Verwaltung bekommen. Die Gemeinde hat circa 180 Mitarbeiter, mehrheitlich in den Kindergärten. In der Kernverwaltung sind 35 Personen, der Bauhof soll auf 20 aufgestockt werden. Wir haben das Haupt- und Personalamt aufgestockt, das Team der Büchereien komplettiert, einen Azubi eingestellt. Es gibt wieder eine Mitarbeiterin in der Zentrale. Es fehlen unter anderem noch Techniker für die Bauabteilung.

Was hat Sie an dem Amt positiv, was negativ überrascht?

Positiv ist die Freundlichkeit, mit der ich aufgenommen wurde. Negativ sind Dinge, die für Ärger sorgen, die wir als Gemeinde aber nicht oder wenig beeinflussen können. Die Vollsperrung der Landesstraße nach Alten-Buseck wegen des Radwegebaus zum Beispiel. Das ist ein Projekt von Hessen Mobil, aber die Kritik daran fällt dem Bürgermeister vor die Füße. Auch ist es unbefriedigend, dass man in Sachen Verkehrsberuhigung so wenig machen kann. Wir hätten zum Beispiel gerne in manchen Bereichen innerorts Tempo 30 oder Querungshilfen am Rinnerborn, aber da gibt es rechtliche Hürden, die wir umschiffen müssen.

Wie schätzen Sie Ihren Bekanntheitsgrad ein?

Gute Frage. Ich denke, dass mich mittlerweile viele kennen. Die Öffentlichkeitsarbeit ist in den vergangenen Monaten zu kurz gekommen, aber es war mir wichtiger, bei den Sachthemen voran zu kommen als meine Popularität zu steigern.

Was ist aktuell die größte Herausforderung?

Die finanzielle Lage der Gemeinde. Wir hatten bei den Gewerbesteuereinnahmen mal einen Höchststand von 6,5 Millionen Euro. Im vergangenen Jahr waren es nur noch vier Millionen. Dieses Jahr sind wir ungefähr auf diesem Niveau, vielleicht etwas besser. Große Gewerbesteuerzahler haben investiert, sodass der Gewinn sank und damit auch die Gewerbesteuer. Wir versuchen gerade, die Flächen im Flößerweg zu vermarkten. Die Firma Heyman Manufacturing wird aus Gießen nach Alten-Buseck umsiedeln. In der Zeilstraße sind die letzten zwei Flächen an Handwerksbetriebe von außerhalb verkauft worden.

Wie sieht es mit den steigenden Energiekosten aus?

2021 haben wir für die gemeindlichen Liegenschaften ohne Straßenbeleuchtung 650 000 Euro im Haushalt gehabt. In diesem Jahr haben wir vor dem Ukraine-Krieg auf 855 000 Euro aufgestockt. Aber diese Zahl ist Utopie, da Mehrkosten von einer Million oder mehr zu erwarten sind.

Welche Konzepte gibt es, um Energie zu sparen?

Wir haben schon vor vielen Wochen im Gemeindevorstand einen Aktionsplan beschlossen. Mitarbeiter der Bauabteilung haben sich mit örtlichen Installateuren alle unsere Liegenschaften angeschaut. Wir können fast nirgendwo etwas machen, denn wir sind überall auf Gas angewiesen. An zwei Gebäuden könnten wir theoretisch Flüssiggastanks aufstellen. Die Absenkung der Heiztemperatur in der Verwaltung, den Feuerwehrgerätehäusern oder Sporthallen ist schon beschlossen worden. Ob es nur noch kaltes Wasser zum Duschen gibt, müssen wir entscheiden. Außerdem ist das Ziel, dass sich alle Kreis-Bürgermeister auf ein einheitliches Vorgehen einigen und dass es keinen Flickenteppich gibt. Das bedeutet, dass mögliche Hallenschließungen, Temperaturabsenkungen oder kaltes Wasser zum Duschen in allen Kommunen einheitlich festgelegt werden. Ich denke, dass wir uns da auf ein Gesamtkonzept einigen werden.

Die Betrugsfälle haben sicherlich für große Verunsicherung unter den Verwaltungsmitarbeitern gesorgt. Wie hat sich das nach dem Prozess gegen den Ex-Mitarbeiter verändert, zumal ja wegen weiterer Verdachtsfälle erneut Anzeige erstattet worden ist?

Die Situation wird langsam besser. Allerdings ist es schlecht angekommen, dass das Gericht so getan hat, als ob es eine Mitschuld der anderen Mitarbeiter gebe. Bei den anderen Fällen wird gerade geprüft, ob das strafrechtlich relevant ist. Es geht um eine unbenannte Anzahl von Fällen und da stellt sich die Frage der Nachweisbarkeit. Es sind Rechnungen gefunden worden, die nicht zuzuordnen sind, die nicht für die Gemeinde sind. Wir stochern im Nebel, weil wir nicht wissen, wo wir ansetzen sollen. Wir haben getan, was wir tun müssen. Alles andere muss die Staatsanwaltschaft entscheiden.

Wie hat sich seit Ihrem Amtsantritt das Klima in der Gemeindevertretung entwickelt?

Sehr positiv. Das Busecker Parlament ist fachlich hoch kompetent und es wird auf sachlicher Ebene diskutiert. Ich kann mich nicht beklagen. Es ist in Ordnung, wenn Themen kontrovers diskutiert werden, schließlich geht es um das Wohl der Gemeinde und den besseren Weg. Aber das Klima ist kollegial geprägt. Und im Gemeindevorstand würden Sie nicht merken, wer von welcher Partei ist.

Ein Dauerthema ist das Freibad. Wie ist der Stand der Dinge?

Realistisch ist eine Einweihung zur Saison 2024. Mit der Renaturierung der Wieseck soll im Herbst oder Winter angefangen werden. Die Ausschreibungen für das Edelstahlbecken, die Rutsche und die Technik haben Kostensteigerungen ergeben.

Sehen Sie die Gefahr, dass die Wiedereröffnung noch politisch gekippt wird?

Ich denke nicht. Allerdings wird in der jetzigen Krise vieles hinterfragt und es gibt Stimmen, dass man alles auf den Prüfstand stellen solle. Aber das Projekt ist eingebunden in das Stadtumbau-Förderprogramm und es ist bereits viel Geld für Planung ausgegeben worden.

Gibt es eine Einigung mit dem Hallenbadverein als geplantem Betreiber?

Wir haben Gespräche geführt und ich bin optimistisch, dass wir uns da einigen.

Wie schätzen Sie die Stimmungslage in der Bevölkerung zum geplanten Windpark bei Oppenrod ein?

Ich verstehe die Bedenken, die es in Oppenrod gibt. Ich habe auch größte Bedenken, Wald dafür zu opfern. Aber es ist laut Teilregionalplan Energie ein Vorranggebiet. Zwar eines der zweiten Kategorie mit geringerer Windhöffigkeit, aber noch brauchbar. Ich wusste, dass die Stadt Gießen dort Flächen hat und dass es auch Pläne für die private Fläche gibt. Ich habe dann Anfang des Jahres die Bürgermeister aus Gießen und Fernwald zu einem Gespräch eingeladen. Und seitdem sind wir im ständigen Kontakt. Wir haben die Landesenergieagentur hinzugezogen, um uns sachkundig zu machen, was wir tun können. Angedacht ist eine gemeinsame Ausschusssitzung aller Kommunen, um zu informieren. Vielleicht noch in diesem Jahr. Und wenn alle Parlamente für den Windpark stimmen, dann reden wir mit den Anbietern. Wichtig ist mir, dass wir uns nicht auseinanderdividieren und von den Interessen der Anbieter leiten lassen. Die Planung wird mehrere Jahre dauern und wir sind noch ganz am Anfang. Es ist noch nichts entschieden. Wenn wir da etwas machen, dann nur zusammen. Ganz wichtig ist neben der finanziellen Beteiligung der Kommunen auch die direkte Bürgerbeteiligung.

Wie wirkt sich das Amt auf Ihr Privatleben aus?

Es sind schon lange Wochen. Mein kleiner Sohn ist knapp zweieinhalb. Ich frühstücke mit ihm, aber wenn ich abends nach Hause komme, schläft er schon. Meine Frau bringt ihn öfter mal mit und besucht mich in der Verwaltung. Ab und zu nehme ich ihn mit zu Terminen, zum Beispiel zur Feuerwehr, das findet er toll. Oder er ist bei Kindergartenfesten dabei. Ich will die Dinge zeitnah abarbeiten. Wenn ich am Freitag die Verwaltung verlasse, dann ist mein E-Mail-Postfach leer, alle Mails sind beantwortet, alle Aufgaben verteilt, alle Anrufe erledigt. Bisher habe ich das hinbekommen.

Wie kompensieren Sie diese Arbeitsbelastung?

Im Moment gibt es gar keine Möglichkeit dazu, ich habe keine Zeit für Sport.

Eine der beliebtesten Fragen in jeder Bürgermeisterwahl an Externe lautet: Ziehen Sie denn nach Ihrer Wahl hierher? Wie sieht es bei Ihnen aus?

Wir wohnen weiterhin in Gießen. Ich habe nie versprochen, dass ich nach Buseck ziehe, weil es von vielen Faktoren abhängig ist. Im Moment gibt es nichts auf dem Markt. Manchmal werden mir Objekte vorgeschlagen, aber die sind selbst für einen Bürgermeister zu teuer. Wir würden nach Buseck ziehen, wenn wir etwas Passendes finden. Aber der Kleine geht in Gießen in den Kindergarten und da wollen wir ihn nicht rausreißen.

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