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Handarbeit, die ihren Preis hat

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Von: Ingo Berghöfer

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»Das war schon cool«: Als frischgebackener Meister erinnert sich Tristan Rothmann gerne an seine Ausbildungszeit zurück. © Ingo Berghöfer

Schießeisen handmade in Lollar. Tristan Rothmann absolviert eine ungewöhnliche Ausbildung. Er wird Büchsenmacher.

Lollar . »Hier jetzt bitte keine Fotos machen«, sagt Tristan Rothmann, als er die etliche Zentimeter dicke Stahltür zum Tresorraum öffnet. Potenzielle Einbrecher sollen nämlich keine Informationen über die Sicherheitsvorkehrungen erhalten, mit denen die PTW Korth Technologies GmbH im Gewerbegebiet Lollar zwar keine Schätze, aber sensible Produkte schützt. Sensibel, weil gefährlich, denn das, was dort in aufwendiger Handarbeit gefertigt wird, sind meist großkalibrige Handfeuerwaffen. Und Schätze sind diese Waffen auch,

Die Preise für eine »Korth« beginnen bei rund 4000 Euro, für das Spitzenmodell muss man 250 000 Euro zahlen. Wer kauft solche Waffen? Russische Oligarchen? Arabische Ölscheichs? Südamerikanische Drogenbarone?

Zu wertvoll zum Schießen

Man hört das Grinsen von Korth-Geschäftsführer Martin Rothmann durchs Telefon: »Internationale Investmentfonds. Solche Meisterwerke der Handwerkskunst landen nicht auf dem Schießstand, sondern in Bankschließfächern. Das sind keine Waffen, sondern Wertanlagen.«

Hergestellt werden diese Wertanlagen im Manufakturbetrieb von Handwerkern, deren Beruf nur noch selten ausgeübt wird, der aber auf eine lange Geschichte zurückblicken kann - der Büchsenmacher. Und der stellt keine Konservenbüchsen her, sondern schon seitdem Mitte des 14. Jahrhunderts das Schießpulver aus China nach Europa gelangte, Kanonen, Mörser und die namensgebenden Handbüchsen, Vorläufer des Gewehrs.

Die große Tradition des Berufs kann für junge Büchsenmacher schon mal zur Last werden. »Unsere Meisterprüfungsordnung stammt noch aus dem Jahr 1870«, meint Tristan Rothmann, »die könnte man schon etwas modernisieren.« Was denn zum Beispiel? »Die Ausbildungsvergütung«, kommt es wie aus einer Korth-Pistole geschossen, die könnte höher sein, lacht der 22 Jahre junge Meister. Allerdings gibt es Boni pro fertiggestelltem Revolver und auch beim Erreichen bestimmter Stückzahlen.

Büchsenmacher sind eine kleine Branche, die dementsprechend wenig gewerkschaftlichen Druck entfalten kann. »Das ist der Fluch der Büchsenmacher«, seufzt Rothmann Junior, der der bislang letzte Azubi im väterlichen Betrieb gewesen ist.

Auch »Korth« sucht wie die meisten Handwerksbetriebe Auszubildende. Wer sich für den Beruf des Büchsenmachers entscheidet, kommt in eine kleine, aber krisenfeste Branche. »Wir hatten keinen Tag Kurzarbeit in der Corona-Zeit«, sagt Rothmann. Auch sei man wie andere Branchen noch nicht von Materialengpässen und Lieferschwierigkeiten betroffen. In der von außen eher unscheinbaren Fertigungshalle lagert derzeit genug Material für zwei Jahre Produktion. Die hohen Sicherheitsstandards und strengen Kontrollen bemerkt man erst beim Betreten des Geländes. »Wir sind hier ein bisschen undercover im Gewerbegebiet«, sagt Rothmann, »das ist auch ganz gut so«.

Von einer Corona-Krise hätten die 27 Angestellten des Unternehmens jedenfalls nichts bemerkt. Im Gegenteil: »In der Pandemie hatten wir ein sehr gutes Geschäftsjahr«.

Das mag auch daran liegen, dass »Korth« den Löwenanteil seiner Waffen nicht in Europa verkauft. 78 Prozent der Produktion gehen in die USA. Der Rest verteilt sich auf Österreich oder die Schweiz sowie Frankreich und andere EU-Länder. Exportverbote gibt es dagegen für Länder, die auf einer schwarzen Liste der Bundesregierung stehen. »Das sind China, osteuropäische und muslimisch geprägte Länder sowie aktuell natürlich Russland.«

Käufer seien beispielsweise Zahnärzte, Bankmanager, aber auch Regierungen und Königshäuser, zählt der Büchsenmacher auf. Korth-Revolver sind in manchen Ländern gerne überreichte Staatsgeschenke für ausländische Würdenträger und Potentaten. So genau weiß Tristan Rothmann das aber nicht: »Wir beliefern den Fachhandel. Mit Endkunden haben wir eher weniger Kontakt. Sobald die Waffen unser Werk verlassen, haben wir damit nichts mehr zu tun. Das kann man nicht kontrollieren«.

»Korth« produziert nur Handfeuerwaffen vom Kaliber .22 über den .44er Magnum bis hin zum Kaliber .375. »Damit können Sie zur Not auch Dinosaurier killen«, lacht Rothmann.

Eignung auch als Feinmechaniker

Der Weg zu solch einem Schießprügel beginnt mit einem Stück Stahl, angeliefert als Block oder Stange. Für den jungen Rothmann ist es immer wieder faszinierend, aus diesen Klumpen Metall präzise und komplexe Mechaniken mit Toleranzen bis zu einem My zu schaffen - das ist ein Tausendstel Millimeter. Die Akribie, mit der ein Büchsenmacher zu Werke gehen muss, beginnt schon bei der Auswahl der Werkstücke. Die werden alle eingangs geröntgt, um von außen unsichtbare Schwachstellen frühzeitig zu erkennen.

Zwei bis drei Monate dauert die Produktion eines Revolvers. Die rund 70 Einzelteile, aus denen er besteht, werden zu 90 Prozent von Tristan Rothmann und seinen Kollegen in Lollar hergestellt. Nur die Beschichtung und Härtung der Waffen übernimmt ein Partnerunternehmen.

Welche Talente und Interessen sollte ein angehender Büchsenmacher mit in die Lehre bringen? »Interesse und Spaß an der Technik«, sagt Tristan. Ganz wichtig seien auch eine ruhige Hand und der Spaß, Probleme zu lösen. Auch Geduld und Gewissenhaftigkeit bei der Ausführung exakter Arbeiten seien sehr wichtig. »Und man muss team- und kritikfähig sein.«

Nun ist Büchsenmacher ein eher exotischer Beruf mit einem dementsprechend geringen Angebot an offenen Stellen. Dennoch müssen sich Absolventen dieses Orchideenfachs kaum Zukunftsorgen machen, sagt Rothmann. Mit den dort erworbenen Fähigkeiten kann man später auch als Feinmechaniker, Werkzeugmacher oder Uhrmacher arbeiten. Zudem ist der Wirkungskreis nicht auf Lollar beschränkt. Weil Korth als Hersteller hochwertiger Handfeuerwaffen mittlerweile auch in den USA, dem Mekka der Ballermänner, eine feste Größe ist, gehört die Teilnahme an der »Shot Show« in Las Vegas zu den festen Terminen im Jahreskalender. Auf der weltgrößten Messe für Schießgerät aller Art ist »Korth« Stammgast im »German Pavillon«.

Aber auch in der Berufsschulzeit erlebt man mehr als die meisten Azubis. Die Block-Ausbildung im baden-württembergischen Ehingen hat Tristan Rothmann noch in guter Erinnerung. »Man hat viel Spaß und lernt lauter neue Leute kennen.«

Die Ausbildungszeit zum Büchsenmacher beträgt in der Regel drei Jahre. Rechtlich ist keine bestimmte Schulbildung vorgeschrieben. In der Praxis verlangen Betriebe aber meist Azubis mit mindestens mittlerer Reife. Die Ausbildung findet dual in einem Meisterbetrieb und in einer Berufsschule statt. Derzeit existieren eine Berufsschule für Büchsenmacher in Ehingen an der Donau und eine Berufsfachschule für Büchsenmacher in Suhl. Die schulische Ausbildung erfolgt in zwölf Wochen Blockunterricht pro Lehrjahr in Ehingen, die in drei Blöcken à vier Wochen absolviert werden. Zu den fachbezogenen Unterrichtsfächern zählen Werkstofftechnik, Technische Mathematik, Informatik, Hydraulik, Pneumatik, SPS und CNC-Technik, aber auch Waffentechnik, Ballistik, Optik und die rechtlichen Grundlagen des Waffengesetzes. Zur Ausbildung gehört auch ein Schießpraktikum. Die Vergütung beträgt im ersten Ausbildungsjahr je nach Bundesland 585 bis 964 Euro und steigt bis zum dritten Ausbildungsjahr auf 790 bis 1080 Euro im Monat. (ib)

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