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Handwerklich geschickter Minister

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Von: Petra A. Zielinski

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Dominik Philipp (r.) zeigt Tarek Al-Wazir (l.) und Frank Martin, wie man einen Minidurchlauf-erhitzer auseinander- und wieder zusammenbaut. Foto: Zielinski © Zielinski

In Lich hieß es im Wettstreit Al-Wazir versa Azubis. Der handwerklich geschickte Minister musste sich dennoch geschlagen geben.

Lich (paz). »Es gibt keine bessere Versicherung gegen Arbeitslosigkeit als eine abgeschlossene Berufsausbildung«, betonte Tarek Al-Wazir. Anlässlich der Veröffentlichung der hessischen Arbeits- und Ausbildungsmarktzahlen für Oktober 2022 (siehe auch Seite 21 für regionale Zahlen) besuchte der Hessische Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen die Walz Gebäudetechnik GmbH in Lich. Um im von Unsicherheit geprägten Arbeitsmarkt Auszubildende zu gewinnen, müsse ein Unternehmen aktiv werden, so der Minister. Die etwa 140 Mitarbeiter zählende Walz GmbH sei ein leuchtendes Beispiel dafür.

»Schon seit Unternehmensgründung vor 140 Jahren ist die Ausbildung eine zentrale Säule, um langfristig Fachkräfte zu gewinnen«, unterstrich Geschäftsführer Hans-Heinrich Walz. Das Unternehmen kooperiert mit Schulen, nimmt regelmäßig an Ausbildungsmessen teil und ist in sozialen Netzwerken präsent. Ausbildungen werden in den Berufsbildern Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik, Anlagenmechaniker Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, Technische Systemplaner sowie Kaufleute im Büromanagement angeboten.

Campus in Planung

Mit dem »Walz-Campus« plant das Unternehmen nun einen eigenen Ausbildungsbereich mit Übernachtungsmöglichkeiten für Auszubildende. »Wir haben bisher sehr gute Erfahrungen mit Immigranten gemacht«, erklärt Walz. Einzig die sprachliche Barriere gelte es durch intensive Schulung zu überwinden. Aktuell kämen die meisten Auszubildenden aus der Region. So auch die beiden Fachabiturienten Tom Luca Stein und Jakob Heß. »Ich wollte gerne etwas lernen, das auch in Zukunft gebraucht wird«, berichtet Heß, der sich im zweiten Lehrjahr zum Anlagenmechaniker befindet. »So wird es immer Häuser geben, die einen Wasseranschluss brauchen.« Tom Luca Stein ist über eine Jahrespraktikum zu Walz gekommen. Wichtig ist sowohl Hans-Heinrich Walz als auch dem zweiten Geschäftsführer, Marcel Jox, dass die Auszubildenden mit Engagement und Spaß bei der Sache sind. Wie beispielsweise Jox selbst, der 2002 als Auszubildender bei Walz seine Karriere begonnen hat.

Dominik Philipp, Meister und Ausbilder im Unternehmen, hat 2014 seine Ausbildung bei Walz als Innungsbester abgeschlossen und belegte unter anderem 2019 den vierten Platz bei der Weltmeisterschaft der Berufe in Russland. »In Hessen gibt es keine Sackgasse mehr«, akzentuierte Tarek Al-Wazir. »Wer sich für eine duale Ausbildung entscheidet, legt sich nicht bis ans Lebensende fest, sondern hält sich alle Karrierewege, bis hin zum Studium, offen.« So könnten beispielsweise abgeschlossenen Berufsausbildungen beziehungsweise eine mehrjährige Berufserfahrung die fachgebundene Hochschulreife ersetzen.

Leider würden sich immer weniger Schüler für eine duale Ausbildung entscheiden. In diesem Zusammenhang verwies der Minister auf die Nachwirkungen der Corona-Pandemie, in der Ausbildungsmessen und andere Aktivitäten zur Berufsorientierung nicht stattfinden konnten. Er appellierte an die Betriebe, weiterhin aktiv um junge Menschen zu werben. Ein guter Weg seien Praktika, denn »nichts ist so überzeugend wie die persönliche Erfahrung.«

»Wo heute Ausbildungsplätze nicht besetzt werden können, fehlen die dringend benötigten Fachkräfte von morgen«, stimmte Dr. Frank Martin, Leiter Bundesagentur für Arbeit, Regionaldirektion Hessen, zu. Die Chancen, einen Ausbildungsplatz zu finden, ständen so gut wie lange nicht mehr.

Während es 2017/18 für 43 038 Bewerber 38 346 Ausbildungsstellen gegeben hätte, seien 2021/22 35 590 Ausbildungsstellen auf 33 722 Bewerber gekommen.

Immer mehr wollen studieren

»Die Schere zwischen Ausbildungsangeboten und nachfragenden Jugendlichen klafft immer weiter auseinander«, bedauerte er. Schuld daran sei nicht nur der demografische Wandel, sondern auch, dass sich immer mehr junge Menschen für einen Studienabschluss entschließen würden. »Um eine Verschärfung des Fachkräftemangels zu vermeiden, muss es uns gelingen, die duale Ausbildung bei Schülern und deren Eltern wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken.«

Während zum Stichtag 30. September noch 1700 Bewerber unversorgt gewesen seien, suchten noch viele Unternehmen händeringend Auszubildende.

Jeder zehnte Platz unbesetzt

»Jeder zehnte Ausbildungsplatz in Hessen - insgesamt 3611 - ist 2022/23 noch nicht besetzt«, führte Martin aus.

»Obwohl die Pandemie ganze Wirtschaftsbereiche stillgelegt hat, haben wir aktuell mehr Sozialversicherungspflichtige als davor«, freute sich Al-Wazir. Dies mache Mut, auch weitere Krisen überstehen zu können. »Die Unternehmen halten an ihren Arbeitskräften fest, sind aber weniger gewillt neue einzustellen«, erklärte Dr. Frank Martin, der davon ausgeht, dass sich die verhaltene Einstellungsbereitschaft auch in den nächsten Monaten weiter bemerkbar machen wird. »Die aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen bergen für viele Betriebe Risiken, die nur schwer abzuschätzen sind.«

Nach einer Betriebsbesichtigung stellten der Minister und der Leiter der Regionaldirektion ihr handwerkliches Geschick unter Beweis. Im Wettkampf mit den Auszubildenden Tom Luca Stein und Jakob Heß galt es einen Minidurchlauferhitzer zu demontieren und wieder neu zu montieren. Obwohl die beiden Laien ihr Bestes gaben, ging der Sieg klar an die Auszubildenden.

Tarek Al-Wazir, der eigenen Aussagen zufolge auch zuhause fast alles selbst repariert, erntete dabei großes Lob für seine professionelle Arbeit: »Bei Fachkräftemangel nimmt man doch gerne mal einen Minister.«

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