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Hebammen zahlen hohen Preis

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Vanessa Hildmann (l.) und Kim Spottog vom Geburtshaus Langgöns zählen zu den ganz wenigen Hebammen, die noch Hausgeburten anbieten. Foto: Rieger © Rieger

Gefragte Adressen: Wo Schwangere im Landkreis noch entbinden können.

Kreis Gießen . (imr)Im benachbarten Lahn-Dill-Kreis droht die Schließung der Geburtsstation in der Dill-Klinik in Dillenburg zum Jahresende, dagegen wird aktuell so heftig protestiert, dass die Schließung erst einmal vertagt wurde und die Klinik-Geschäftsführung vom Aufsichtsrat der Lahn-Dill-Kliniken beauftragt wurde, Optionen für den Fortbestand der Station zu suchen.

Wie stellt sich die Lage im Kreis Gießen aktuell für Schwangere und Hebammen dar? Der Anzeiger sprach darüber mit Martina Klenk aus Linden, Vorsitzende des Landesverbandes der Hessischen Hebammen.

»Von 1:1-Betreuung Lichtjahre entfernt«

»Die Zentralisierung geburtshilflicher Abteilungen an wenige große Kliniken wird systematisch vorangetrieben«, kritisiert die Hebamme. Leider hätten die verbleibenden Kreißsäle weder das Personal noch die räumlichen Kapazitäten, die zusätzliche Arbeitslast aufzunehmen, weiß sie aus ihrem Berufsalltag. Von der im Koalitionsvertrag angekündigten 1:1-Betreuung sei man dort Lichtjahre entfernt. Klenk redet Klartext: »Die Abschaffung kleiner, familiärer Kreißsäle ist ein großer Verlust für die gebärenden Frauen und für die Hebammen, die sich für eine frauenorientierte, individuelle Geburtshilfe einsetzen und einen Großteil ihrer Berufszufriedenheit daraus beziehen.«

Wo können Schwangere im Landkreis Gießen noch entbinden? »Es gibt eine geburtshilfliche Abteilung im Krankenhaus in Lich, ein Geburtshaus in Holzheim und ein Geburtshaus in Langgöns«, informiert die Hebamme. Das Geburtshaus in Hüttenberg biete seit Jahren keine Geburtshilfe mehr an, sondern nur noch Leistungen in der Schwangerschaft und im Wochenbett sowie Kurse. Das gleiche gelte für das Entbindungshaus Rödgen.

In der Stadt Gießen können Frauen im Katholischen Krankenhaus oder im UKGM, einem Haus der Maximalversorgung, entbinden. Die geburtshilfliche Abteilung im Evangelischen Krankenhaus wurde bereits vor Jahren geschlossen.

Wie kam es zur Aufgabe der Geburtshilfe in den Geburtshäusern? »Das liegt an den weiterhin dramatisch ansteigenden Berufshaftpflichtprämien«, sagt Martina Klenk. Betrug die Berufshaftpflichtprämie im Jahr 2000 noch 413 Euro im Jahr, so beträgt sie derzeit 11 208,36 Euro im Jahr. Im Juli 2023 wird sie auf 12 659,28 Euro steigen. Die steigenden Haftpflichtversicherungsprämien werden seit Juli 2015 gemäß dem aktuellen Vergütungsvertrag in Form des Sicherstellungszuschlags ausgeglichen. Dieser wird auf Antrag der Hebamme rückwirkend ausgezahlt. Mit dem Sicherstellungszuschlag ist eine Zwischenlösung gefunden worden, die den Großteil der Kosten für freiberuflich in der Geburtshilfe tätige Hebammen abdeckt. Der Eigenanteil der Hebamme beläuft sich um die 2500 Euro. »Das Problem ist allerdings, dass die Prämie bis zur Rückerstattung vorfinanziert werden muss«, erläutert Klenk.

Die Schließung des Kreißsaales in Marburg-Wehrda habe zu einer Zunahme der Geburtenzahl in Lich und auch im Katholischen Krankenhaus in Gießen geführt. Nicht alle Frauen wollten in einem Perinatalzentrum (das sind Einrichtungen zur Versorgung von Früh- und Neugeborenen) entbinden.

Das Problem der verbleibenden Kliniken sei, dass diese weder räumlich noch personell für die steigenden Geburtenzahlen ausgestattet seien. »Das heißt, es gibt zu wenig Kreißsäle und zu wenig Hebammen«. Es sei auch nicht so, dass die Hebammen aus den geschlossenen Kreißsälen in die verbleibenden Krankenhäuser gehen, um dann dort zu arbeiten. Klenk weiß: »Nicht alle Hebammen möchten in einem Haus der Maximalversorgung mit vielen pathologischen Geburten und Kaiserschnitten arbeiten.«

Viele bevorzugten eher kleinere und atmosphärisch familiäre Abteilungen. »Deshalb gehen diese Hebammen dann eher aus der Geburtshilfe raus oder lassen sich mit nur einer kleinen Teilzeitstelle in einem Perinatalzentrum anstellen.« Für die Hebammen in den verbleibenden Kreißsälen bedeute die Schließung von Kreißsälen weitere Arbeitsverdichtung. So gaben bereits in der Picker-Studie 2016 über die Hälfte der befragten Hebammen an, häufig drei Frauen parallel, weitere zwanzig Prozent sogar vier Frauen parallel unter der Geburt betreuen zu müssen. »Durch den ökonomisch begründeten Trend zur Schließung kleinerer Abteilungen hat sich diese Versorgungslage weiter verschlechtert«, kritisiert die Hebamme.

Im Landkreis Gießen sind 70 Hebammen Mitglied im Landesverband der Hessischen Hebammen. »Es gibt selbstverständlich auch Hebammen, die das nicht sind, wie viele es sind, weiß ich leider nicht«, sagt Martina Klenk. Im Jahr 2021 gab es im UKGM Gießen 1927 Geburten, im Katholischen Krankenhaus waren es 1400 und im Krankenhaus Lich 1100, insgesamt also 4427 Geburten. Im Geburtshaus Langgöns, das erst im März 2021 eröffnet wurde, kamen bei Kim Spottog und Vanessa Hildmann bis zum Jahresende 61 Kinder zur Welt, davon waren 46 Hausgeburten.

Damit zählen sie zu den ganz wenigen Hebammen, die noch Hausgeburten anbieten. »In der ersten Hälfte dieses Jahres hatten wir bereits 52 Geburten«, berichtet Kim Spottog. Bei Julia Stoffer im Geburtshaus Holzheim waren es 2021 96 Geburten, davon sechs Hausgeburten. Hausgeburten werden dort derzeit nicht vollumfänglich angeboten, Schwerpunkt sind die Entbindungen in der Einrichtung. Etwas für Statistikfans: 2020 lag der Prozentsatz der außerklinischen Geburten in Deutschland bei 1,8, für 2021 wurde er noch nicht mitgeteilt.

»Schließung eine Katastrophe«

Die Tendenz ist seit Beginn der Statistik im Jahr 2001 minimal aber kontinuierlich steigend, damals lag er bei 1,12 Prozent. Für den Landkreis Gießen ergibt sich für 2021 ein Wert von 3,55 Prozent, wobei dabei die Geburten im Geburtshaus Staufenberg noch nicht eingerechnet sind, das mittlerweile geschlossen wurde, eine entsprechende Anfrage blieb unbeantwortet. Die außerklinischen Geburten im Landkreis Gießen liegen damit also sogar über dem bundesdeutschen Schnitt.

Der Hebammenmangel mache sich im Landkreis Gießen insbesondere bei der Hausgeburtshilfe und im Wochenbett bemerkbar, weiß Martina Klenk: »Hausgeburtshilfe ist fast gar nicht mehr möglich. Wer eine Hebammen-Betreuung für das Wochenbett sucht, sollte sich darum schon sehr frühzeitig kümmern«, empfiehlt Klenk. Dies liege auch daran, weil viele Kolleginnen nur noch Teilzeit arbeiten würden, deshalb gebe es »große Engpässe«.

Als Vorsitzende des Landesverbands arbeitet Martina Klenk auch eng mit dem Sozialministerium zusammen, entwickelt dort am runden Tisch Konzepte und Projekte mit, die durchaus vielversprechend seien. »Wir arbeiten intensiv daran, die Situation zu verbessern«, betont sie. »Wenn dann, wie in Dillenburg, die Schließung einer Geburtsstation im ländlichen Raum geplant ist, konterkariert das selbstverständlich unsere Bemühungen.«

Solange Profitinteressen und nicht die Daseinsvorsorge die Krankenhausplanung steuerten, stehe es um die Geburtshilfe in Deutschland ganz schlecht. »Sollte der Kreißsaal in Dillenburg tatsächlich geschlossen werden, wäre das für die Versorgung schwangerer Frauen im ländlichen Raum des Lahn-Dill-Kreises eine Katastrophe.« Frauen mit Wehen werde dann zugemutet, Fahrzeiten von bis zu 45 Minuten nach Wetzlar, Marburg oder sogar in ein anderes Bundesland, nach Siegen, durchzustehen. »Um dort dann eventuell sogar abgewiesen zu werden, weil der Kreißsaal voll ist.« Foto Rieger

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Martina Klenk © Imme Rieger

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