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Heile Welt aus den Fugen

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Von: Thomas Schmitz-Albohn

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Mit einem großen Ei im Arm besingen Tomi Wendt und Jana Markovic das Baby (nach Kurt Tucholsky); rechts Ben Janssen als Dr. Khranich. Foto: Patrick Pfeiffer © Patrick Pfeiffer

Albern, laut, schrill: Die Premiere der »Gefährlichen Operette« wurde mit langanhaltendem Beifall gefeiert.

Gießen. Das Stück heißt »Gefährliche Operette«. Sage also keiner, man hätte ihn nicht gewarnt. 75 Minuten lang ist es laut, schrill, chaotisch, albern. Schließlich hebt auch noch der Dirigent ab, und das johlende Publikum ist aus dem Häuschen. Wer fragt, für wen oder was diese Operette gefährlich werden kann, erhält nach der Premiere am Samstagabend im Stadttheater die unmissverständliche Antwort: Sie ist gefährlich für Langeweile, miese Laune und Schwermut. So empfanden es auch die Besucher, die am Ende alle Beteiligten der Produktion mit langanhaltendem Beifall feierten.

Zu Beginn sieht man nur das achtköpfige Ensemble mit Musikern aus den Reihen des Philharmonischen Orchesters. Neben Cello und Klarinette deuten bereits Schlagwerker, Blechbläser, E-Gitarre und Klavier darauf hin, dass hier keine sentimentale Operettenseligkeit mit rührendem Herz-Schmerz-Kitsch zu erwarten ist. Ansonsten ist der Bühnenraum schwarz und leer, als Dr. Thorsten Khranich auftritt. Wir, das Publikum, befinden uns nämlich als Zuhörer in einem nüchternen Vortragssaal der Volkshochschule, wo der Dozent über die Operette in Geschichte und Gegenwart sprechen will. Mit Spielwitz und hintergründiger Komik verkörpert Ben Janssen diesen schüchternen, schusseligen, weltfremden und ziemlich seltsamen Musikwissenschaftler, dem sein eigener Vortrag schon bald um die Ohren fliegt, weil die schlagkräftige Musik selbst das Heft in die Hand nimmt. Die heile Operettenwelt gerät aus den Fugen.

Von der Seitenloge aus dirigiert Generalmusikdirektor Andreas Schüller mit Schmackes, dass es einen zuweilen fast vom Sitz reißt. Cancan, Walzer, Polka und Bossa Nova wirbeln von nun an wild durcheinander, doch die Musik des in der Premiere anwesenden 46-jährigen Komponisten Gordon Kampe orientiert sich weniger an Offenbach, Strauss und Léhar als vielmehr an Kurt Weill, den Jazz-Operetten eines Paul Abraham sowie den Musikrevuen der 1920er und frühen 30er Jahre. Die schwarze Bühne belebt sich. Zu den knackigen Klängen schimmert in der Höhe eine grünliche Mondsichel, im Hintergrund taucht eine große, grüne Festtagstorte auf, und die Darsteller tragen giftgrüne Fantasiekostüme (Bühne und Kostüme: Elisabeth Vogetseder).

Bloß nicht alles so ernst nehmen

Für kurze Zeit entrollt sich von oben der Bühnenvorhang des Jugendstilmalers Hans Koberstein, den man aus dem Theaterfoyer kennt, wo er seinen Platz gefunden hat. Doch dieses, nur einen Augenblick aufscheinende Bild ist Koberstein und ist es doch wieder nicht, denn die dramatis peronae des Originals fehlen. Damit gibt das weibliche Regieduo (Elena Tzavara, Sarah Ritter) den Hinweis: Nichts ist, wie es scheint. Oder: Bloß nicht alles so ernst nehmen!

Die Regisseurinnen haben auch gut daran getan, den beiden Hauptdarstellern möglichst viel Freiraum zu geben, denn Jana Markovic (Mezzosopran) und Tomi Wendt (Bariton) verfügen nicht nur über die nötige stimmliche Gestaltungskraft, sondern erweisen sich - von Wendt wusste man es bereits zu Genüge - als Erzkomödianten, die ihre Rollen mit spürbarem Genuss ausspielen.

In immer neuen Verkleidungen spulen sie den Reigen greller, satirischer und wahnwitziger Nummern nach Texten von Sibylle Berg, Kurt Tucholsky, Guillaume Apollinaire, Wiglaf Droste, Schorsch Kamerun und anderen ab. Da gibt es viel Klamauk und Nonsens, so dass es einem nichts ausmacht, wenn man mal akustisch etwas nicht versteht, weil es vielleicht sowieso nichts zu verstehen gibt. In der Moritat »Vogellied« (Apollinaire) schildert Wendt, wie er langsam und voller Lust einen kleinen Vogel aufschlitzt; dazu liefert das kleine Orchester die passenden lautmalerischen Klänge. Als melancholischer Walzer beginnt der »Ehestand der Dinge«, bei dem die Stimmakrobatin Jana Markovic verkündet: »Worum es geht, ist nichts mehr müssen, bloß lieben und lachen und küssen.«

»Die Fledermaus« und Impfdosen

An anderer Stelle werden die drohenden Worte »Wir werden sie jagen« des AfD-Hetzers Alexander Gauland in Erinnerung gerufen. Großes Gelächter ruft bald darauf der Flachwitz »Der Dalmatiner« hervor: »Ein Dalmatiner an der Supermarktkasse, fragt die Kassiererin: Sammeln Sie Punkte?« Eine herrliche Slapstick-Einlage ist »Glückwunschkarte für Feinde« von »Die Känguru-Chroniken«-Autor Marc-Uwe Kling, bei der Wendt als Hase gegen VHS-Khranich boxt.

Endlich klingt die »Fledermaus« an. Doch halt: Ist dieses Tier nicht für das Virus verantwortlich, das uns seit fast drei Jahren in Atem hält? »Wo doch so viele potenzielle Risikopatienten anwesend sind«, gibt die Sängerin noch zu bedenken. Und schon beginnt die eigens für Gießen dazugeschriebene Impfpolka (Gordon Kampe, Ann-Christine Mecke), in der es heißt: »Geh’n wir heute impfen!« Bei den Impfdosen, die die Darsteller dabei in den Reihen des Publikums verteilen, handelt es sich freilich nicht um Spritzen, sondern um goldene Fläschchen (Sekt?).

Alles in allem ein kunterbunter Abend, der gute Laune macht. Warum Andreas Schüller am Ende in die Luft geht, wird an dieser Stelle allerdings nicht verraten. Das müssen sich die Leute selbst anschauen. Gelegenheit dazu ist wieder am 10. und 28. Oktober sowie am 5. November jeweils um 19.30 Uhr.

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