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Interview

Heute letzter Arbeitstag für Stefan Bechthold

Heute ist nach zwölf Jahren im Amt der letzte Arbeitstag für Fernwalds Bürgermeister Stefan Bechthold. Im Interview zieht er Bilanz und berichtet über die schlimmste Zeit als Bürgermeister.

An dem Tag, an dem dieses Interview erscheint, endet Ihre Amtszeit. Wie waren die vergangenen Wochen für Sie?

Ich hatte im kleineren Kreis viele Formen der Verabschiedung, die teilweise sehr emotional waren. Von daher empfinde ich schon Wehmut. Es ist aber auch schön, dass es viel Bedauern und Verständnis gibt. Mir schlägt eine Welle der Sympathie entgegen. Aber ich bin auch froh, dass ich diese Entscheidung getroffen habe.

Bitte erklären Sie mir, wie es zu der Entscheidung kam, nicht erneut zu kandidieren.

Das war ein Prozess, der ist gereift mit meiner Familie und politischen Weggefährten. Für meine Familie war gerade das Thema Wahlkampf sehr belastend. Man kann von Glück sagen, dass meine Frau und meine Töchter das so mitgemacht haben. Ich bin jetzt 55. Wenn ich nochmal kandidiert hätte und gewählt worden wäre, dann wäre ich 61 gewesen. Mit 55 kann man noch andere interessante Dinge machen. Auch die zunehmende Respektlosigkeit gegenüber Wahlbeamten hat eine Rolle gespielt. Wobei ich nicht ausschließen will, nochmal politisch aktiv zu werden. Ich habe auch Anfragen, als Bürgermeister zu kandidieren. Aber das ist nicht meine Priorität.

Sie haben Anfragen, in anderen Kommunen als Bürgermeisterkandidat anzutreten?

Ja, genau. Das kommt sicherlich erstmal nicht in Frage. Ich war selbst über die Anfragen überrascht und kann es mir auch derzeit nicht vorstellen. Ich ziehe zum Beispiel nicht mehr um. Wir haben unser Zuhause gefunden und wohnen hier schön.

Warum sollten Sie woanders Bürgermeisterkandidat sein, wenn Sie es in Fernwald nicht mehr machen wollten?

Vielleicht gibt es Herausforderungen in anderen, in größeren Städten - hypothetisch.

Wie fällt Ihre Bilanz der zwölf Jahre aus?

Wir haben aus meiner Sicht unglaublich viel gemacht und erreicht. Stichpunktartig will ich nennen die Vermarktung der Bauplätze in den Baugebieten »Senser II« in Albach und den diversen Abschnitten der »Jägersplatt« in Annerod. Die Ansiedlung der »AutoExpo« und von »med DV« im Gewerbegebiet »Oppenröder Straße« in Steinbach, der Solarpark in Albach, das Wohnquartier »Steinbacher Gärten«, die Erweiterung der Kindergärten, die Sanierung des Heimatmuseums und noch vieles mehr.

Welche Altlasten hinterlassen Sie Ihrem Nachfolger Manuel Rosenke?

Ungelöst ist die Situation rund um Fernwaldhalle, Rathaus sowie Feuerwehr und Tennisplatz in Steinbach. Dabei geht es um ein Gesamtkonzept, das einen attraktiven zentralen Platz sowie ausreichend Parkplätze vorsieht. Die Vorlage ist vor zwei Jahren im Gemeindevorstand zurückgestellt und seitdem nicht mehr aufgerufen worden. Eine große Herausforderung ist die Frage, wie sich die Gemeindevertretung zu den Straßenbeiträgen entscheidet. Schafft man sie ab, belässt man das alte System oder führt man wiederkehrende Beiträge ein? Es müssen in der Zukunft ein paar Straßen saniert werden. Ungeklärt ist auch die Sanierung der Ortsdurchfahrt Steinbach, einer Landesstraße.

War der Streit um die Einsatzabteilung in Albach der Tiefpunkt in den zwölf Jahren?

Zumindest medial für einen gewissen Zeitraum das beherrschende Thema. Beeindruckend ist, dass zwei Leute in der Lage sind, andere auf einen falschen Weg zu bringen. Der sich dann nicht mehr korrigieren lässt. Was haben wir alles getan, um das Problem zu lösen: Es gab Gespräche von der lokalen Ebene bis zum Präsidenten des Landesfeuerwehrverbandes. Als die Wehrführung zurückgetreten ist, blieb nur noch der Ausweg, die Einsatzabteilung außer Dienst zu stellen.

Was würden Sie heute anders machen?

Das soll nicht überheblich klingen: Ich wüsste nicht, was wir anders hätten machen sollen.

Sie haben nichts grundlegend falsch gemacht?

Im Schreiben von einem Fachanwalt ist mir Organisationsversagen vorgeworfen worden, weil die Albacher nicht zu Einsätzen auf die Bundesstraße 457 fahren sollten. Das haben wir widerlegt, aber die Gegenseite ist davon nicht abgewichen. Dann hat das eine Dynamik entwickelt, die ich bis heute nicht verstehen kann.

Was hat das Thema grundsätzlich für die Stimmung in Albach bedeutet?

Einzelne sind verärgert. Der größte Verlust sind die 20 jungen Menschen, die ihr Ehrenamt nicht mehr ausüben. Dabei hätten sie das tun können in dem vorgeschlagenen zweiten Löschzug in Steinbach. Es gab die Mediation, aber es ist alles gescheitert.

2016 gab es gegen Sie, den damaligen Ersten Beigeordneten Karl-Rudolf Schön und den Imaxx-Geschäftsführer Jochen Ahl ein Strafverfahren wegen des Verdachts der Urkundenfälschung im Zusammenhang mit dem städtebaulichen Vertrag zum ersten Abschnitt des Baugebiets »Jägersplatt III«. Das Verfahren gegen Sie und Schön ist wegen Geringfügigkeit eingestellt worden, Ahl musste 3000 Euro zahlen. Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung?

Ich habe noch nie so eine belastende Situation erlebt. Ich kann mich an den Freitag erinnern, als das anfing. Ich war morgens mit dem Hund joggen und sah dann, dass meine Sekretärin Ellen Starke sieben Mal versucht hatte, mich auf dem Handy zu erreichen. Polizei und Staatsanwaltschaft waren im Rathaus und haben Akten sichergestellt. Als die Sache über die Medien bekannt wurde, war Stadtfest in Gießen. Ich bin abends überall darauf angesprochen worden. Ich konnte mir nicht erklären, warum ich angezeigt wurde und was man versucht hat.

Die Anzeige wurde von den damaligen Beigeordneten Sascha Höres und Thomas Schäfer (beide CDU) und dem damaligen Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Bernd Voigt, gestellt. Was meinen Sie mit »was man versucht hat«?

Der Wunsch im Gemeindevorstand war, dass in den städtebaulichen Vertrag, der schon bestand, noch eine Bebauungsverpflichtung aufgenommen werden sollte. Karl-Rudolf Schön und die drei haben den Satz formuliert und das wurde protokolliert. Der Vertrag wurde geöffnet, die besagte Seite ausgetauscht und zur Dokumentation jede Seite unterzeichnet. Das habe ich in der Gemeindevertretung mitgeteilt. Voigt und Höres haben dann unterstellt, dass die Änderung Urkundenfälschung war. Schäfer hatte mit mir den Ursprungsvertrag unterschrieben, weil Schön im Urlaub war. Und Schön und ich haben dann die Änderung unterschrieben. Das ganze Thema hat ein dreiviertel Jahr gedauert. Für meine Eltern war das sehr belastend. Und ich habe mich sehr geärgert und geschämt, weil es Karl-Rudolf Schön betroffen hat, der sich nach 43-jährigem Engagement im Gemeindevorstand, davon 15 Jahre als Erster Beigeordneter, zurückgezogen hatte.

Hat es danach eine Aussprache mit Voigt, Höres und Schäfer gegeben?

Nein, Voigt ist für mich durch. Aber dass Höres, der heute CDU-Fraktionsvorsitzender ist, nach der Einstellung des Verfahrens nicht den Anstand hatte, den Fehler einzugestehen ... Ich habe kein Verständnis dafür, wenn man nicht sagen kann: ›Es tut mir leid‹.

Grundsätzlich war viele Jahre das Klima in der Gemeindevertretung sehr schlecht. Welchen Anteil haben Sie daran?

Ich habe den größten Anteil daran, weil ich am 7. Juni 2009 die Wahl gegen Amtsinhaber Matthias Klose von der CDU gewonnen habe. Zwölf Jahre habe ich versucht, mit der CDU - ob Fraktion oder Partei - ins Gespräch zu kommen. Das hat nie stattgefunden. Alle, die den 7. Juni 2009 nicht verkraftet haben, sind heute noch in der CDU aktiv. Das ist im Kern das Problem.

War der Konflikt mit der CDU schlimmer als mit den Grünen?

Ich hatte mit den Grünen keinen Konflikt, das war nur eine Person.

Wie hat das Amt Sie verändert?

Da müssen Sie meine Frau fragen. Ich war, bin und bleibe immer unter Dampf und bin im positiven Sinne Workaholic. Aber ich bin sicherlich ruhiger geworden. Es hat mich vieles nachdenklich gemacht in der Zeit, sowohl, was die Politik in Gänze angeht, als auch der Umgang miteinander.

Wie haben Sie die Belastung des Amtes kompensiert?

Ich war schon immer sehr sportlich, fahre zum Beispiel viel Fahrrad und bin mehrfach bei der »Tour der Hoffnung« mitgefahren. Ich habe einen guten und großen Freundeskreis, der einen trägt. Und meine Familie war mir immer heilig. Meine Kinder sind in den zwölf Jahren groß geworden. Mein Vater ist leider vor drei Jahren gestorben, ich kümmere mich um meine Mutter. Familie steht immer im Vordergrund.

Was hat das Amt für Ihre Familie bedeutet?

Meine Frau sagt immer über mich: ›Sobald Du mit der Nasenspitze aus der Tür guckst, hast Du Bürgersprechstunde‹. Sie hat alles miterlebt und in den schlimmen Zeiten mitgelitten.

Welche beruflichen Perspektiven gibt es?

Den Januar gönne ich mir komplett zum Ausruhen und dann wird man Entscheidungen treffen, in welche Richtung es geht. Aber es ist noch nichts konkret.

Stehen Sie 2026 auf der SPD-Liste für die Gemeindevertretung?

Auf keinen Fall. Ich finde, das tut man nicht.

Mit dem Wissen von heute: Würden Sie einem jüngeren Stefan Bechthold raten, Bürgermeister in Fernwald werden zu wollen?

Ja, 100-prozentig. Es war eine tolle Zeit, eine Herausforderung. Das Amt hat mir viel gegeben. Allein die ganzen Menschen, die ich kennengelernt habe. Als Bürgermeister sollte man nie den Anspruch haben, es jedem recht machen zu wollen. Tagtäglich muss man den Menschen irgendetwas verkünden, was ihnen nicht gefällt. Aber deshalb ist es umso wichtiger, dass man es ihnen erklärt. Das war mein Selbstverständnis als Bürgermeister.

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