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Hungener heute fester Bestandteil des Teams

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Von: Klaus Kächler

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Hier ist Konzentration gefragt: Yannick Fischer bereitet Filter für den Versand vor. Foto: Kächler © Kächler

Der Integrationsfachdienst besteht seit 30 Jahren, unter anderem hilft er einem Autisten aus Hungen, am Arbeitsplatz zu bestehen.

Lich . (klk). »Menschen wie ich sehen die Dinge oft etwas anders«, schildert Yannick Fischer. Bei dem 29-Jährigen wurde schon als Kind eine Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert. Das machte es dem Hungener alles andere als leicht, eine Arbeitsstelle zu finden. Mittlerweile arbeitet er jedoch seit fünf Jahren bei der Firma Heta in Lich. Eine echte Erfolgsgeschichte. Das findet auch sein Chef, Geschäftsführer Heiko Hensel. Den Kontakt zu seinem neuen Arbeitgeber stellte damals Martin Schmidt, stellvertretender Geschäftsführer des Integrationsfachdienstes (IFD) Gießen/Wetzlar, her.

Nach dem Besuch der Agnes-Neuhaus-Schule in Gießen absolvierte Yannick Fischer erfolgreich eine Ausbildung zum Metallbearbeiter im Berufsbildungswerk in Karben. Doch alle Versuche, danach eine feste Anstellung zu bekommen, scheiterten an seinem Handicap. »Auch eine Fortbildung als Dreher hat mir nix genutzt«, erinnert er sich.

Damals hatte Yannick Fischer noch große Probleme, Menschen in die Augen zu schauen. Auch geschlossene Räume ohne Rückzugsmöglichkeit machten ihm Angst. So kam es, dass er fünf Jahre lang arbeitslos war.

Über die Agentur für Arbeit in Gießen kam Yannick Fischer schließlich zum Integrationsfachdienst. Im Auftrag der Arbeitsagentur sucht der Fachdienst Betriebe, die bereit sind, Menschen mit Handicap für zwei Jahre in eine Unterstützte Beschäftigung (UB) zu übernehmen. Für die Unternehmen gibt es dabei eine Vielzahl von Fördermöglichkeiten.

»Ich weiß noch genau, dass ich damals ziemlich gefrustet durch Lich fuhr, weil alle Versuche, einen Betrieb für Yannick zu finden, fehlgeschlagen waren. Als ich durch die Gottlieb-Daimler-Straße kam, sah ich zufällig ein offenes Hallentor. Ich konnte sehen, dass dort Metall verarbeitet wird. Also beschloss ich, einfach mal zu fragen«, erinnert sich Schmidt.

Und tatsächlich: Heiko Hensel zeigte sich sofort aufgeschlossen. »Sicher war es nicht immer einfach, doch heute ist Yannick ein fester Bestandteil des Teams und wir sind froh, dass wir ihn haben« erklärt der Heta-Geschäftsführer rückblickend.

Raue Sprache

25 Mitarbeiter aus unterschiedlichen Kulturen sind in Lich beschäftigt. »In unserem Unternehmen werden alle gleich behandelt. Keiner sollte sich wertvoller fühlen als andere, Mitarbeiter mit Behinderung eingeschlossen. Das musste schon auch das ein oder andere Mal deutlich kommuniziert werden«, stellt Hensel klar. Ein erfreulicher Nebeneffekt: Die üblicherweise raue Sprache in der Produktionshalle sei generell etwas sensibler geworden.

Heta ist Teil der Paco-Gruppe und entwickelt und produziert komplette Filteranlagen unter anderem für Raffinerien, Kernkraftwerke und zur Gewinnung von Flüssiggas.

»Die Fortschritte, die Yannick in den vergangenen fünf Jahren gemacht hat, sind enorm«, berichtet Heiko Hensel. »Inzwischen kann er selbstständig Pakete annehmen und ist für den Versand wichtiger Teile verantwortlich«. lobt der Chef. Den Kranführerschein zum Verladen von bis zu acht Tonnen Gewicht hat er bestanden und eine neue Automatisierungsanlage soll er künftig eigenverantwortlich führen.

Mit den Kollegen kommt er klar und wird für seinen »trockenen Humor« geschätzt.

Unterschiedliche Wahrnehmung

Allerdings gibt es, bedingt durch den Autismus, noch immer Bereiche, an denen Yannick arbeiten muss: Ich kann sehr schlecht Gesichtsausdrücke einschätzen und, wenn es laut wird, weiß ich oft nicht, ob jemand ärgerlich ist oder einfach nur einen Witz macht.« Hinzukomme die unterschiedliche Wahrnehmung: »Wenn ein Papier auf dem Boden liegt, kann es sein, dass ich es beim Aufräumen gar nicht sehe, weil es mich in diesem Moment nicht stört. Dann muss man mir sagen, was zu tun ist«, schildert der Hungener.

Die Abteilung Integrationsfachdienst (IFD) Gießen/Wetzlar feiert dieses Jahr ihr 30-jähriges Bestehen. In enger Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit, dem Jobcenter und dem Integrationsamt informiert der Integrationsfachdienst Unternehmen über Förderungen und Möglichkeiten der individuellen Arbeitsplatzgestaltung.

Wie Stefan Leyerer, Teamleiter im Bereich Rehabilitation und Teilhabe bei der Agentur für Arbeit, ausführt, hätten viele Arbeitgeber Ängste, dass Mitarbeiter mit Behinderung nicht mehr gekündigt werden könnten, wenn es nicht passt. Dabei sei die Unterstützte Beschäftigung doch eigentlich maßgeschneidert für ein gegenseitiges Kennenlernen und Abschätzen der Möglichkeiten. Derzeit würden im Bezirk der Gießener Arbeitsagentur fünf UB-Maßnahmen durchgeführt. »Eine Erfolgsquote von bis zu 90 Prozent spricht für sich«, so Leyerer.

Dazu zählt mit Sicherheit auch der Werdegang von Yannick Fischer. Ein Projekt liegt allerdings auch seinem Chef noch am Herzen: »Derzeit üben wir für den Führerschein. Aber auch das schaffen wir noch.«

Um Arbeitgebern einen Weg durch den Förderdschungel zu bahnen, wird ab Oktober eine neue Stelle beim FDI eingerichtet. Diese Einheitliche Ansprechstelle für Arbeitgeber (EAA) informiert, berät und unterstützt Arbeitgeber bei der Einstellung und Beschäftigung von schwerbehinderten Menschen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Sie steht Unternehmen als trägerunabhängiger Lotse bei Fragen zur Ausbildung, Einstellung, Berufsbegleitung und Beschäftigungssicherung von Menschen mit Behinderung zur Verfügung. Ansprechpartner ist Martin Schmidt unter 0641/97576-31 oder per E-Mail an schmidt@ifd-giwz.de.

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