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»Ich bin keine Diebin«

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Kreis Gießen (bcz). »Ich habe meinen Teil der Arbeit komplett erfüllt«, sagte die 37-jährige Spanierin, die sich aktuell dem Tatvorwurf des Ankaufs und Handels mit Marihuana in einer nicht geringen Menge vor der fünften Strafkammer des Landgerichts Gießen verantworten muss.

Abgewickelt wurden die Drogendeals 2018 in Sevilla, wo die Angeklagte bis zur ihrer Verhaftung auch lebte. Insgesamt handelt es sich um 50 Kilogramm der Droge, die durch ihr Zutun den Weg aus der spanischen Metropole bis zu einem Gartengrundstück in der Nähe von Garbenteich fanden, um dort weiter verkauft zu werden.

Die Anklage hatte der Spanierin vorgeworfen, zweimal bei einem Handel von je 20 Kilogramm Marihuana in Sevilla aktiv mitgewirkt zu haben. Im Zuge umfangreicher Fahndungsmaßnahmen nach zwei weiteren, mittlerweile verurteilten Tätern, kamen die Ermittler auch auf die 37-Jährige, die mittels eines europäischen Haftbefehls im Oktober 2021 nach Deutschland ausgeliefert wurde. Seitdem sitzt die Mutter einer kleinen Tochter in Untersuchungshaft.

Die schmächtige Frau, die voll geständig war, schilderte den Tathergang aus ihrer Sicht. Sie wuchs in einem Arbeiterviertel der Stadt auf, in dem Drogenhandel und sonstige, illegalen Geschäfte zum normalen Leben dazugehörten. Ihre Eltern hätten mit Drogen und anderen illegalen Dingen gehandelt und deswegen auch Gefängnisstrafen verbüßt.

Sie selbst habe zuvor jedoch nie etwas Illegales gemacht, versicherte sie. Sie habe mit den unterschiedlichsten Arbeiten ihren Lebensunterhalt verdient. Ab 2010 lebte sie auf Lanzarote, heiratete, bekam eine Tochter und war im Gastgewerbe angestellt. Dies sei bis 2017 gut gegangen, dann erkrankten ihre Tante und ihre Mutter. Sie ging zurück auf das Festland, um ihre Angehörigen zu pflegen.

In dieser für sie sehr emotional belastenden Situation habe der mittlerweile verurteilte Peter P. die Mutter kontaktiert und gefragt, ob diese ihm nicht bei der Beschaffung von Marihuana helfen könne. Da ihre Mutter zu dem Zeitpunkt schon an Krebs erkrankt war, übernahm sie die Suche nach den entsprechenden Kontakten. Er habe ein Budget von 50 000 Euro.

Schließlich fädelte sie den ersten Deal ein: Sie sah sich die Plantage an, handelte die Konditionen aus, überprüfte die Qualität und überwachte das Abpacken. Um den Transport nach Deutschland kümmerten sich andere Personen. Der erste Deal lief zu aller Zufriedenheit, sie erhielt die vereinbarten 2000 Euro. Allerdings stellte sich bei der Übergabe heraus, dass die Zwischenhändler nicht 20, sondern 30 Kilo von dem Stoff geliefert hatten, wovon die Angeklagte angeblich nichts wusste und auch damit nichts zu tun haben will. Das war im Februar 2018.

Im Oktober des gleichen Jahres habe sich der Deutsche erneut bei ihr gemeldet und eine weitere Lieferung bei ihr geordert. Sie habe das aber nicht mehr machen wollen. Er habe sie mit 4000 Euro Vermittlungsprovision gelockt und sie habe sich darauf eingelassen.

Auch beim zweiten Mal sei alles nach Plan gelaufen. Allerdings habe sie der Käufer nach der erfolgten Lieferung nach Deutschland angerufen und sich über die mangelnde Qualität beschwert. Daraufhin flog sie nach Deutschland. Sie wurde zum Gartengrundstück in Pohlheim gebracht, wo die Lieferung gelagert wurde. Die Drogen, die sie dort fand, seien wirklich von sehr schlechter Qualität gewesen. So beschuldigten sich schließlich die Drogenhändler gegenseitig des Betrugs. »Ich bin keine Diebin. Ich habe meinen Teil der Arbeit komplett erfüllt«, betonte sie. Den vereinbarten Bonus in Höhe von 2000 Euro habe sie jedenfalls nicht erhalten und sei unverrichteter Dinge wieder zurückgeflogen.

Der vernommene Polizeibeamte bestätigte den Verlauf der Geschäfte im Wesentlichen wie von der Angeklagten beschrieben.

In der Version des mittlerweile rechtskräftig verurteilten deutschen Dealers hörte sich die Geschichte jedoch ganz anders an. Zunächst bestritt er, den ersten Handel überhaupt getätigt zu haben. Erst nach Rücksprache mit seinem Anwalt sagte er aus. Im Gegensatz zur Angeklagten behauptete er, dass ihre Mutter ihn angesprochen habe und nicht umgekehrt. Er sei anschließend mit einem Bekannten, einem mittlerweile ebenfalls verurteilten Mittäter, nach Sevilla geflogen, um das Geschäft in Gang zu setzen.

Allerdings differierten seine Mengenangaben und die Höhe der Geldzahlungen innerhalb seiner Aussage und wichen auch ab von den Angaben der Angeklagten. Den gelieferten Stoff der zweiten Lieferung bezeichnete er als »Schrott«. Lediglich einen Teil habe ihm sein Bekannter abgenommen. Abgewickelt wurden beide Deals auf einem Grundstück in Garbenteich. Insgesamt waren seine Aussagen wenig dienlich für die Klärung des Sachverhalts. Zwar gab er sich redselig, verhaspelte sich aber in seinen Angaben und widersprach sich teilweise.

Aufgrund dessen sah das Gericht es als notwendig an, jenen Bekannten als weiteren Zeugen zu vernehmen. Daher wird der Prozess im Mai fortgesetzt.

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